Schizophrener Vater
«An Familienfesten hoffte ich, dass er nicht austickt»

Eine neue Studie zeigt, wie belastend es für Kinder ist, mit einem psychisch kranken Familienmitglied aufzuwachsen. Die junge Filmemacherin Eleonora Camizzi erzählt, wie sich das anfühlt.
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Ihr Film war wie ein Katalysator, sagt Eleonora Camizzi – für die ganze Familie.
Foto: © Annick Ramp

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Birthe Homann und Daniel Benz
Beobachter

«Als Kind merkte ich jeweils, dass sich die Energie im Raum veränderte, die Stimme meines Vaters einen gewissen Ton bekam. Dann wusste ich, jetzt muss ich aufpassen.» Eleonora Camizzi ist im Gespräch mit dem Beobachter ruhig und bedacht. Manchmal überlegt die 31-jährige Luzernerin lange, bevor sie antwortet.

Die Regisseurin und Editorin hat letztes Jahr ihr Filmdebüt «Bilder im Kopf» über die Beziehung zu ihrem Vater gedreht. Vincenzo Camizzi lebt mit der Diagnose paranoide Schizophrenie. Typisch für diese Erkrankung sind Stimmenhören und Wahnvorstellungen. 

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Eleonora Camizzi wuchs bei der Mutter auf – die Eltern trennten sich kurz nach ihrer Geburt. Aber sie sah ihren Vater regelmässig. 

Sie fährt sich mit der Hand durch die dunklen Locken. Das Medium Film hat sie sich zunutze gemacht, um das jahrzehntelange Schweigen über die Krankheit zu brechen: «Als Kind dachte ich, wir sind die einzige Familie, in der etwas nicht stimmt – ich habe mich geschämt.» Es sei ein diffuses Gefühl gewesen, das immer da war.

In ständiger Anspannung

Eine neue Studie über junge Angehörige weist auf die Belastungen von Kindern und Jugendlichen hin, die mit einem psychisch kranken Elternteil oder Geschwister aufwachsen. Rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung über 18 Jahren ist betroffen – das entspricht 1,9 Millionen Personen. Oft übernehmen diese jungen Menschen zu viel Verantwortung, leben in ständiger Anspannung. Oder sie glauben sogar, sie seien an der Situation schuld. So wie Eleonora Camizzi.

Camizzis Mutter bemühte sich um Offenheit, aber der Vater habe nie direkt das Gespräch gesucht. Eleonora Camizzi habe immer gewusst, dass er anders ist als andere Väter. «Die Angst, er könnte plötzlich auftauchen und eine Szene machen, hat mich eine Zeit lang stark begleitet.» Sie habe ihn während der Jugend auf Distanz gehalten und wollte ihn selbst bei ihrer Maturafeier nicht dabeihaben.

Auf Kosten des Kindseins

Wie viele Gleichaltrige, die unverhofft in eine solche Rolle geraten, musste Eleonora Camizzi damals Aufgaben übernehmen, die eigentlich Erwachsene erfüllen müssten. «Sicherheit herstellen, Verantwortung tragen, Emotionen anderer mitregulieren: Dafür kann ein Kind entwicklungspsychologisch gar nicht zuständig sein», sagt die Psychologin Tracy Wagner. «Das kann einen das Kindsein kosten, weil die eigenen Bedürfnisse zurückgestellt werden.» Wagner ist Vorstandsmitglied bei der Angehörigenorganisation Stand by You und hat an der aktuellen Studie mitgewirkt.

Besonders fatal: Diese Muster wirken oft jahrelang nach – das bestätigen die Ergebnisse deutlich. Auch Eleonora Camizzi sagt: «Ich habe erst als Erwachsene gelernt, meinen eigenen Bedürfnissen Platz zu geben.»

Zugleich kam mit dem Erwachsenwerden eine neue Angst dazu: Schizophrenie gilt als vererbbar. «Trage ich das auch in mir? Werde ich ebenfalls krank?» Die junge Frau vertraute sich ihrer Mutter an, las Fachliteratur und begann, mit ihrem Vater Gespräche zu führen. Mittlerweile weiss sie, dass Gene zwar eine Rolle spielen, aber die Umgebung und das «Aufgefangenwerden» entscheidend sind, ob sich die Krankheit manifestiert oder nicht. 

Die eigenen Nöte bleiben unsichtbar

Alle in der Familie hätten gewusst, dass ihr Vater psychische Probleme hat – darüber gesprochen wurde aber nicht. «An Familienfesten war ich immer angespannt, beobachtete ihn, hoffte, dass er nicht austickt.» Das Verschweigen der ganzen Umstände und das Verhalten, das damit ausgelöst wird, empfindet Camizzi im Nachhinein als grösste Problematik.

Expertinnen wie Tracy Wagner teilen diese Ansicht. Die jungen Angehörigen seien stark damit beschäftigt, nach aussen den Schein von Normalität aufrechtzuerhalten. Dadurch blieben aber auch ihre eigenen Nöte unsichtbar.

Mit ihrem Film entschied sich Eleonora Camizzi, das Thema öffentlich zu machen. Er habe wie ein Katalysator gewirkt, sagt sie – für die ganze Familie. «Mein Vater und ich zeigen uns darin sehr verletzlich, und ich glaube, das macht Mut. Wir alle dürfen doch verletzlich sein!» 

Die neue Angehörigen-Studie belegt: Eine offene Gesprächskultur ist ein entscheidender Rettungsanker. 80 Prozent der Befragten, die mit ihrem Umfeld frei über Sorgen sprechen konnten, fühlen sich rückblickend ausreichend unterstützt. Fehlt diese Offenheit, kippt das Bild drastisch – 89 Prozent fühlen sich dann im Stich gelassen.

Eine Aufgabe der Erwachsenen

Heute hat Eleonora Camizzi einen guten Umgang mit ihrem Vater und seiner Krankheit. Sie sei bestimmter geworden, lasse sich nicht mehr alles gefallen, spreche ihn direkt an, wenn sie etwas störe: «Du bist gerade sehr laut, das macht mir Angst. Wenn du so weitermachst, gehe ich.» Er akzeptiere und schätze das, sei weicher geworden.

Was empfiehlt Eleonora Camizzi jungen Angehörigen? Ihr wichtigster Rat richtet sich nicht an die Kinder, denn sie seien nicht verantwortlich. «Erwachsene müssen das Schweigen brechen und ihren Kindern sagen, dass sie keine Schuld tragen, und ihnen die Situation bestmöglich erklären. Kinder spüren sowieso alles.»

Prävention muss früher greifen

Und auf der übergeordneten Ebene? Was tun gegen das Dilemma? Für Psychologin Tracy Wagner ist es zentral, die Prävention zu stärken. Das müsse strukturell auf allen Stufen angegangen werden. 

Das Problem: Heute komme Hilfe oft erst ins Laufen, wenn eine Diagnose vorliege – oder gar erst, wenn die jungen Angehörigen offensichtlich nicht mehr können. «Die Unterstützung muss früher greifen», fordert Wagner. Enttabuisierung und gegenseitiges Vertrauen seien dafür zentral. «Sonst erreichen Angebote die Betroffenen gar nicht.»

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