«Lohnt es sich für meine Frau, arbeiten zu gehen?»
1:18
Betreuungskosten steigen:«Lohnt es sich für meine Frau, arbeiten zu gehen?»

«Wir können das nicht einfach so bezahlen!»
10’000 Stutz mehr pro Jahr – in Erlen TG explodieren die Betreuungskosten

Massiver Preisschock in Erlen TG: Die Kosten für schulergänzende Betreuung steigen über Nacht um über 60 Prozent – von 55 auf 90 Franken pro Tag. Familien stehen vor einer finanziellen Herausforderung und zeigen sich hilflos. Die Gemeinde blockt ab.
Kommentieren
1/10
Die Familienväter Jan Sahner (44, rechts) und Marc Grönemeyer (40) wissen nicht weiter. Über Nacht stiegen die schulergänzenden Betreuungskosten um 60 Prozent.
Foto: Sebastian Babic

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Kosten für Kinderbetreuung in Erlen TG steigen um über 60 Prozent
  • Eltern wie die Grönemeyers zahlen neu 90 statt 55 Franken täglich
  • Familien erwarten bis zu 10'000 Franken zusätzliche Ausgaben jährlich durch Tariferhöhung
Blick_Portraits_256.JPG
Sebastian BabicReporter Blick

Für Marc Grönemeyer (40) kommt der Schock an einem Sonntag in der Badi: Freunde sprechen ihn auf einen Artikel über massiv höhere schulergänzende Betreuungskosten in seiner Wohngemeinde Erlen TG an. Die Zahlen sind so hoch, dass er zunächst an ein Missverständnis glaubt: «Dann habe ich aber nachgeschaut und bin aus allen Wolken gefallen. Die Kosten betragen plötzlich 90 Franken am Tag im Höchsttarif. Davor waren es 55 Franken!» 

Weil sein zweites Kind (4) ab diesem Sommer ebenfalls betreut werden soll, rechnet Grönemeyer mit fast 10'000 Franken Mehrkosten pro Jahr, verglichen mit dem bisher geltenden Tarif: «Wir leben nicht in Saus und Braus und können das nicht einfach so bezahlen», sagt er.

Preissteigerung von über 60 Prozent

Grönemeyer fragt bei der Gemeinde nach, erhält aber keine befriedigende Antwort. Darum schliesst er sich mit weiteren Betroffenen kurz und lernt Jan Sahner (44) kennen. Sahner ist ebenfalls Vater zweier Kinder und wohnt im benachbarten Kümmertshausen TG. Er war es, der die Geschichte in der «Thurgauer Zeitung» zuerst publik gemacht hat.

Sahner ist Mathelehrer und hat die exakten Zahlen parat: «Die Steigerung beträgt 61,8 Prozent! Ich konnte es nicht fassen!»

Betreuung gut, Tarifsteigerung heikel

Das «Colori», wie das Betreuungsangebot der Gemeinde heisst, ist über alle Zweifel erhaben: «Die Betreuung ist wirklich toll, die Kinder fühlen sich wohl und die Mitarbeiter machen einen super Job!», sagen beide Väter unisono.

Sie hätten keine Probleme gehabt, mehr zu bezahlen, schliesslich habe man lange von tiefen Tarifen profitiert und habe sich nicht zuletzt deswegen für Erlen als Wohnort entschieden, nur: «Eine derart extreme Steigerung kann man finanziell kaum verkraften. 10, von mir aus 20 Prozent mehr wären OK», sagt Grönemeyer.

Lange galten tiefe Tarife

Hintergrund: Die Gemeinde Erlen hat seit sieben Jahren die Betreuungskosten nicht erhöht. Bisher zahlten alle Familien, die mehr als 80’000 Franken im Jahr verdienten, den gleichen Tarif: 55.80 Franken pro Kind und Tag. Neu zahlen Familien mit einem Einkommen von über 140’000 Franken eben 90 Franken.

Verglichen mit den umliegenden Gemeinden waren die 55 Franken günstig. In Sulgen TG und Amriswil TG liegen die Tarife bei 67 und 71 Franken.

Doppelverdiener werden zur Kasse gebeten

Die neue Regelung trifft vor allem Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten. Ein Familienmodell, das politisch aber gewünscht ist in Zeiten des Fachkräftemangels.

Dass hohe Betreuungskosten die Erwerbsarbeit beeinflussen können, zeigt auch eine Studie, an der Steuerrechtsprofessor Peter Hongler (42) von der Uni St. Gallen beteiligt war. «Rein volkswirtschaftlich macht das keinen Sinn», erklärt er gegenüber Blick. In der Studie wurde die Stadt Zürich untersucht. Das Fazit: Betreuungsgebühren können einen grossen Effekt auf den Erwerbsanreiz haben. Hongler will Familien kein Lebensmodell vorschreiben. Aber wenn die Schweiz mehr Erwerbspotenzial nutzen wolle, müsse sie die finanziellen Anreize prüfen.

Ausgerechnet bei Doppelverdienerfamilien können hohe Betreuungskosten dazu führen, dass sich ein höheres Pensum kaum lohnt, insbesondere bei den Frauen. «Wenn man will, dass Frauen, die mittel bis gut verdienen, arbeiten gehen, dann sind die Betreuungskosten ein zentraler Punkt. Wenn der Grossteil des Geldes bei einer Pensenerhöhung in die Betreuung fliesst, macht es für eine Familie wenig Sinn.»

Gemeinde bleibt wortkarg

Ein grosser Kritikpunkt der beiden Väter: «Uns ist immer noch nicht klar, wie diese Steigerung begründet wird», erklärt Sahner. «Die Gemeinde sagte mir nur: Man habe sich das gut überlegt.»

Auf Blick-Nachfrage reagiert der Erler Gemeindepräsident Thomas Bosshard (57) kurz angebunden und verweist auf seine Aussagen in der «Thurgauer Zeitung». Dort hatte er erklärt: «Uns war bewusst, dass mit der Anpassung der Erhöhung der Tarifstufen auf die Mehrverdienenden mehr als nur eine ‹Teuerung› zukommt.» Man habe jedoch versucht, «eine einigermassen faire Lösung für alle zu finden».

Frauen in Branchen mit Fachkräftemangel

Wie es der Zufall will, arbeiten die Ehefrauen von Grönemeyer und Sahner in Branchen, in denen seit Jahren grosser Fachkräftemangel herrscht. Nämlich als Krankenschwester und als Lehrerin.

Wie sich der Kostenschub konkret auswirkt, zeigt Jan Sahner auf: «Eigentlich war geplant, dass meine Frau ihr Pensum von 60 auf 80 Prozent erhöht. Wegen der höheren Betreuungskosten kommt das aber nicht mehr infrage.» Stattdessen investiert sie die Zeit nun in Kinderbetreuung.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen