Fünf Nominationen stehen bereit für den Prix Courage 2026 des «Beobachters». Das Voting dauert vom 2. bis zum 11. Oktober – wem gibst du deine Stimme?
Saskia Leber kämpft dafür, dass sich Opfer von Gewalttaten nicht rechtfertigen müssen
Saskia Leber war sexualisierten Übergriffen ausgesetzt, danach stalkte der Täter sie. Von seinem wahren Gewaltpotenzial erfuhr sie erst später – und muss trotzdem weiter darum kämpfen, als Opfer anerkannt zu werden.
Dieser Artikel wurde aus dem Magazin «Beobachter» übernommen. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.beobachter.ch
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Der Mann, der das Leben der 38-jährigen Baslerin auf den Kopf stellte, war ein enger Vertrauter. Diese Nähe nutzte der vermeintliche Freund aus: Anfang 2025 versuchte er zweimal, Saskia Leber zu vergewaltigen. Dann stellte der Peiniger ihr und ihren Kindern nach.
In dieser Situation schaltete die Frau das kantonale Bedrohungsmanagement (KBM) ein. Saskia Leber wollte Sicherheit, doch die Polizei blieb passiv. Das löste ein Gefühl der Hilflosigkeit aus: «Ich wurde im Stich gelassen.» Dazu kam auch Wut. Denn Leber erfuhr erst nachträglich – nach dem Suizid des Täters –, was die Behörden schon zuvor gewusst haben mussten: Der Mann war durch wiederholte Gewaltdelikte gegen Frauen einschlägig bekannt.
Das weckte in Saskia Leber den Kampfgeist. Sie schaltete die Ombudsstelle ein, die das Vorgehen des KBM unter die Lupe nahm. Und nachdem ihr Antrag auf Genugtuung lapidar mit «Ihre Opfereigenschaft wird verneint» abgelehnt worden war, zog sie den Fall vors Appellationsgericht. Anfang September wurde der Rekurs zumindest teilweise gutgeheissen. Ihr Antrieb: «Es kann nicht sein, dass sich Betroffene von sexualisierter Gewalt rechtfertigen müssen für das, was ihnen angetan wurde.»
Manuela Eggli sagte vor Gericht gegen den eigenen Arzt aus
Manuela Eggli litt seit ihrer Jugend unter starken Rückenschmerzen. Vor 15 Jahren liess sie sich vom international renommierten Berner Chirurgen Max Aebi eine künstliche Bandscheibe einsetzen. Doch das Produkt zerbröselte in ihrem Rücken und musste fünf Jahre später Stück für Stück herausoperiert werden.
Was Manuela Eggli damals nicht wusste: Die britische Herstellerfirma nahm das Produkt nach vielen Komplikationen im Ausland bereits 2014 wieder vom Markt und forderte die Ärzteschaft auf, bei den Betroffenen den Zustand des Implantats zu kontrollieren. Doch Aebi unternahm nichts.
Die heute 56-Jährige trug ihre Geschichte an die Öffentlichkeit, gegen den Chirurgen wurde ein Strafverfahren eröffnet. Schliesslich sagte die Patientin vor Gericht gegen ihren Arzt aus. Anfang Jahr wurde er zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 17 Monaten verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Aebi von den Mängeln des Rückenimplantats gewusst hatte und untätig geblieben war – und finanziell vom Implantat profitierte.
Auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist und der Arzt damit als unschuldig gilt: Manuela Eggli hat massgebend dazu beigetragen, dass sich der Wirbelsäulenspezialist für sein Verhalten vor Gericht verantworten musste.
Lea Blattner kämpft gegen Hass und Tabus
Lea Blattner war Co-Präsidentin der Jungen EVP und im Parteivorstand der EVP Schweiz. Dann outete sie sich als lesbisch – und zahlte dafür einen hohen Preis. Doch: «Was für ein Vorbild wäre ich gewesen, hätte ich einfach geschwiegen?», so die 32-Jährige.
Nachdem sie als junge Frau in freikirchliche Kreise geraten war, lebte sie lange ein Doppelleben. Denn: Queer zu sein, bedeutet, in die Hölle zu kommen. «Ich durfte nicht lesbisch sein und mich nicht suizidieren», beschreibt sie den unerträglichen Druck von damals. Acht Jahre lang unterzog sie sich einer Konversionstherapie, in der sie von ihrer Homosexualität geheilt werden sollte.
Corona war ihre Rettung, denn die Kirchen blieben zu. Am 26. April 2025 outete sich Lea Blattner öffentlich. Sie verlor ihr soziales Umfeld, erntete Hasskommentare in Social Media und fand Morddrohungen im Briefkasten. Darüber wollte die junge Frau nicht schweigen – auch weil sie Zuspruch von Betroffenen erhielt. «Ein 80-jähriger Mann schrieb mir, dass er endlich zu seiner Homosexualität stehen könne. Es meldeten sich Eltern, dass sie ihre queeren Kinder nun besser verstünden.»
Von ihrer Partei, der EVP, fühlte sich Blattner dagegen alleingelassen. Im April 2026 trat sie darum aus der Partei aus und politisiert seitdem für die Grünen. Den Glauben hat sie nicht verloren, ihr Gottesbild hat sich aber gewandelt: «Gott ist für mich kein Richter mehr, sondern ein Aufrichter.»
André Wyss rettete zwei Touristen vor dem Ertrinken
André Wyss, 40, hasst nasse Füsse. Deshalb besitzt er zehn Paar gelbe Schuhe: La Sportiva, Grösse 44. Für jeden Wochentag eines, plus Ersatzschuhe. Jedes Paar ist beschriftet. An jenem Freitagmorgen im Februar zog er versehentlich seine Donnerstagsschuhe an. Als er den Irrtum bemerkte, sagte er seiner Arbeitskollegin: «Gopferteli, heute geht bestimmt etwas in die Hose.»
Und tatsächlich: Kurze Zeit später blickte er auf das zugefrorene Burgseeli, das in der Nähe von Interlaken liegt. Zwischen den Bäumen beobachtete er zwei Männer, die auf dem Eis ins Wasser stürzten. Obwohl er selbst kein guter Schwimmer ist, fuhr er ohne Zögern an die Unfallstelle. Währenddessen informierte er die Rega und die Ambulanz. Mit Hilfe von Stromkabeln konnte er die beiden Touristen aus dem See ziehen.
«Sobald ich einen Unfall sehe, handle ich intuitiv», sagt er. Wie ein Zahnrad, das ineinanderfällt, wisse er, was zu tun sei. Letztes Jahr ertranken in der Schweiz 43 Personen. Für die beiden Touristen ging der Unfall glimpflich aus. Wyss appelliert an die Gesellschaft, mehr Zivilcourage zu zeigen und wachsamer durch die Welt zu gehen.
Agnes, Faye, Nathi, Alisha und Franny kämpfen gegen Deepfakes
Mehrere Influencerinnen haben Anzeige erstattet, weil Nutzer pornografische Deepfakes von ihnen erstellt hatten. Fünf von ihnen – Agnes, Faye, Nathi, Alisha und Franny – sind an die Öffentlichkeit getreten, um auf den systematischen Missbrauch durch Deepfakes hinzuweisen.
Der «Tages-Anzeiger» hatte die Deepfakes in einer Recherche identifiziert. Dabei handelt es sich um Bilder und Videos, die unbekannte Nutzer mit Hilfe von künstlicher Intelligenz erstellt und in Telegram- oder Reddit-Foren hochgeladen hatten. Im Artikel wurde aufgedeckt, dass unter den Betroffenen dieser gefälschten Fotos und Videos mindestens 14 Schweizer Frauen sind. Acht von ihnen wehrten sich und erstatteten Anzeige wegen Identitätsmissbrauchs und Ehrverletzung.
Schlimm sei für sie gewesen, dass die Polizei sie zunächst nicht ernst genommen habe, sagt Franny, eine der Influencerinnen, zum «Beobachter». Sie hätten sich zunächst machtlos gefühlt, als sie von den Deepfakes erfuhren, sagen die Frauen. «Und dann waren wir sehr wütend», so Franny. «Wütend darüber, dass die Welt für uns Frauen immer noch so funktioniert.» Gleichzeitig habe das Erlebte sie stärker mit anderen Frauen in Verbindung gebracht.
Rechtsexpertinnen sagen, die Gesetze in der Schweiz würden dem Missbrauch durch Deepfakes nicht gerecht. Es gibt keinen Artikel im Strafgesetzbuch, der einzig die Erstellung und Verbreitung von sexualisierten Deepfakes abdeckt. Sie fordern schärfere Gesetze.
Jedes Jahr verleiht der «Beobachter» den Prix Courage an inspirierende Menschen, die durch unerschrockenes Handeln und mutige Taten beeindrucken.
Vom 2. Oktober bis am 11. Oktober 2026 kannst du hier im Publikums-Voting deine drei Favoriten bestimmen. Danach entscheidet die Jury, wer mit dem Prix Courage ausgezeichnet wird. Weitere Infos zum Prix Courage des «Beobachters» findest du hier.
Jedes Jahr verleiht der «Beobachter» den Prix Courage an inspirierende Menschen, die durch unerschrockenes Handeln und mutige Taten beeindrucken.
Vom 2. Oktober bis am 11. Oktober 2026 kannst du hier im Publikums-Voting deine drei Favoriten bestimmen. Danach entscheidet die Jury, wer mit dem Prix Courage ausgezeichnet wird. Weitere Infos zum Prix Courage des «Beobachters» findest du hier.