Darum gehts
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Im Joggingtempo fährt der Staubsauger durch den Gotthard-Basistunnel. Eine saubere Durchfahrt der 57 Kilometer dauert mehr als sechs Stunden. Sein Ziel: Die Gleise von Staub und Schmutz freisaugen. Dabei kommt viel Überraschendes zutage.
Dort, wo vor drei Jahren ein Güterzug entgleiste, steht heute Nacht Mauro Frigerio (43). Der Chef Unterhalt kontrolliert die Reinigungsarbeiten vom unterirdischen Notbahnhof Faido, drei Kilometer im Felsen. «Das ist unser überdimensionaler Roomba-Sauger», sagt er lachend.
Die Nacht im Tunnel: Dunkel, heiss und laut
Die Uhr steht auf 2.45 Uhr in der Nacht. Mittlerweile ist Montag. Seit knapp vier Stunden steht Frigerio unter Tag. Der Basistunnel ist komplett gesperrt. Keine Züge mit Personen oder Gütern fahren durch die Röhren. Die Sperrung geschieht zweimal wöchentlich: Immer von Samstag auf Sonntag sowie von Sonntag auf Montag sperren die SBB den Tunnel – für Reinigung und Unterhalt.
An Frigerios Stirn sammeln sich die Schweisstropfen. Er schaut auf ein Messgerät und sagt: «27 Grad Celsius, das ist jetzt eben die Temperatur hier drinnen.» Mit einem Tessiner Akzent im Deutschen erzählt er, dass es hier bis zu 40 Grad warm werden kann. Plus: Ein starker Wind fegt durch die Röhren, Stollen und Zwischengänge.
Um 23 Uhr hatte Frigerio den Blick-Journalisten beim Seiteneingang in Faido TI begrüsst. Zum Schutz vor fremdem Besuch und möglichen Sabotageaktionen ist das Gelände rund um den Zugangsstollen eingezäunt.
Im Schnitt arbeiten 50 Personen im Tunnel
Wer nicht mit dem Zug durch den Tunnel braust, muss angemeldet sein. Eine Instruktion, Schutzausrüstung und Spezialkleidung sind zwingend. Das heisst: Helm, Maske, Schutzbrille, Ohrenstöpsel und eine Selbstretter-Box. Damit hat man im Brandfall rund 30 Minuten Sauerstoff.
Vom Seiteneingang gehts drei Kilometer durch den Fels. Mauro Frigerio steuert einen Bus den Stollen hinunter. Auf einer Tafel ist die Strassenneigung mit 13 Prozent beschriftet. In Erstfeld UR, beim Nordportal, laufen bereits die Reinigungsarbeiten. Mit 10 bis 15 Kilometern pro Stunde kommt der Spezialzug voran.
«Alle Arbeiten im Tunnel müssen wir in diese Nächte packen, weil wir sonst den Betrieb stören», so Frigerio. Und: Es ist zu gefährlich. Düst ein Zug mit 230 Kilometern pro Stunde durch den Tunnel, bläst auch der Wind entsprechend stark.
Im Schnitt arbeiten 50 Personen in den Reparaturnächten im Tunnel. «Es können auch bis zu 100 sein – je nach Arbeit.» Einen besonderen Dienst leisten heute zwei Herren an einer grünen Tür. Sie schrauben, ölen und testen die Notfalltüren zum Evakuationsbahnhof.
«System und Aufwand kennt praktisch niemand»
Der Gotthard-Basistunnel ist das grosse Baby von Mauro Frigerio. Seit 20 Jahren arbeitet er bei den SBB. Als Chef für den Unterhalt koordiniert und plant er alle Arbeiten im Tunnel. Jedes Kabel, jede Schraube oder jeden Ort kennt er beim Namen. «Das ist ein spezieller Ort für mich», sagt er und ergänzt: «Tausende fahren täglich innert 20 Minuten durch den Tunnel, aber das System und der ganze Aufwand kennt praktisch niemand.»
«Das ist der längste und tiefste Tunnel, aber auch der schönste», findet der Tessiner Ingenieur und grinst. Schön ist für ihn die Komplexität, das System – hinter den Kulissen. Dass nach 10 Jahren Betrieb vieles mehrheitlich funktioniert, macht Frigerio stolz. Und: «Niemand konnte uns sagen, wie ein solch langer Tunnel funktioniert. Wir mussten es uns selbst beibringen.»
2016, als der Tunnel eröffnet wurde, war das Bauwerk während dreier Nächte pro Woche gesperrt. «Heute wissen wir genauer, wann wir wo welche Arbeiten geschickt durchführen», so Frigerio. In einer Nacht fahren bis zu zehn Reinigungs-, Unterhalts- oder Arbeitszüge in den Tunnel. «Den Grossteil der Arbeiten können wir nur über die Schienen von Biasca oder Erstfeld erreichen.»
Und das braucht Zeit. «Arbeiten wir in der Tunnelmitte, so brauchen wir eine Stunde vom Portal bis zum Arbeitsort. Das schränkt die effektive Arbeitszeit ein», so Mauro Frigerio. Links und rechts hängen Rohre, Leitungen, Kameras, Sensoren oder Tafeln an den Wänden. «Die grüne erleuchtet im Notfall, zeigt den Evakuierten den Weg.»
Thomas Brügger (40) und Philipp Zurfluh (51) steigen vom Staubsaugerzug. Sie tragen Helme mit Verglasung. Am Hinterkopf führt ein Luftschlauch zu einer Filterbox am Gurt, damit sie keinen Staub einatmen. Die Berner Oberländer sind die Saugmeister des Gotthards. Sie machen fünf Minuten Pause für die Fragen des Blick-Reporters. «Wir saugen beide Röhren zweimal pro Jahr. 15 Tonnen Feinstaub holen wir jährlich raus», erklärt Zurfluh.
Dieser kommt von den Zügen, vom Güterverkehr und der Abnutzung auf den Gleisen. Brügger und Zurfluh stehen auf einer Plattform zuhinterst auf dem Spezialzug. Von dort überwachen sie ihre Maschine. Überrascht werden die Sauger manchmal. Thomas Brügger: «Leider haben wir auch schon tote Tiere wie Vögel oder Katzen gefunden.»
Bis zum Schichtende um 6 Uhr in der Früh wird der 2000 PS starke Staubsauger rund 3,5 Tonnen Dreck aus dem längsten Eisenbahntunnel der Welt putzen.