«Eine Art lebendes Pflaster»
Plastischer Chirurg behandelt Brandopfer mit Fischhaut

Seit dem Drama in Crans-Montana arbeiten Ärztinnen und Ärzte rund um die Uhr, um die jungen Opfer zu retten. Chirurg Anthony de Buys Roessingh berichtet von guten Ergebnissen durch die Anwendung von Fischhaut.
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Beim verheerenden Brand in der Bar Le Constellation in Crans-Montana kamen 41 Menschen ums Leben.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Brandverletzte in Crans-Montana erhalten Kabeljauhaut-Behandlungen, Programm begann Januar 2026
  • Kabeljauhaut beschleunigt Heilung, ähnelt menschlicher Haut und reduziert Narben
  • 32 Tage Einsatz, 27 Operationen ohne allergische Reaktionen oder Abstossungen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Ellen De Meester

Die Behandlung der Brandwunden der Opfer der Katastrophennacht in Crans-Montana VS ist schwierig und dauert. Es sind viele Operationen nötig, und der Heilungsweg ist lang. Einer, der die Opfer seit der ersten Stunde begleitet, ist Anthony de Buys Roessingh, Leiter der plastischen Kinderchirurgie und Koordinator der Abteilung für Brandverletzungen am Universitätsspital Lausanne. 

Was ihm hilft, unter herausfordernden Bedingungen wie diesen durchzuhalten, sind unter anderem die vielversprechenden Ergebnisse, die mit dem Einsatz von Kabeljauhaut erzielt wurden. Anthony de Buys Roessingh erklärt, was an dieser Technik so faszinierend ist.

Wie Sie die Vorteile der Kabeljauhaut bei der Wundbehandlung entdeckt?
Anthony de Buys Roessingh: Die isländische Firma Kerecis hat vor einigen Jahren Kabeljauhaut gewonnen, um ein sehr feines Gewebe zur Behandlung von Wunden herzustellen. Die Haut besteht auf einer Seite aus Schuppen und auf der anderen aus Lederhaut, der Dermis. Taucht man die getrocknete Haut in Wasser ein, wird sie weich genug, um sie auf Wunden und Verbrennungen aufzutragen. Ich wandte mich an die Firma in der Hoffnung, die Haut bei der Behandlung von Kindern mit tiefen Wunden einsetzen zu können.

Und es hat von Anfang an funktioniert?
Ja, unsere ersten Versuche waren sehr vielversprechend. Das erste Kind, das wir behandelten, hatte nach einer Infektion eine tiefe Kopfhautwunde mit freiliegendem Knochen. Innerhalb von fünf oder sechs Wochen schloss sich die Haut vollständig. 

Und dann kamen Sie auf die Idee, diese Technik auch bei schweren Verbrennungen anzuwenden?
Bei insgesamt 27 Operationen an Kindern haben wir nie einen einzigen Fall von Abstossung oder allergischer Reaktion gesehen. Ich schlug daher vor, ein Programm für schwere Verbrennungen zu entwickeln. Der Vertrag mit der isländischen Firma wurde am 23. Dezember 2025 finalisiert. Eigentlich hätte das Programm erst diesen Frühling starten sollen.

Konnten Sie wegen der Katastrophe in Crans-Montana die Behandlungen früher starten?
Ja, die Verwendung der Kabeljauhäute vor dem Frühjahr zählt als «Härtefallprogramm». Zwei Tage nach der Tragödie kontaktierte mich das isländische Unternehmen und bot an, uns Häute zu liefern. Sie charterten ein Flugzeug und schickten eine grosse Menge an Kabeljauhaut in die Schweiz und spendeten das Material.

Wie sehen die Ergebnisse seit Anfang Januar aus?
Seit 32 Tagen kämpfen wir für diese Kinder. Oft mit sehr vielversprechenden Ergebnissen. Wenn ein Patient mit tiefen und grossflächigen Verbrennungen eingeliefert wird, muss er in den ersten Tagen zunächst stabilisiert werden. Dann wird die tote Haut entfernt, bevor die Wunde abgedeckt werden. Transplantate aus eigener Haut reichen bei grossflächigen Verbrennungen oft nicht aus. Hier wird die Fischhaut sehr interessant: Sie dient als Gerüst, bis die menschliche Haut Zeit hatte, sich zu regenerieren. Manchmal wird sie auch zu einer vollständigen Abdeckung, indem sie sich ganz in die Wunden einfügt.

Die Idee ist, dass man dann menschliche Haut über das Gerüst transplantieren kann?
Ja, aber das ist nicht immer nötig. Manchmal kann die Haut durch das Anbringen der Kabeljauhaut ohne weitere Behandlung geschlossen werden.

Sie verfügen also je nach Fall über mehrere verschiedene Lösungen?
Es ist tatsächlich die Vielzahl der Techniken, die es ermöglicht, Menschen zu retten. So gewinnen wir Zeit. 

Warum ist die Haut des Kabeljaus so gut?
Die Struktur der Kabeljauhaut ist der des Menschen sehr ähnlich. Es wird auch angenommen, dass der hohe Gehalt an Omega-3-Fettsäuren die Wundheilung beschleunigt. Man kann von «Neo-Dermen» sprechen. Einer Art lebendem Pflaster. An Stellen mit dicker Haut, wie am Rücken und an den unteren Gliedmassen, scheint es am besten zu funktionieren. Aber es gibt noch zu wenig Erfahrungswerte, um das kategorisch sagen zu können.

Was hoffen Sie, langfristig mit dieser Technik erreichen zu können?
Es ist ein neues Produkt für uns, und es gibt noch keine Daten über die langfristige Reaktion der Haut. Deshalb haben wir eine Studie über die kommenden Jahre in Auftrag gegeben.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie die Auswirkungen einer solchen Entdeckung in einer Krisensituation beobachten können?
Es ist sehr motivierend. Wenn alles gut geht, können die Patienten schneller gesund werden, mit kürzeren Aufenthalten auf der Intensivstation und vor allem mit weniger Haut, die entfernt werden muss. Also weniger Narben. Indem man Therapien kombiniert, schafft man es, schneller zu handeln. Inmitten dieser Krisensituation hilft es uns, durchzuhalten und zu wissen, dass wir auf eine so vielversprechende Anwendung zählen können.

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