Darum gehts
- Gotthard-Stau: Urner protestieren am Samstag gegen Ausweichverkehr durch ihre Dörfer
- Familien klagen über gefährliche Situationen und gestörten Alltag durch Stau
- Rund 60 Teilnehmende fordern strengere Massnahmen für Verkehrskontrolle im Kanton Uri
«This way», ruft der Polizist nach der Autobahnausfahrt in Erstfeld UR. Er zeigt direkt und ohne Nachfrage auf die Autobahneinfahrt Richtung Süden. Wer nichts auf der Hauptstrasse verloren hat, muss zurück auf die Autobahn und in den Stau. Die Polizei Uri will damit den Ausweichverkehr auf der Hauptstrasse vermeiden. Klappt das?
Sechs Kilometer weiter Richtung Gotthard zeigt sich: Nein. In Silenen UR fahren unzählige Autos aus den Niederlanden, Deutschland oder Belgien am Haus der Familie Tresch vorbei. Ein Schild am Gartenzaun verrät, was Reto (46) und Michaela Tresch (42) denken: «Ausweichverkehr – kein soziales Leben innerorts möglich!!»
«Waghalsige Überholmanöver, zu hohe Geschwindigkeit und Stau – es ist gefährlich», sagt Vater Reto (46) zu Blick. Im Minutentakt brausen Autos, Camper oder Töffs in Wellen vorbei. «Seit Ostern und bis im Herbst bleibt das so», erklärt Mutter Michaela (42).
Die Folgen davon erlebt Tochter Saskia (16) tagtäglich: «Entweder stoppt niemand, wenn ich über den Zebrastreifen will, oder der Bus kommt mit 20 oder 30 Minuten Verspätung.» Spass mache das Leben so nicht.
Navigationssysteme umfahren Autobahn
Dass Uri schon immer ein Durchfahrtkanton war, wissen auch die Treschs. Stau und Verkehr gehören hierher wie Wilhelm Tell und der Gotthard. Solange die Fahrzeuge auf der Autobahn bleiben, sei ihre Welt in Ordnung. «Das Gegenteil ist der Fall: Es fahren immer mehr Autos über die Hauptstrasse», so Michaela Tresch.
Ihr Mann Reto betont, dass die Staustunden in Zürich, Basel oder im Mittelland zwar höher seien, aber: «Unsere Infrastruktur kann nicht die geringste Menge davon überhaupt schlucken.» Dass sich Fahrzeuge auch bei ihnen vor der Tür stauen, zeige, dass die Lösungsansätze «wenig bis nichts» bringen, findet der Lastwagenchauffeur.
Er fordert ein rigoroseres Handeln der Behörden. «Die Autobahnausfahrten müssen von Flüelen bis Göschenen geschlossen sein», wünscht sich Tresch. Wer über den Gotthardpass will, soll erst in Wassen UR die Autobahn verlassen können.
Weil Navigationssysteme meist die schnellste oder kürzeste Route anzeigen, wird dem Ferienverkehr automatisch die Überlandstrasse angezeigt. Dem Kanton Uri ist die Problematik schon lange bekannt. Die Sorge: Bloss zwei Strassen führen durch Altdorf UR nach Göschenen UR – die Autobahn und die Kantonsstrasse. Sind beide blockiert, stehen auch die Ambulanz, Feuerwehr und Polizei im Stau.
Urnerinnen und Urner protestieren
Wieso die niederländische Familie auf der Kantonsstrasse fährt, will Andrea Echser (57) selbst herausfinden. Vor ihrer Haustür stoppt sie das Auto. «Why are you driving here?», fragt sie. «Navi», sagt die Beifahrerin.
An Echsers Hausfassade in Silenen UR hängt ein Plakat. «Ihr fahrt uns mitten durch die Stube», prangt darauf. Am Samstag protestierte die Urnerin mit mehreren Dutzend anderen Einheimischen. Wieso? «Ich bin gefrustet, fühle mich ohnmächtig», sagt Echser und findet: «Die Politik hat versagt.»
Sie protestierten, indem sie im Schneckentempo und in gelben Shirts mit aufgedrucktem Uri-Stier über den Fussgängerstreifen spazierten. Hin und her, immer wieder. «Fertig lustig mitem Uswiichverkehr», hiess es auf einem Schild. Auf einem anderen stand: «Es stinkt uns!»
Seit vielen Jahren beschäftigt der Ausweichverkehr die Bevölkerung und Politik. Eine funktionierende Lösung gibt es nicht, findet Andrea Echser. Schon als Kind erlebte sie den Verkehr vor der Haustür. Die Autobahn existierte noch nicht. «Der Verkehr staute sich während zwei Wochen hier im Tal», erinnert sie sich.
«Wir haben es satt»
Trotz Autobahn sei es heute schlimmer. Echser: «Jetzt haben wir mehr Verkehr auf der Hauptstrasse als damals.» Es müsse eine Lösung her. «Wir sind nicht das Überlauffass! Die Politiker in Bern müssen handeln.»
Die Kantonspolizei Uri führt verschiedene Massnahmen gegen den Autobahnstau und dessen Auswirkungen durch. In Erstfeld und Amsteg kontrollieren Polizisten die Autofahrenden. Wer keinen glaubhaften Grund für die Hauptstrasse hat, muss auf die Autobahn.
Flüchten wollen weder Andrea Echser noch die Familie Tresch. «Wir leben hier, das ist unser Daheim», sagt Michaela Tresch. Lange blieben die Urnerinnen und Urner still. Sie überliessen die Lösungsfindung der Politik.
Doch langsam dringt der innere Tell aus den Urnerinnen und Urnern hervor. «Wir haben es satt», so Andrea Echser.