Darum gehts
- Jestetten ist am Wochenende Ziel vieler Schweizer Käufer
- Es locken tiefere Preise, Auswahl, Qualität und MWST-Rückgabe
- Trotz Nutzen klagen die Einwohner über Stau, Abfall und Identitätsverlust
Nichts geht mehr in Jestetten (D)! Wer am Samstag durch den 5500-Seelen-Ort direkt an der Schweizer Grenze will, braucht Nerven aus Stahl. Für eine Strecke, die man zu Fuss in zwei Minuten schafft, schmort man hier im Auto gerne mal zehn Minuten. Der Grund für den Wochenendwahnsinn? Die Einkaufstouristen aus den Kantonen Schaffhausen und Zürich stürmen vermehrt die Grenze.
Daran konnte auch die per Januar 2025 halbierte Zollfreigrenze nichts ändern. Ganz im Gegenteil. Wie eine Studie der Universität St. Gallen (HSG) zeigt, geben Schweizer ennet der Grenze gar so viel aus wie noch nie. Konkret waren es im vergangenen Jahr 9,26 Milliarden Franken. Die Studie zeigt: Wer im Ausland shoppt, tut dies nun öfter und gibt gleichzeitig pro Einkauf mehr aus.
Angebot wächst stetig
Kein Wunder, denn in Jestetten gibt es alles, was das Herz begehrt. In einem Radius von etwa einem Kilometer befinden sich unter anderem vier Supermärkte, zwei Drogeriemärkte, zwei Bekleidungsgeschäfte und zwei Non-Food-Discounter. Ein Paradies für jeden Einkaufstouristen, das stets erweitert wird.
Zuletzt eröffnete Lidl eine Filiale in Jestetten, und das, obwohl das Unternehmen im rund vier Kilometer entfernten Lottstetten bereits über einen Standort verfügt. Zudem erweiterten in den letzten Jahren Aldi und die DM-Filiale an der Hauptstrasse ihre Verkaufsfläche.
Blick hat sich vor Ort selbst ein Bild vom Einkaufstrubel gemacht und mit Einheimischen sowie Einkaufstouristen gesprochen. Schnell wird allerdings klar, dass zwar viele den Sprung zum Einkaufen über die Grenze wagen, darüber sprechen wollen jedoch die wenigsten.
Parkplätze voller Schweizer Autos
Dabei sind die Parkplätze voll von Autos mit Schweizer Kennzeichen. Wer einen Blick nach links und rechts wagt, könnte meinen, er stünde auf einem Parkplatz eines Schweizer Supermarkts.
Eine Winterthurerin findet, dass die Schweizer zum Einkaufstourismus stehen sollen. Die wachsende Teuerung und der Anstieg der Krankenkassenprämien würden schliesslich den Spardruck in den Schweizer Haushalten erhöhen. Auf die Frage, warum sie selbst in Jestetten einkaufen würde, antwortet sie schmunzelnd: «Das liegt ja wohl auf der Hand.»
Ähnlich sieht dies auch ein Herr aus Schaffhausen, der nicht mit Name und Bild hinstehen will. «Ich komme etwa fünf- bis sechsmal pro Monat nach Jestetten, um einzukaufen», sagt er. Für ihn ist neben dem günstigeren Preis die Qualität der Waren, die er in den Jestetter Supermärkten erhält, entscheidend.
Dass es ab einem Einkauf im Wert von über 50 Euro zusätzlich die Möglichkeit gibt, sich die Mehrwertsteuer zurückzuholen, ist natürlich noch ein toller Nebeneffekt, der sich bei einem vollen Einkaufswagen gleich doppelt lohnt.
Einheimische meiden Supermärkte am Wochenende
Vielen Einheimischen ist der Andrang der Schweizer an den Wochenenden zu viel. Sie meiden die Supermärkte an den zwei Tagen. Zu ihnen zählt auch Joshua Meister (25). Der Jestetter kennt als Mitarbeiter der hiesigen Postfiliale sowohl die Sonnen- als auch die Schattenseiten des Einkaufstourismus.
«Natürlich profitiert Jestetten vom Einkaufstourismus, besonders wirtschaftlich», sagt Meister. Da viele Schweizer den Einkaufstrip nach Jestetten häufig mit einem Abstecher zur Post verbinden, um Pakete abzuholen oder zu verschicken, bekommt er die Auswirkungen des Einkaufstourismus auch direkt an seinem Arbeitsplatz zu spüren.
Doch gerade am Wochenende ist der 25-Jährige vom zusätzlichen Verkehr durch die Nachbarn aus der Schweiz häufig genervt. Nicht selten komme es vor, dass er fünf Minuten an einer Kreuzung warten muss, bis er endlich auf die Hauptstrasse fahren könne, erzählt er. Deshalb versuche er, wenn immer möglich, den Ortskern am Wochenende zu umfahren.
Einwohner sprechen von Identitätsverlust
Dass die Einkaufstouristen bei den Jestettern nicht sonderlich beliebt sind, weiss auch Bürgermeister Dominic Böhler (42): «In der Bevölkerung gibt es zahlreiche negative Stimmen.» Die erhöhte Verkehrsbelastung sei allerdings nur einer von mehreren Gründen.
Durch den Bau der Discounter seien auch einige geschichtsträchtige Gebäude aus dem Ortsbild verschwunden, so Böhler. «Das Dorf wurde durch zahlreiche zugezogene Berufspendler oder deren Familien anonymer, teilweise wird in der Bevölkerung sogar von einem Identitätsverlust gesprochen.»
Er selbst «kann sehr gut mit unseren Schweizer Kunden leben unter der Voraussetzung, dass sie sich benehmen». Ein besonders leidiges Thema sei dabei vor allem die Vermüllung: «Wir finden an den Strassenrändern zahlreiche Verpackungen von Getränken und Speisen.» Aber auch Haus- und Sperrmüll an gewissen Stellen, die eindeutig Schweizer Kunden zuzuordnen sind, gehören laut Böhler zum Alltagsbild.