Wenn SBB-Kondukteur Martin Tschanz (62) ins Mikrofon spricht, dann schauen selbst gestresste Pendler von ihren Handys auf. Je nach Stimmung und Situation sagt Tschanz nach der offiziellen Durchsage auf Deutsch und Französisch auch im schönsten Berndeutsch zum Beispiel: «Mini Dame u Herre, im Momänt hei mir 6 Minute Verspätig. I ha im System nacheglueget u gseh, dass mir mit nume no zwö Minute Verspätig z Bärn achöme. Sött sich da no öppis verändere, tue i öich sofort informiere. So chömet dir pünktlich zum Café. Merci viumau.» Und plötzlich sind fast alle wieder gut drauf. Martin Tschanz erhielt im Lauf seines Berufslebens viel Fanpost – und immer wieder den Satz: «Sie haben uns ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.»
Zu viel Englisch?
SBB-Durchsagen sind ein Politikum, sogar im Parlament sind sie bisweilen Thema. Zu lange, zu detailliert, zu viel schlechtes Englisch – und, und, und. Kult-Kondukteur Martin Tschanz verteidigt die englischen Durchsagen auf Touristen-Strecken – sagt aber auch: «Man muss es nicht übertreiben.»
Mit den individuellen Mundart-Ansagen fing Martin Tschanz vor 15 Jahren bei zwei Zusatzzügen von Zürich nach Bern an. «Im Lauf der Zeit habe ich meinen Stil gefunden.» Vorschreiben könne man das niemandem: «Es muss aus dem Herzen kommen.» Als die SBB zeitweise nur noch Tonbändchen wollten, blieb er stur: «Die Stimmung im Zug ist viel gelöster und entspannter.»
Martin Tschanz ist Norwegen-Fan
Die SBB nennen seinen Beruf heute offiziell Kundenbegleiter. Martin Tschanz hält wenig von Marketing-Sprech, er sieht sich nach wie vor als «Kondi». Seit 1981 ist er bei der Bahn, auf Ende Jahr hin wird er pensioniert. Seine letzte Dienstfahrt hatte er bereits, nun baut er Überzeit ab. Die Kunden vermissen bereits seine Durchsagen in Richtung «Fasnachtshauptstadt», wenn die Fahrt nach Basel geht, die «rüüdig schöne Leuchtenstadt» (Luzern) oder die «gschäftige Stadt an der Limmat» (Zürich).
Auf seiner Krawatte stecken Pins mit den Flaggen von Norwegen und Schweden. Ob sich nie jemand daran gestört habe – Stichwort Schweizerische Bundesbahnen? «Nein, im Gegenteil, das ist oft ein Gesprächsöffner.» In Norwegen hat er seine Partnerin kennengelernt, eine Schweizerin – «durch Zufall», an einem Schiffsteg. Am Ohr trägt er einen Löwen: «Ich war in Afrika und habe 106 Löwen gesehen.» In Südafrika war er «selbstverständlich» mit der Bahn unterwegs – mit einem historischen Dampfzug von Kapstadt nach Pretoria.
Ärger über die Deutsche Bahn
Martin Tschanz bleibt Bähnler aus Leidenschaft, auch mit der Pensionierung. Er warnt vor Sparprogrammen und verweist besorgt auf Deutschland. Bis 1994, erzählt der Kult-Kondi, sei die Deutsche Bundesbahn pünktlich am Badischen Bahnhof in Basel und in Schaffhausen angekommen. Mit der Privatisierung sei die Pünktlichkeit bachab gegangen. Ein Problem, das bis heute noch nicht gelöst ist.