Strafverfahren, Millionen-Versprechen, Fake-Harvard-Abschluss
Zürcher Arzt lockt Investoren mit fragwürdigen Versprechen

Ethan R. arbeitet in Dubai an einem autonomen Chirurgieroboter und wirbt dafür mit grossen Namen und Renditen. Recherchen zeigen: Vieles ist erfunden. In der Schweiz läuft ein Strafverfahren gegen ihn.
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Der Zürcher Arzt gibt an, den weltweit ersten autonomen Chirurgieroboter zu entwickeln.
Foto: Screenshot

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ethan R. (39) täuscht Investoren mit einem angeblichen Chirurgieroboter-Projekt in Dubai
  • Schaden von 1,5 Mio. CHF durch mutmasslichen Covid-Betrug in der Schweiz
  • 2025 Rückkehr in die Schweiz, verliert neuen Job nach öffentlicher Kritik
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Lino SchaerenRedaktor

Ethan R.* (39) lebt das verbreitete Start-up-Prinzip «Fake it till you make it» auf seine eigene Weise. Der schweizerisch-türkische Arzt arbeitet in Dubai angeblich an nichts weniger als einer Revolution der Medizin: einem autonomen Chirurgieroboter. Dafür sucht er Hunderte Millionen Dollar und verspricht hohe Renditen.

In Präsentationen für Investoren, die Blick vorliegen, wirbt R. mit bekannten Namen: Siemens Healthineers, der deutsche Roboterhersteller Kuka sowie mehrere hochdekorierte Schweizer Chirurginnen und Chirurgen, die den Roboter trainieren sollen. Doch auf Nachfrage erklären Unternehmen und Chirurgen, nichts mit R. und seinem Vorhaben zu tun zu haben. Das Projekt entpuppt sich als Luftschloss.

Recherchen zeigen: Nicht zum ersten Mal inszeniert sich R. grösser, als er ist. In der Schweiz läuft gegen ihn eine Strafuntersuchung wegen mehrerer Delikte.

In der Türkei den Namen geändert

Im Sommer 2024 verlässt R. die Schweiz – zunächst in die Türkei, wo er seinen Vornamen ändern lässt, später in die Emirate. Zurück bleiben seine Ehefrau und zwei kleine Kinder.

R. selbst begründet seinen Weggang in Youtube-Podcasts mit der Bürokratie im Schweizer Gesundheitswesen. Gerichtsakten, die Blick vorliegen, zeichnen ein anderes Bild: Der 39-Jährige findet in der Schweiz keinen Job mehr, nachdem verschiedene Medien darüber berichtet haben, dass die Zürcher Staatsanwaltschaft ihn im Visier hat.

Im Zentrum der Ermittlungen steht ein mutmasslicher Covid-Betrug. R. soll während der Pandemie Tausende Corona-Tests abgerechnet haben, die nie durchgeführt wurden, wie die «SonntagsZeitung» berichtete. Die Ermittler gehen offenbar von einem Schaden von rund 1,5 Millionen Franken aus. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Staatsanwaltschaft bestätigt, seit 2022 ein Strafverfahren gegen R. zu führen, «unter anderem im Zusammenhang mit dem Verdacht auf Abrechnung fiktiver Corona-Tests». Unterlagen zeigen, dass die Strafverfolger zudem wegen möglicher Urkundenfälschung und unbefugter Datenbeschaffung ermitteln.

Aufgeflogen ist der Fall durch einen Whistleblower beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), wie aus einer Verfügung hervorgeht. Zudem meldeten sich zahlreiche Betroffene in Online-Rezensionen, die von ihren Krankenkassen Abrechnungen für nie durchgeführte Tests bei R. erhielten.

Beruflich unter Druck

Nicht nur strafrechtlich, auch beruflich gerät der Arzt in der Schweiz zunehmend unter Druck. Im April 2024 schliesst er seine Hausarztpraxis in Unterägeri ZG abrupt – keine vier Monate nach der Übernahme. Ein Zettel an der Tür informiert über Krankheit und Konkurs. Tatsächlich hat R. nie Konkurs angemeldet; seine überschuldete GmbH wird erst 2025 von Amtes wegen gelöscht. Auch deshalb laufen Ermittlungen.

Bereits im März 2024 verliert R. im Kanton Zürich seine Berufsausübungsbewilligung. Alle weiteren Kantone, denen er als Arzt gemeldet war – Bern, Thurgau, Aargau und Zug – ziehen nach. Die Behörden äussern sich nicht zum Fall. Dokumente zeigen jedoch: Der Entzug begründet sich nicht nur im Strafverfahren. Es geht auch um organisatorische und fachliche Mängel.

So beschäftigte R. Ärztinnen ohne ausreichende Qualifikation. Gleichzeitig häufte er Mandate: 2023 war er neben seiner Oberarztstelle bei einem Kantonsspital an zehn weiteren Standorten als zuständiger Arzt gemeldet – und zusätzlich Chief Medical Officer einer privaten Berner Spitalgruppe. Gleichzeitig tauchte er bei etlichen Beautysalons als Facharzt auf.

Für die Zürcher Behörden war das zu viel. R. könne seiner Sorgfaltspflicht aufgrund der vielen Beschäftigungen nicht mehr nachkommen, heisst es in Schreiben, die Blick vorliegen. Zudem wird ihm vorgeworfen, wiederholt unwahre Angaben gemacht zu haben. Explizit erwähnt wird auch die Tätigkeit für Beautysalons. Das Zürcher Gesundheitsamt warf ihm fehlende Sorgfaltspflicht bei der Beaufsichtigung von Kosmetikerinnen vor.

Vertrauensarzt von Kosmetikstudios

R. hatte Schönheitssalons offenbar als zusätzliches Geschäftsmodell für sich entdeckt. Kosmetikerinnen dürfen ohne ärztliche Aufsicht keine Eingriffe wie das Spritzen von Botox vornehmen. R. bot sich deshalb bei Studios als Vertrauensarzt an, wie Salonbetreiberinnen bestätigen. Ein Mustervertrag zeigt, dass er für die Nennung als Facharzt monatlich «Umtriebskosten» von 2000 Franken geltend machte. Ob er die Eingriffe in den Beautystudios tatsächlich selbst durchgeführt oder überwacht hat, ist unklar.

Mehrere Salons, die R. für einige Zeit als Facharzt führten, wurden später polizeilich geschlossen, eine Kosmetikerin kam in Untersuchungshaft. Ob in diesen Fällen auch gegen R. ermittelt wird, lässt die Zürcher Staatsanwaltschaft offen. Sie bestätigt lediglich, dass mögliche Verfehlungen im Zusammenhang mit Kosmetikstudios Gegenstand der laufenden Strafuntersuchung seien.

Selbstdarstellung und Legenden

Anspruch und Realität klaffen bei R. auseinander. Mehrere Personen, die ihm in der Schweiz oder in Dubai begegnet sind, geben an, dass sich R. gerne als Chirurg und Herzspezialist inszeniert habe. Tatsächlich ist R. Facharzt für Innere Medizin. Beim Professorentitel, den er führt, handelt es sich um eine Ehrenprofessur einer türkischen Universität.

In Lebensläufen und sozialen Medien behauptet er, an der Harvard Medical School studiert zu haben, wahlweise mit einem Master oder einem Doktor in Medizin. Die Universität widerspricht klar: R. sei nie an der Elite-Universität in Boston als Student eingeschrieben oder angestellt gewesen.

Lange bevor er sich nach Dubai abgesetzt hat, trat er in der Schweiz neben seinen ärztlichen Tätigkeiten auch als Berater im Medizintourismus auf. Dabei warb er damit, mit dem Unispital Zürich oder der Hirslanden-Gruppe zusammenzuarbeiten. Beide bestritten wie weitere angebliche Partner jegliche Kooperation.

Das Muster scheint sich am Persischen Golf fortzusetzen. So engagierte ein niederländischer Unternehmer R. als Berater für ein Longevity-Projekt. R. sollte Investoren für das Vorhaben gewinnen. In seinem Lebenslauf behauptete er, 250 Millionen Dollar für das Longevity-Vorhaben gesammelt zu haben. Laut dem Unternehmer habe R. hingegen keinen einzigen Dollar beschafft, weshalb er sich von ihm getrennt habe.

In einem Podcast sagte R. kürzlich, was für den Erfolg in Dubai wichtig sei: Reputation. Seine bekommt aber offenbar auch in den Emiraten immer mehr Risse. Geschäftspartner stellen Fragen zu seiner Vergangenheit, auch zu den Ermittlungen in der Schweiz. Chats zeigen, dass R. versucht, die Wogen zu glätten, indem er behauptet, alle Strafuntersuchungen gegen ihn seien längst eingestellt worden.

Rückkehr in die Schweiz

Trotzdem taucht der Zürcher Arzt in den neuesten Investoren-Unterlagen des Roboter-Start-ups bereits nicht mehr auf – und das als Unternehmensgründer. «Er hat über Jahre ein Lügengebilde aufgebaut, das jetzt einstürzt», sagt R.s Ex-Frau. Sie habe viele geschäftliche Machenschaften ihres Mannes nicht mitbekommen, weil dieser sich um die Familienfinanzen gekümmert habe.

Als R. dann das Land verlassen habe, sei immer mehr zum Vorschein gekommen. «Für mich war das ein Schock.» Die Mutter der beiden gemeinsamen Kinder hat ihren Ex-Mann beim kantonalen Steueramt wegen Steuerhinterziehung gemeldet und unter anderem wegen ungetreuer Geschäftsführung angezeigt, wie sie sagt.

Kontakt haben die ehemaligen Ehegatten keinen mehr. So wurde auch die Ex-Frau überrascht, als R. Ende 2025 in die Schweiz zurückkehrte, um wieder als Arzt zu arbeiten. Der Entzug der Berufsbewilligung bedeutet kein absolutes Berufsverbot: R. darf nicht mehr in eigener fachlicher Verantwortung Patienten behandeln, unter Aufsicht hingegen schon.

Den Job ist R. schon wieder los

Eingestellt wurde er von einer mobilen Heimarztpraxis im Kanton Bern. Die Praxis gehört ausgerechnet zur Berner Spitalgruppe, bei der R. als Chief Medical Officer tätig war – bis ihn die Ermittlungen im Frühjahr 2024 den Posten kosteten. Lange dauerte das zweite Engagement allerdings nicht. Nachdem Angehörige R. in einem Altersheim als jenen Arzt erkannt hatten, gegen den wegen Covid-Betrugs ermittelt wird, kam es zu Kritik, wie «20 Minuten» berichtete. Die Heimleitung verlangte daraufhin einen anderen Mediziner.

Kurz darauf war R. den Job offenbar wieder los. Der Chef der Praxis äussert sich dazu auf Anfrage nicht. Laut mehrerer Quellen hat R. die Schweiz inzwischen wieder verlassen, erneut Richtung Naher Osten.

Blick hat den Arzt mit allen gegen ihn erhobenen Vorwürfen konfrontiert. R. hat auf eine Stellungnahme verzichtet. Der Mann, der grosse Versprechen verkauft, bleibt konkrete Antworten schuldig.

*Name geändert

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