«Man wächst mit den Kindern»
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Shalyna wurde mit 17 Mutter:«Man wächst mit den Kindern»

Shalyna und Fabio Fortino wurden mit 17 Eltern – sie konnte keine Lehre machen
«Wir haben alles richtig gemacht»

Mit 16 wurde Shalyna schwanger. Sie arbeitete damals in einer Kita. Ihr Partner Fabio machte eine KV-Lehre. Bei der Geburt ihres ersten Kindes lief vieles schief. Heute haben die beiden 20-Jährigen zwei Kinder – und das Gefühl, allein zurechtzukommen.
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Ein Sohn mit 17, eine Tochter mit 19 – Shalyna und Fabio Fortino waren noch Teenager, als sie Eltern wurden.
Foto: Helena Graf

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Junges Paar meistert Elternschaft: Mit 16 erstes Kind, heute zwei Kinder
  • Instagram-Erfolg brachte 22 Millionen Aufrufe, aber auch ernsthafte Drohungen
  • Fabio arbeitet bei Versicherung; Shalyna filmt Familienvideos
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Helena GrafReporterin

Auf dem Steg am Weiher entdeckt die Tochter (1) etwas im Schilf. Sie krabbelt los. Ihr Bruder Valentino (3) ist schneller. «Baby ufpasse», er greift nach ihr, zeigt aufs Wasser. Mutter Shalyna Fortino sitzt daneben, zieht die Knie an die Brust, lächelt kurz. «Isch guet, Tino.»

Ihr Mann Fabio Fortino hebt das Mädchen hoch, setzt es auf seinen Schoss. Die Bewegungen sitzen. Niemand muss lange überlegen, wer wann aufsteht, wer wen trägt, wer welches Weinen versteht.

Die Morgensonne scheint. Das Gras am Weiher in der Region Winterthur ZH trocknet allmählich. Die jungen Eltern Shalyna und Fabio sprechen über Schlafrhythmen, Reichweite auf Instagram und darüber, wann die Kleine wieder müde wird.

Er arbeitet bei einer Versicherung, sie filmt Videos für Social Media. Abends schauen sie Serien, manchmal reden sie über Auswanderung, über Homeschooling, über Australien.

Sehr junge Eltern

Die beiden wirken ruhig. Als Eltern eingespielt. Nicht wie zwei Menschen, die selbst noch Kinder waren, als ihr Sohn unterwegs war. Doch so war es: Shalyna und Fabio sind sogenannte Tennie-Eltern.

Shalyna und Fabio waren 14 Jahre alt, als sie ein Paar wurden. «Seitdem haben wir jede freie Minute zusammen verbracht», erzählt sie.
Foto: zVg

Vor vier Jahren sassen die heute 20-Jährigen auf Kreta in einem Hotelzimmer und wussten nicht, wie sie mit der Schwangerschaft umgehen sollen. «Ich hoffte, dass sie das Kind behält», sagt Fabio zu Blick. Ausgesprochen habe er es nicht. «Es war ihre Entscheidung.»

Shalyna fürchtete sich damals weniger vor dem Kind als vor den Blicken der anderen. Vor Freunden. Vor Bekannten. Vor dem Gerede.

Nach zwei Wochen fliegen sie zurück in die Schweiz. Shalyna spricht mit ihrer Mutter, die damals selber schwanger ist. «Ich sagte ihr nur, dass ich meine Periode nicht bekommen habe.»

Am nächsten Tag sitzen Mutter und Tochter gemeinsam beim Frauenarzt. Auf dem Bildschirm flackert ein Herzschlag. Für Shalyna ist es der Moment, in dem aus einer Möglichkeit ein Mensch wird.

«Es war einfach klar»

Fabio arbeitet an diesem Morgen in seinem Lehrbetrieb. Als Shalyna ihm später die Ultraschallbilder zeigt, sprechen sie kaum noch darüber, ob sie das Kind behalten wollen oder nicht. Heute fragen sie sich, ob es diesen Moment der Entscheidung überhaupt gab. «Du hast nie direkt gesagt: Ich behalte es», sagt Fabio und schaut zu ihr hinüber. Shalyna schüttelt den Kopf. «Es war einfach klar.»

Sie beendete damals noch ihr Praktikum in der Kita. Später schläft sie fast den ganzen Tag. Ihr wird schlecht von Gerüchen, vom Essen, manchmal schon vom Gedanken daran.

«Valentino war riesig», sagt Fabio und lacht kurz. Bei der Geburt wollen sie vieles anders machen als andere junge Eltern. Kein Spital, möglichst natürlich. Shalynas Mutter hat alle ihre Kinder im Geburtshaus geboren.

«Die Geburt war traumatisierend»

Doch ihr Plan geht schief. Nach acht Stunden Wehen merken sie, dass etwas nicht stimmt. Das Kind liegt falsch. Die Schmerzen hören nicht mehr auf. Irgendwann bricht Shalyna zusammen. Nach fast einem Tag kommt sie ins Spital. «Ich habe die Hälfte vergessen», sagt sie heute. «Die Geburt war traumatisierend.»

Sie verliert einen Liter Blut, muss operiert werden. Währenddessen sitzt Fabio mit dem Baby auf dem Arm im Gang des Spitals. Er weiss nicht, was hinter der Tür passiert. «Ich hatte noch nie so grosse Angst», sagt er.

Shalyna (20) und Fabio (20) mit ihrem Sohn Valentino.
Foto: Helena Graf

Nach zwei Wochen darf Shalyna nach Hause. Fabio muss seine Lehre beenden, steht morgens früh auf und fährt zur Arbeit. Sie wohnen bei Shalynas Mutter, deren Tochter nur einen Monat älter ist als ihr Enkelsohn.

Schwieriger Start

Es ist Winter. Bitterkalt. Shalyna schläft kaum, verlässt selten das Haus. Tage ohne Ende – so fühlt es sich manchmal an.

Dann findet sie eine Routine. Spaziergänge mit ihrer Mutter. Zwei Kinderwagen nebeneinander. Ihre kleine Schwester im einen, ihr Sohn im anderen.

Fabio besteht die Abschlussprüfung und bekommt eine Stelle bei einer Versicherung. Zum ersten Mal haben die zwei das Gefühl, allein zurechtzukommen.

«Wie eine normale Familie»

Shalyna hat bis heute keine Berufslehre begonnen. Sie bereue das nicht. «Ich kümmere mich gerne um die Kinder», sagt sie. «Wir haben alles richtig gemacht.»

Mit neunzehn kommt ihr zweites Kind zur Welt – eine Tochter. Es ist ein Wunschkind. Diesmal gehen sie direkt ins Spital. Keine Operation. Kein Blutverlust. Shalyna spricht von einer «heilenden Geburt».

Fabio sagt: «Zum ersten Mal fühlte es sich an wie eine normale Familie.»

Irgendwann beginnt Shalyna, Videos auf Instagram hochzuladen. Anfangs filmt sie ihren Alltag einfach nebenbei. Spaziergänge, Schwangerschaft, Familienmomente. Später postet sie jeden Tag.

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In einem der Videos inszenieren sie einen Streit über Kuchen. Nichts Grosses. Fabio probiert ein Stück. Tut, als würde es ihm nicht schmecken. Sie läuft beleidigt davon, er bleibt lachend vor der Kamera zurück.

«Leute wollen eine Seite wählen»

Unter dem Video fordern Fremde die Trennung. Andere verteidigen ihn. Tausende Kommentare in wenigen Stunden. 22 Millionen Aufrufe. «Die Leute wollen immer eine Seite wählen», sagt Shalyna.

Mit der Aufmerksamkeit kommen auch Drohungen. Das kann Angst machen. «Aber wir konzentrieren uns auf die vielen positiven Reaktionen.»

Der Kinderwagen rollt über den Kiesweg am Weiher. Plötzlich bleibt der Sohn stehen. «Lueg!», er deutet auf das Schilf. Zwischen den Wasserpflanzen bewegt sich eine Blindschleiche. Dann dreht er sich zu seiner Schwester um. Sie schläft längst.

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