Wer hochfliegt, kann tief fallen. Das muss Daniel Anrig (51) aus Rapperswil-Jona SG am eigenen Leib erfahren. Nach einer Bilderbuchkarriere steht er aktuell unter anderem wegen Drohung mit einer Kettensäge vor Gericht. Schaut man sich Anrigs Leben an, wird klar: Es ist nicht der erste auffällige Vorfall.
Der Lebenslauf von Anrig ist eindrucksvoll: In den vergangenen 22 Jahren war er unter anderem Chef der Glarner Polizei, der Schweizergarde im Vatikan, der Zürcher Flughafenpolizei, einer privaten Sicherheitsfirma und Gemeindeschreiber von Zermatt VS. Nun ist er Sicherheitschef des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests 2025 – die Liste der prestigeträchtigen Jobs scheint nicht enden zu wollen. Doch bereits 2003 kriegt das respektable Bild von Anrig einen ersten Riss.
Verwickelt in mehrere Skandale
Bei einer Razzia in zwei Glarner Asylunterkünften kommt es 2003 zu einem der grössten Polizei-Skandale der Schweiz: Asylbewerbende werden von Polizisten gefesselt, teilweise ausgezogen sowie mit Säcken über den Köpfen und Nummern auf dem Oberkörper fotografiert. Als damaliger Chef der Glarner Kriminalpolizei ist Anrig verantwortlich für die Einsätze. Es kommt zur Anzeige, doch das Verfahren wird eingestellt und hat für Anrig keine nennenswerten Folgen. Zwei Jahre später wird er zum Glarner Polizeikommandanten befördert.
Ab 2008 ist Anrig Kommandant der Schweizergarde im Vatikan, doch 2015 wird er entlassen. Die Hintergründe sind nicht offiziell bekannt. Aber gemäss italienischen Medien stört sich der Papst an Anrigs militärischem Führungsstil und dem protzigen Lebensstandard. Sowohl Anrig als auch Papst Franziskus haben das jedoch dementiert.
Im November 2020 übernimmt Anrig die Gemeindeschreiberei von Zermatt. Auf Ende 2022 kündigt er, um Sicherheitschef des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests 2025 zu werden. Doch dann verschwindet Anrig im November plötzlich, wird sogar von der Walliser Polizei gesucht – nur, um dann in einer Zelle eines Zürcher Untersuchungsgefängnisses wieder aufzutauchen. Der Kettensägen-Vorfall landete vor einem Monat vor dem Bezirksgericht Meilen ZH. Heute wird das Urteil eröffnet.
Wer hat wen mit der Kettensäge bedroht?
Daniel Anrig soll den Handwerker Milo T.* mit einer Kettensäge bedroht haben. Dieser ist der Exfreund von Chantal J.*, der Mutter von Anrigs mittlerweile dreijährigen Tochter. Das Mädchen wurde gezeugt, als Chantal J. und Milo T. noch ein Paar waren und ihren damaligen Nachbarn Daniel Anrig um eine Samenspende baten. Im November 2022 war das Paar getrennt, aber noch befreundet. Anrig besuchte seine Tochter regelmässig.
Am Tatabend befinden sich alle vier Personen in und ums Haus von Chantal J. in Hombrechtikon ZH. Zwischen den Männern kommt es zum Streit, infolgedessen Anrig mit der laufenden Kettensäge auf Milo T. zugerannt sein soll. Doch laut Anrig war es genau umgekehrt: Er will von Milo T. mit einer Kettensäge bedroht worden sein und erst darauf selbst eine in die Hand genommen haben.
Augrund dieser Verteidigung hat die Staatsanwaltschaft Anrig auch wegen falscher Anschuldigung angeklagt. Beide Parteien fordern, dass der gegnerische Beschuldigte eine zehnmonatige bedingte Haftstrafe kassiert.
Nicht der erste Prozess wegen Beziehungstat
Während der Ermittlungen wird bekannt: Daniel Anrig wurde bereits im Januar 2021 vom Zürcher Bezirksgericht wegen mehrfacher Nötigung und Hausfriedensbruchs zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Er soll eine Ex-Freundin gestalkt und bedroht haben. Demnach habe er mit Suizid sowie der Frau und dem gemeinsamen Sohn mit dem Tod gedroht. Anrig hat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt, weswegen es noch nicht rechtskräftig ist.
Im aktuellen Prozess zitierte die Richterin ein psychiatrisches Gutachten von Anrig. Dieses attestiert narzisstische und zwanghafte Anteile «sowie fehlende Empathie und Selbstzentriertheit, insbesondere, wenn es um die Durchsetzung von Entscheidungen geht». Ob das Gericht dieser Einschätzung folgt und Anrig schuldig spricht, wird es heute bekannt geben. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für alle Parteien die Unschuldsvermutung.
Dass er jetzt vor Gericht steht, ist für Anrig selbst unverständlich. Im Prozess sagte er: «Ich lebe im falschen Film! Ich wurde bedroht und dann plötzlich verhaftet.»
* Namen geändert