Darum gehts
Immer wenn der erste Schnee fällt, klingelt bei Wildhüter Fabian Kern das Telefon. Die Leute wollen dann wissen, wohin sie ihr altes Brot bringen sollen. Das ist gut gemeint. Doch Kern winkt ab. Was den Tieren im Winter wirklich hilft, ist etwas anderes: Ruhe.
Seit über zehn Jahren sind die Stadt Zürich und ihre Wälder Kerns Revier. An diesem Wintermorgen steht er am Rand des Käferbergwaldes. Die Stadt liegt hinter ihm, vor ihm beginnt der Wald. Ein schmaler Streifen Wildnis, eingeklemmt zwischen Siedlungen, Feldern und Spazierwegen. Der Schnee knirscht unter den mit Steigeisen versehenen Schuhen. Seine Uniform: khakifarbene Funktionskleidung.
«Das ist der Kreislauf der Natur»
Respekt sei das Entscheidende, sagt Kern. Nicht nur gegenüber den grossen, scheuen Tieren, sondern auch gegenüber jenen, die scheinbar mühelos unter den Menschen leben. Dem Fuchs zum Beispiel. «Auch der braucht kein Futter. Wenn er gefüttert wird, nimmt man ihm auf gewisse Weise die Würde als Überlebenskünstler.» Der Winter dürfe hart sein. Eine Zeit, in der schwache Tiere sterben. «Das mag zwar hart klingen, es ist jedoch der Kreislauf der Natur.»
Fabian Kern ist praktisch draussen zu Hause. Als Kind war er «wild», haute aus dem Unterricht ab. Schon seine Primarlehrerin riet seinen Eltern: «Das Beste wäre, wenn Fabian den ganzen Tag im Wald verbringen könnte.» Der 49-Jährige ist Quereinsteiger: erst Handwerker, dann Polizist, seit 2015 ist er Leiter Wildhut bei Grün Stadt Zürich.
Ein grosser Teil seiner Arbeit besteht aus der Vermittlung zwischen Mensch und Tier. Denn in der Stadt liegen diese Welten eng beieinander.
So auch hier am Käferberg, wo ein Acker direkt an den Wald grenzt. Am Feldrand erklärt Kern, warum der Boden hier über den Winter brachliegt. Im Sommer wuchs Mais, nun ragen nur noch Stoppeln aus dem Schnee. Die Fläche bleibt absichtlich unberührt. So finden die Wildschweine genug Erntereste und graben hier, statt frisch eingesäte Kulturen zu zerstören.
Jede Störung bedeutet Stress
Immer mehr werden die Wildtiere in den Wald zurückgedrängt. Gleichzeitig ist es ein Raum, den die Menschen immer intensiver nutzen. Auch an diesem kalten Morgen passieren Spaziergängerinnen, Jogger und Hündeler die Wege. Für die Tiere bedeutet jede Störung Stress. Vor allem im Winter, wenn Fettreserven lebenswichtig werden und jede Flucht wertvolle Energie kostet.
Als ein Hund ohne Leine über den Weg rennt, bittet Kern die Besitzerin ruhig, ihn anzuleinen. Schilder mit der Aufschrift «Respekt im Wald» erinnern an die Regeln. Und doch braucht es immer wieder Gespräche und Aufklärung.
Gerät er dabei mit der Stadtbevölkerung aneinander? Kern bleibt diplomatisch. «Wir versuchen mit Aufklärung dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst so weit kommt», sagt er. Natürlich habe es auch schon Situationen gegeben, in denen Menschen laut oder ungehalten wurden. «Aber das ist nicht die Regel.» Insgesamt sei er eher positiv überrascht. «Ich sage immer: Dafür, dass wir in der grössten Stadt der Schweiz unterwegs sind und hier so viele Leute den Wald nutzen, funktioniert es sehr gut. Der grösste Teil der Menschen respektiert die Regeln.»
Abwechslungsreiche Tage
Rund ein Viertel der Stadt Zürich ist Wald. Hier leben Rehe, Wildschweine, Füchse und Dachse. Auch Hirsche, Gämsen und neuerdings sogar Goldschakale ziehen via der Albis-Kette durch die Stadtzürcher Wälder. «Als wir den ersten Goldschakal auf der Kamera hatten, war das eine kleine Sensation», sagt Kern. Auch Waschbären – eine invasive Art – tauchen vereinzelt auf.
Es gibt also viel zu tun. Kerns Arbeitstage beginnen früh. Zurzeit klingelt der Wecker um halb fünf, im Sommer schon um vier. In den stillen Morgenstunden kontrolliert er die Bestände, nachts geht er auf die Jagd, dazwischen liegen Einsätze im Siedlungsgebiet. Immer dabei: seine Hündinnen Dixie und Dorle.
Sehr arbeitsintensiv ist der Mai, wenn die Rehjagd beginnt. Und im Frühsommer, wenn junge Füchse ihre ersten Ausflüge machen, klingelt Kerns Telefon besonders oft. Er weiss nie, was ihn erwartet: Manchmal kriegt er Anrufe wegen eines verletzten Tiers, weil ein Hund in den Wald ausgebüxt ist oder ein Schwanennest kontrolliert werden muss. Dann gibt es wiederum Tage, an denen Kern eine Rehgeiss anlocken muss, die ihr Kitz zurückgelassen hat.
Jeder Abschuss ist emotional
Kern führt zu einem Hochsitz auf einer Lichtung. Jedes Jahr legt der Kanton fest, wie viele und welche Tiere geschossen werden müssen, um die Population zu kontrollieren. Die meisten landen später in der lokalen Gastronomie. 2024 wurden in der Stadt Zürich 24 Wildschweine und 131 Rehe erlegt. Dazu kommt sogenanntes Fallwild – Tiere, die krank, verletzt oder tot aufgefunden werden.
Auch nach fast zwanzig Jahren Jagen ist für Kern jeder Abschuss noch immer emotional aufreibend. «Und wenn du das einmal nicht mehr hast», sagt er, «dann ist etwas komisch. Dann muss man sich überlegen, etwas anderes zu machen.» Es gebe auch Situationen, in denen Töten richtig sei – wenn Tiere schwer verletzt oder krank sind. «Auch wenn wir damit in den natürlichen Kreislauf eingreifen, ist das vielleicht eine sehr vermenschlichte Sicht. Aber wenn man so ein Tier erlösen kann, dann ist das auch ein schöner Moment.»
Vor dem Schuss, erzählt er, habe früher die Nervosität überwogen. Heute komme die Emotion erst danach. «Es gibt Tage, an denen es leichter fällt, und Tage, an denen es schwerer fällt.» Darüber spreche er viel mit seinem Team. «Ich will nicht, dass wir zu Zombies werden.» Man müsse sich erlauben, auch einmal nicht zu schiessen. «Du musst wissen, was du machst und warum du es machst. Dann kannst du es vertreten.»
Der «Asphalt-Wildhüter»
Immer wieder bleibt Kern stehen. Einmal liegt ein «brackiger» Geruch in der Luft. So riecht der Fuchs, der gerade Paarungszeit hat. Dann zeigt er auf eine feine Spur am Waldrand: Hier hat sich vermutlich ein Reh den Weg durch das Dickicht gebahnt. Aufgescharrter Boden und verstreute Eicheln verraten einen Dachs, der trotz Winterruhe alle paar Tage aufsteht und nach Nahrung sucht.
Was an seinem Beruf viele überrascht? «Dass wir Tiere nicht nur schützen, sondern auch töten», sagt Kern. Dass zur Arbeit auch das Jagen gehört, sei der Bevölkerung nicht immer klar. «Wenn wir mit dem Gewehr unterwegs sind, sind wir exponiert. Wir verstecken das nicht. Es ist ein Teil unserer Arbeit, der dazugehört.»
Dass er ausgerechnet hier Wildhüter ist, macht ihn zum Sonderfall. «Asphalt-Wildhüter», nannten ihn Kollegen schon.
Und doch kennt Kern Orte in der Stadt, an denen er den ganzen Tag keinen Menschen sieht und es keinen Handyempfang gibt. Dort schaut er der Stadt beim Erwachen zu. Und vergisst beinahe, dass er in der Nähe von 440'000 Menschen ist.
«Wir sind hier im Stadtwald», sagt Fabian Kern. «Aber Wildnis bleibt Wildnis. Auch auf kleinem Raum.» Er glaubt an das Gleichgewicht. Daran, dass Stadt und Wildnis sich nicht ausschliessen müssen – wenn man lernt, einander Raum zu lassen.