Darum gehts
- Tiktoker Joung Gustav verliert Partnerschaften nach umstrittenen Aussagen zur Asylpolitik
- Er verbreitet rechtsextreme Inhalte und unterstützt die Gruppe «Junge Tat»
- Migros und Coop beendeten Kooperationen; 5,5 Millionen Tiktok-Follower
In der virtuellen Welt ist Joung Gustav eine Macht. Mehr als 5,5 Millionen Menschen folgen ihm alleine auf Tiktok – so viele wie kaum einem anderen Schweizer Influencer.
Im realen Leben setzt Gustav gerade seine Karriere aufs Spiel. Die Migros kippte seinen Vitamindrink aus dem Sortiment, nachdem er sich in einem Video kritisch zur Schweizer Asylpolitik geäussert hatte. Gustavs Ansichten seien nicht mit den Werten des Unternehmens vereinbar. Auch weitere Brands beendeten Kooperationen mit dem Tiktoker, darunter Coop.
«Sei links oder sei ruhig», fasste Gustav den Eklat mit dem Grossverteiler zusammen. Und erweckte damit den Anschein, er würde gecancelt, bloss weil er kritisch über das Asylsystem redete.
Völkische Verschwörungstheorien
Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jetzt aber, dass Gustavs politische Äusserungen weit über das eine Video hinausgehen. Der Tiktok-Star verbreitet seit Monaten rechtsextreme Verschwörungstheorien und feiert neuerdings sogar die militante Gruppierung Junge Tat, die vom Nachrichtendienst des Bundes beobachtet wird und deren Anführer demnächst vor Gericht stehen – wegen Körperverletzung, Rassendiskriminierung und Aufruf zu Hass.
Wie Gustav wirklich tickt, zeigen seine Reposts, die er auf Tiktok über sein kleineres Zweitprofil «gustavredet» verbreitet. Inhalte anderer also, die er an seine eigenen Followerinnen und Follower weiterleitet.
Darunter findet sich etwa ein Video, in dem die völkische Verschwörungstheorie des «Grossen Austauschs» propagiert wird. Darin betrachten vollverschleierte Frauen ein weisses Paar in einer Museumsvitrine, während eine dramatische Stimme erklärt, «korrupte Eliten» liessen absichtlich «Eindringlinge» nach Europa, um die einheimische Bevölkerung zu verdrängen.
Erzählungen aus Neonaziszene
Mehrere von Gustavs Reposts drehen sich um die angebliche «weisse Schuldkultur», die sich in den USA und Europa ausbreite. Die Erzählung, wonach sich Weisse selbst zu Opfern machten, stammt aus der Neonaziszene. In den von ihm weiterverbreiteten Videos sagen Männer Dinge wie: «Ich setze mich ein für das Ende des Schweigens von Weissen, für das Ende der weissen Schuld.»
Den Werten der Migros zuwiderlaufen dürften auch Propagandavideos von antifeministischen Accounts, die Gustav fleissig teilt. Zum Beispiel der Clip einer Frau, die behauptet, Kinder gehörten nicht fremdbetreut. Die Gesellschaft werde dahingehend «indoktriniert», dass Kinder unter drei Jahren für ihre soziale Entwicklung andere Kinder bräuchten – das stimme nicht.
«Sie kämpfen für die richtige Seite»
Wie weit nach rechts ist Gustav abgedriftet? Ausgerechnet jener Tiktoker, der mit Strasseninterviews mit mehrheitlich migrantischen Jugendlichen am Bahnhof Stadelhofen bekannt wurde?
Der Influencer reagierte nicht auf Anfragen. In einem Livestream gab er seinen treuesten Fans jedoch eine Antwort. Knapp 130 Followerinnen und Follower schauten zu, Blick liegt eine Aufzeichnung des Streams vor. Auch die «Republik» berichtet darüber.
Auf die Frage eines Users hin lobte Gustav die rechtsextreme Junge Tat: «Sie kämpfen für die richtige Seite.» Er müsse sich zwar noch etwas mehr mit der Gruppe beschäftigen, aber «nach dem, was ich sehe, kämpfen sie fürs Land, für Remigration von illegalen Migranten, dafür, dass man vor allem als Mann stark sein und kämpfen können soll». Das alles sei «based» – ein Slangwort, das Lob für kontroverse, oft rechte Meinungen ausdrückt.
Haben Sie Hinweise zu brisanten Geschichten? Schreiben Sie uns: recherche@ringier.ch
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«Wenn ich das sage, dann ...»
Die Junge Tat, die Joung Gustav auf Tiktok feiert, ist die am schnellsten wachsende rechtsextreme Organisation der Schweiz. Die Zürcher Staatsanwaltschaft fordert für die zwei Anführer unbedingte Freiheitsstrafen von sechs Monaten. Dass seine Äusserungen zur rechtsextremen Gruppe heikel sind, scheint Gustav bewusst zu sein. Im Livestream sagt er: «Wenn ich sage, ich gehöre zur Jungen Tat, dann … Die Journalisten, die hier drin sind, die reiben sich schon die Finger.»
Von rechtsaussen erhält der Influencer Zustimmung. Tobias Lingg, der mehrfach vorbestrafte Anführer der Jungen Tat, kommentierte Gustavs Video mit den Worten: «Kein Schritt zurück!» Das hat der Tiktok-Star offenbar auch nicht vor. Auf die Frage der «Weltwoche», ob er etwas bereue, antwortete er: «Null. Ich bereue gar nichts.»