Suizid als Geschäftsmodell
Pfleger nahm mit Sterbetouristen über 150’000 Franken ein

Der Mann begleitete für die umstrittene Sterbehilfeorganisation Pegasos in einem Jahr rund 160 Menschen in den Tod und kassierte bis zu 20’000 Franken pro Monat. Dann gründete er seine eigene Organisation – mit Unterstützung von Suizidaktivist Philip Nitschke.
Der Pfleger hat alles fein säuberlich dokumentiert – zum Beispiel die 50 Franken Spesen für jede Stunde Wartezeit am Flughafen. (Symbolbild)
Foto: Shutterstock
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Lukas Lippert
Beobachter

Für den ausgebildeten Pflegefachmann dürfte es lukrativer gewesen sein, Menschen beim Sterben zu helfen, als in einem Spital oder Pflegeheim zu arbeiten. In Spitzenzeiten – etwa im November 2024 – verdiente er mit Sterbebegleitungen fast 20’000 Franken im Monat. Dies belegen Recherchen des Beobachters.

Der Pfleger holte dafür jeweils Natrium-Pentobarbital in einer Apotheke ab, führte ein Gespräch, prüfte Dokumente und legte den Sterbewilligen die letzte Infusion. Dann sah er zu, wie diese die Kanüle öffneten und das tödliche Mittel in ihre Venen strömte.

Artikel aus dem «Beobachter»

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Drei Menschen pro Tag begleitet

2024 begleitete er so fast 160 Menschen in den Tod, teils drei an einem Tag, viele aus England und den USA. 1000 Franken pro Person verlangte er für seine Dienste. Dazu verrechnete er Spesen, etwa für Wasserflaschen, das Abholen der Patienten oder 50 Franken für jede Stunde Wartezeit am Flughafen.

Fein säuberlich hat er all dies aufgelistet und über seine Firma «Lichtblick Private Pflege und Betreuung GmbH» der Sterbehilfeorganisation Pegasos in Rechnung gestellt. Die Buchhaltungsunterlagen liegen dem Beobachter vor.

Ist das noch legal?

Seine hohen Honorare werfen heikle juristische Fragen auf. Zwar ist die Suizidhilfe in der Schweiz gesetzlich kaum geregelt, doch es gibt eine klare Grenze: Sie ist verboten, wenn sie aus «selbstsüchtigen Beweggründen» erfolgt, etwa Profitgier. Dann drohen bis zu fünf Jahre Haft. Dazu später mehr.

Dass die vertraulichen Dokumente dem Beobachter zugespielt wurden, dürfte kein Zufall sein. Neben den etablierten Organisationen Dignitas und Life Circle haben sich in jüngster Zeit nämlich gleich vier neue Organisationen gebildet, die ebenfalls assistierte Suizide auch für ausländische Menschen anbieten.

Zudem tobt hinter den Kulissen der Sterbehilfeszene seit einigen Jahren ein brisanter Richtungsstreit, wie Gespräche mit Insidern zeigen.

Gezielte Indiskretion

Die gezielte Indiskretion dürfte ein Resultat dieser ganzen Entwicklung sein. Und betroffen davon sind Suizidtouristen, die für ihre letzte Reise in die Schweiz und das Ende ihres teils langen Leidenswegs viel Geld bezahlen. Aber nicht nur. Auf dem Spiel steht auch der weltweit einzigartig liberale Umgang mit Sterbehilfe hierzulande.

Beim eingangs erwähnten Pfleger, dessen Namen wir aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht nennen, blieb es denn auch nicht beim blossen Auftragsverhältnis. Kurz nach der letzten grossen Rechnung für seine Dienste gründete er letztes Jahr seine eigene Sterbehilfeorganisation: Athanasios. Der Name stammt aus der griechischen Mythologie und steht für die Hoffnung auf Unsterblichkeit.

Und wie Recherchen des Beobachters zeigen, wurde er dabei von einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Figuren der Szene unterstützt: dem ehemaligen australischen Arzt Philip Nitschke, der in der Schweiz mit der Suizidkapsel Sarco bekannt wurde.

Der umstrittene Suizidpionier

Nitschke leitet zusammen mit seiner Frau, der Anwältin Fiona Stewart, von den Niederlanden aus die Organisation Exit International. Ihr Ziel ist radikal: Sie wollen den assistierten Suizid vom angeblichen ärztlichen «Paternalismus» befreien. Heisst: Jede erwachsene Person soll Zugang dazu haben – weltweit und unabhängig von einer medizinischen Diagnose.

Und die Schweiz mit ihrer liberalen Gesetzgebung scheint für sie der ideale Ort zu sein, um das Feld abzustecken und ihre Vision der Welt zu präsentieren – und Geld zu verdienen.

So hat Nitschke nicht nur den Bestseller «The Peaceful Pill Handbook» geschrieben, in dem er über hundert Suizidmethoden beschreibt. Er veröffentlicht auch einen Leitfaden für den Suizidtourismus in die Schweiz: «Going to Switzerland» – im angelsächsischen Raum inzwischen ein Synonym für assistierten Suizid.

Sterbehilfe als Lebenselixier

Nitschke versteht es wie kaum ein anderer, mit provokanten Ideen und umstrittenen Suizidmethoden im Gespräch zu bleiben – und damit nicht zuletzt auch Bücher zu verkaufen. In seiner Autobiografie schreibt er etwa, dass er nach einer Suizidbegleitung ein überwältigendes Verlangen nach Sex verspüre. Der Blick ins Sonnenlicht nach der Nähe zum Tod gebe ihm ein «immenses Gefühl, lebendig zu sein».

Hilfe in persönlichen Krisen

Diese Angebote sind schweizweit rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und ihr Umfeld da – vertraulich und mehrheitlich kostenlos:

  • Dargebotene Hand: Telefon 143, 143.ch
  • Pro Juventute für Kinder und Jugendliche: Telefon 147, 147.ch
  • Adressen von Beratungsangeboten in allen Kantonen: Reden-kann-retten.ch
  • Kurse für Erste Hilfe für psychische Gesundheit: Ensa.swiss

Diese Angebote sind schweizweit rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und ihr Umfeld da – vertraulich und mehrheitlich kostenlos:

  • Dargebotene Hand: Telefon 143, 143.ch
  • Pro Juventute für Kinder und Jugendliche: Telefon 147, 147.ch
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  • Kurse für Erste Hilfe für psychische Gesundheit: Ensa.swiss

Lange Zeit war Nitschkes Verbündeter in der Schweiz Pegasos-Gründer Ruedi Habegger. Pegasos sollte das Labor für dessen Visionen sein, einschliesslich der Suizidkapsel Sarco. Die Organisation, die mittlerweile zu einer der grössten der Schweiz gehört, akzeptiert denn auch «schwierige Fälle». Anders als beispielsweise Dignitas begleitet sie auch Menschen unter 50 oder solche ohne tödliche Krankheit.

Doch die Allianz zerbrach 2024. Habegger, der die Öffentlichkeit meidet, sah durch Nitschkes schrille Auftritte und wegen juristischer Bedenken rund um die Suizidkapsel auch seine eigene Organisation gefährdet.

Kampf hinter den Kulissen

Nitschke bestätigt, Habegger habe «plötzlich» seine Unterstützung für die von ihm entwickelte Suizidkapsel verweigert – obwohl dies die Voraussetzung gewesen sei, dass er die Organisation Pegasos bei ihrer Gründung 2019 unterstützt habe. Zum Zerwürfnis habe laut Nitschke jedoch auch beigetragen, dass Habegger sich gegen «eine wesentlich günstigere Gebührenstruktur» gewehrt habe.

Habegger weist dies scharf zurück. So etwas habe man nie diskutiert. Ganz im Gegenteil. Nitschkes Frau habe laut Habegger immer wieder gemahnt, «mehr Gewinn zu generieren». Er habe ihr jeweils sagen müssen, dass dies «absolut nicht gehe», nie das Ziel sein werde und auch nicht sein dürfe.

Die Feindseligkeiten zwischen Nitschkes Exit International und Habeggers Pegasos dauern bis heute an. Sie dürften viel damit zu tun haben, dass sich Nitschke nach dem Zerwürfnis mit Pegasos gezwungen sah, einen eigenen Ableger in der Schweiz zu gründen, um das Sarco-Projekt durchzuführen: die Organisation The Last Resort. Nachdem sich in einem Wald bei Schaffhausen 2024 der erste Mensch in deren Suizidkapsel umgebracht hatte, geriet The Last Resort jedoch ins Visier der Strafbehörden. Die Strafuntersuchung ist bis heute nicht abgeschlossen.

Ermittelt wurde seinerzeit auch gegen den damaligen Verantwortlichen, Florian Willet. Er landete in Untersuchungshaft – während Nitschke und seine Frau das Geschehen aus sicherer Entfernung mitverfolgten. Nach seiner Freilassung litt Willet an psychischen Problemen und nahm sich schliesslich 47-jährig mit Hilfe einer deutschen Sterbehilfeorganisation das Leben.

Pfleger gründet neue «Go-to-Organisation»

Daraufhin suchte Nitschke wieder einen neuen Partner in der Schweiz. Den hat er nun gefunden, wie Recherchen des Beobachters zeigen: Es ist der eingangs erwähnte ehemalige Pfleger und dessen neu gegründete Organisation Athanasios.

In der neuesten Ausgabe seines Sterbehilfe-Leitfadens «Going to Switzerland» von Ende 2025 preist Nitschke Athanasios als seine neue «Go-to-Organisation» an. Die «Klinik» liege nur zehn Minuten vom Basler Flughafen entfernt und sei die am einfachsten zugängliche in der Schweiz.

Der Pfleger bat Nitschke quasi im Gegenzug um Hilfe bei der Rekrutierung von medizinischem Personal. In einer E-Mail schreibt er Nitschke, dass man Psychiater benötige, die bereit seien, Gutachten zu erstellen – sie müssten «nicht unbedingt Schweizer sein».

Gleichzeitig beschwichtigt der Pfleger in einer weiteren E-Mail seinen ehemaligen Arbeitgeber, Pegasos-Chef Ruedi Habegger: Es gehe nicht darum, Pegasos zu konkurrieren. «Wir sehen uns als Ergänzung zu euch, da der Bedarf gross ist.»

Staatsanwalt fordert Politik zum Handeln auf

Pascal Pilet von der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft ist besorgt. Seinen Kanton betrifft diese Entwicklung besonders. Allein im letzten Jahr bearbeiteten er und sein Team fast 250 Fälle von ausländischen Personen, die für den Suizid in den Kanton Basel-Landschaft reisten. Mit der Gründung von Athanasios dürfte diese Zahl weiter steigen.

Für die Justiz bedeutet jeder Fall einen erheblichen Aufwand: «Wir würden uns eine gesetzliche Regulierung wünschen – um mehr Rechtssicherheit zu erlangen, aber auch, um den Steuerzahler zu entlasten, der aktuell für die Untersuchungskosten aufkommen muss», sagt der stellvertretende Leitende Staatsanwalt Pilet.

Eine erstaunliche Aussage. Staatsanwaltschaften halten sich sonst mit politischen Forderungen zurück. Und im Parlament hatte man für derlei Hilferufe bisher wenig Gehör. Nach der Debatte um die Sterbekapsel Sarco im Herbst 2024 sprach sich die Rechtskommission des Ständerats zwar für eine schärfere Regulierung aus, doch der Rat bremste. Man wolle erst «weitere Informationen erheben», lautete der kleinste gemeinsame Nenner. Dabei ist Kritik am Sterbetourismus nicht neu. Vor über zwanzig Jahren scheiterte bereits ein politischer Versuch, Sterbehilfe auf Personen mit Wohnsitz in der Schweiz zu beschränken.

Exit bezahlt pauschal 300 Franken

Unbeeindruckt davon hat sich in der Region Basel inzwischen ein neues Ökosystem breitgemacht, das die Grenzen der hiesigen Gesetze auslotet. Mittendrin der Pfleger, der nach einem Jahresumsatz von über 150’000 Franken zum Konkurrenten seiner einstigen Auftraggeber wurde.

Wie viel ein Suizidhelfer für seine Tätigkeit verlangen und verdienen darf, wurde noch nie gerichtlich beurteilt. Bisherige Urteile prüften vor allem, ob Suizidhelferinnen und -helfer mit ihrem Handeln ein Erbe erschleichen oder Pflegekosten sparen wollten.

Sicher ist aber: Exit, die älteste und renommierteste Sterbehilfeorganisation in der Schweiz, zahlt ihren «Infusionsfachpersonen» lediglich pauschal 300 Franken pro Einsatz. «Weitere Spesen werden nicht vergütet», schreibt Exit auf Anfrage. Zudem seien ihre Fachpersonen hauptberuflich in anderen medizinischen Bereichen tätig.

Der Pfleger weist selbstsüchtige Motive zurück. Sein Ziel sei es, Menschen zu helfen. Pegasos sei damals nicht seine Haupteinnahmequelle gewesen, schreibt er auf Anfrage des Beobachters. Weitere Fragen zur Zusammenarbeit mit Exit International beantwortet er hingegen nicht. Nur so viel: Athanasios habe er gegründet, weil bei Pegasos «vieles nicht so lief, wie es in der Sterbebegleitung meiner Meinung nach laufen sollte», schreibt er. Das wolle er nun mit seiner eigenen Organisation besser machen.

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