Wandern mit Diabetes
«Mehr essen, weniger spritzen»

Bei rund 30 Grad wandert die Gruppe «Diabeteszug» auf den Gottschalkenberg. Wanderleiter Joe Thum, selbst Diabetiker, sorgt für Sicherheit und ein gesellschaftliches Klima.
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Der Verein Diabeteszug organisiert einmal im Monat eine Samstagswanderung.
Foto: Anna Clara Kohler
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Anna Clara KohlerRedaktorin Politik

Wanderleiter Joe Thum trägt den gelben Notfallrucksack auf dem Rücken, während er an der Bushaltestelle Metalli in Zug auf die Wandergruppe wartet. Das Wetter ist angenehm, obwohl es für 7.50 Uhr morgens bereits warm ist. Hitzewellen prägen die Temperaturen in der ganzen Schweiz.

Der Notfallrucksack enthält Gegenstände, die ihn selbst, aber auch die anderen Mitwanderer vor einem Spitalbesuch bewahren könnten. Denn Thum führt die Samstagswanderung des Vereins Diabeteszug – und ist selbst Diabetiker.

Einmal im Monat trifft sich die Gruppe von bis zu 20 Personen in Zug für Wanderungen, die Thum organisiert. Jeder sei willkommen, betont er. Auch Marlis, eine Nicht-Diabetikerin, war schon mehrmals dabei. «Ich vertrage die Hitze nicht so», erzählt sie. Thum und seine Frau Monika Thum achten bei den Wanderungen darauf. «Er macht das sehr gut und nimmt Rücksicht auf uns.»

Die Samstagswanderungen beginnen am Vormittag. Anfangs seien die Wanderungen noch um 13 Uhr gestartet. Dann sei es aber viel zu heiss, erklärt Thum. Besonders für Diabetikerinnen und Diabetiker kann die Hitze gefährlich sein. Das Bundesamt für Gesundheit stuft sie in Bezug auf die Hitze als Risikopersonen ein.

Traubenzucker und Notfallspritze retten Leben

Die Juni-Wanderung beginnt auf dem Pass Raten. Elf Personen sind dabei. Nicht alle Mitwanderer sind Diabetiker. Manche haben andere Krankheiten oder sind anderweitig auf die Gruppe gestossen. Thum und seine Frau kennen alle beim Namen, in der Gruppe duzt man sich.

Thum ist selbst Typ-1-Diabetiker. «Wenn man nicht auf Unterzuckerung reagiert, kann man ins Koma fallen», erklärt er. Deshalb enthält sein Notfallrucksack Traubenzucker, Darvida und eine Glukagon-Spritze. Bei Unterzuckerung solle man zum Beispiel vier Stück Traubenzucker und zwei Cracker essen.

Der Traubenzucker liefere dem Körper den nötigen Zucker, Darvida oder andere Vollkornprodukte wie etwa Ruchbrot stabilisierten die Wirkung des Zuckers. Auch fünf Deziliter Cola würden helfen. «Mehr essen, weniger spritzen», benennt Thum das Ziel.

Damit meint er, einer Unterzuckerung mit einer Frucht oder Ähnlichem vorzubeugen, bevor man zum Medikament greifen muss. Eine Glukagon-Spritze dabeizuhaben, sei trotzdem wichtig. Die Spritze wirkt für Diabetiker bei schwerer Unterzuckerung lebensrettend.

Beisammensein auf dem Wanderweg

Seit 25 Jahren hat Thum die Diagnose Diabetes. Nachdem er sich mit einem Virus angesteckt hatte, verlor er innert zwei Monaten zehn Kilogramm Körpergewicht. Von da an hatte er die Autoimmunkrankheit.

An diesem Samstagmorgen kam der Notfallrucksack glücklicherweise trotz der Hitze nicht zum Einsatz. Thum wählte eine Strecke vom Raten aus Richtung Gottschalkenberg im Kanton Zug. Zu Beginn geniesst die Gruppe den Ausblick auf die Rigi, den Pilatus und den Ägerisee. Der Weg führt zuerst an sonnigen Wiesen vorbei, bis ein Wald auf einem Grossteil der Strecke Schatten spendet. In moderatem Tempo geht es den Kiesweg entlang. «Schau, die Tannenzapfen sind noch alle grün.» Marlen, ganz in Pink gekleidet, zeigt auf eine hohe Tanne am Wegrand.

Marlen geriet per Zufall an die Gruppe. Auch sie ist nicht Diabetikerin. Auf der Wanderung tauscht sich die Truppe über andere Wanderungen aus, über Sport, über Bekannte. Der gesellschaftliche Aspekt sei für viele der Mitglieder, die meisten im Pensionsalter, besonders wichtig.

Leider führt das höhere Durchschnittsalter auch dazu, dass die Gruppe schon von einigen ehemaligen Mitgliedern Abschied nehmen musste. Eine Kollegin, die immer an den Wanderungen teilgenommen habe, sei im Mai verstorben, erzählt Thum.

«Man lernt Zug wieder kennen»

Trotz der rund 30 Grad erreichen alle Mitwanderer das Restaurant Gottschalkenberg. Bei Kaffee und Gipfeli legen sie eine Pause ein. 

Alles, was man als Diabetiker isst, vor allem Zucker und Kohlenhydrate wie etwa in einem Gipfeli, müsse einberechnet, abgeschätzt und entsprechend mit Insulin kompensiert werden. Denn auch zu viel Zucker kann gefährlich sein. «Bei Typ 1 ist nichts gratis», sagt Thum. Am schlimmsten seien Desserts und Essen im Restaurant.

Die Beiz auf dem Gipfel ist gut besucht. Der Ort weckt bei einigen Teilnehmenden Kindheitserinnerungen. «Zu meiner Schulzeit sind wir hier auf dem Berg ins Lager gegangen», sagt Thum. Auch seine Frau verbrachte ein Schullager in den Räumlichkeiten, die heute noch vom Kanton Zug dafür genutzt würden. 

Thum übernahm 2006 die Leitung der Wandergruppe Diabeteszug. Die Teilnehmenden loben seine Ortskundigkeit: «Man lernt Zug wieder kennen.» Gestärkt geht es nun wieder Richtung Raten. Die pralle Sonne scheint auf die Wanderer, der Himmel ist weiterhin wolkenlos blau. Eine kurze Pause wird eingelegt, um eine kleine, grüne Raupe auf dem Weg zu fotografieren. Kurz vor dem Mittag ist die Wandergruppe wieder auf dem Pass angekommen. Hier wartet ein Mittagessen im Restaurant, bevor es in die Sommerpause geht.

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