Darum gehts
- Verwaltung verschickt horrende Nebenkostenabrechnungen in Erlen TG
- Mieter sollen tausende Franken lockermachen
- Sie wehren sich und gelangen an Blick – Verwaltung storniert Abrechnung
Immer wieder kommt es hierzulande vor, dass Menschen eine Rechnung erhalten, die sie aus den Socken haut. Die Bewohner einer Überbauung in Erlen TG dürften aber geradewegs aus den Schuhen gefallen sein.
Begonnen hat alles Anfang Dezember. Nachdem die Häuser im April 2024 verkauft wurden, stellte die ehemalige Verwaltung, die Privera AG, den Bewohnenden anderthalb Jahre nach dem Verkauf gepfefferte Nebenkostenabrechnungen zu.
5614 Franken: «Bisschen übertrieben»
Im Dachgeschoss wohnt Rita Zurbuchen (65) in einer 4,5-Zimmer-Wohnung. Die Rentnerin soll geschlagene 5614 Franken an Nebenkosten nachzahlen. So will es die Privera. «Meine Wohnung ist gross, ich bin es mir gewohnt, dass ich manchmal an die 500 Franken nachzahlen muss. Aber 5600 ist schon ein bisschen übertrieben», sagt sie diplomatisch. «Ich war ziemlich erschlagen, als ich die Rechnung bekam.» Denn sie zahlte mit jeder Miete einen fixen Akonto-Beitrag für die Nebenkosten ein.
Sie kennt die Überbauung seit über 30 Jahren, wohnt seit den 90er-Jahren mit Unterbrüchen fast unentwegt hier. «Die Nebenkosten haben sich verzehnfacht. Das kann einfach nicht sein.»
Rita Zurbuchen ist nicht die Einzige, die eine solche Monsterrechnung im Briefkasten hatte: «Mir ist zu Ohren gekommen, dass es hier auch Rechnungen über 7000 oder sogar 9000 Franken gibt.» Für die Rentnerin geht es um die Existenz: «Ich beziehe AHV. So eine Rechnung könnte ich mir nie und nimmer leisten.»
Zurbuchen wehrt sich persönlich. «Ich war in Gümligen bei Bern im Privera-Hauptsitz und wollte wissen, wer diese Rechnung verbrochen hat», sagt sie. «Sie waren sehr freundlich da, das muss man sagen.» Ihr Vorgehen sollte zum Erfolg führen.
«Das geht für mich nicht auf»
Ein paar Schritte die Treppe hinunter lebt Michael Kohlbrenner (45) seit 2008 mit seiner Familie, ebenfalls in einer 4,5-Zimmer-Wohnung. «Die Nebenkostenabrechnung bezieht sich auf fast 22 Monate, vom 1. Juli 2022 bis 30. April 2024.» Kohlbrenner soll für diese Zeitspanne 4700 Franken nachzahlen. «Wir haben während dieser Jahre mehrmals nachgefragt, ob wir eine Nebenkostenabrechnung erhalten können. Antwort bekamen wir nie», sagt er. Auch er hatte monatlich Akonto für die Nebenkosten eingezahlt.
Bei der Durchsicht seiner hohen Abrechnung wurde er praktisch bei jedem einzelnen Punkt stutzig. Die Quadratmeterzahl bei den Wohnungen stimmt nicht, die Heizung wurde offensichtlich falsch abgerechnet.«Das geht für mich nicht auf», sagt Kohlbrenner. Er und seine Frau gelangen an die Schlichtungsstelle und schalten ihre Rechtsschutzversicherung ein.
Das Aufbegehren der Mieter zeigt Wirkung: Ende Dezember erhalten sie einen weiteren Brief von der Privera: «Wir haben uns entschieden, die Abrechnung zu stornieren und neu auszustellen, da diese fehlerhaft ist.» Eine Neue soll noch im Januar zugestellt werden. «Wir bitten Sie daher, die im Dezember erhaltene Abrechnung nicht zu bezahlen und die entsprechenden Unterlagen zu vernichten.»
Privera: «Deutlich gestiegene Energiepreise»
Nachfrage bei der Privera. Christian Bärlocher, Leiter Marketing & Kommunikation, erklärt die hohen Abrechnungen. Auf Wunsch der damaligen Eigentümer sei eine abschliessende Nebenkostenabrechnung bis zum Verkaufsdatum erstellt worden. «Die Höhe der Abrechnung erklärt sich aus dieser gebündelten Abrechnungsperiode sowie aus den in diesem Zeitraum deutlich gestiegenen Energiepreisen.»
Doch die Verwaltung merkte selber, dass etwas nicht stimmte: «Nach dem Versand der Abrechnung wurden im Rahmen einer internen Nachkontrolle Unstimmigkeiten festgestellt. Diese betreffen nicht nur einzelne Positionen, sondern die Verteilung sämtlicher relevanter Kosten.»
Dass die Medien davon Wind bekamen, habe mit der Entscheidung rein gar nichts zu tun: «Die Stornierung der Abrechnung erfolgte unabhängig von medialen Ankündigungen einzelner Mieter.»
«Ich glaube, die machen das mit Absicht»
Rita Zurbuchen wünscht sich von der Privera vor allem eins: «Es wäre schön, würden sie die Mieter ein bisschen fair behandeln.» Ihr Nachbar Michael Kohlbrenner hat einen dunklen Verdacht: «Ich glaube, die machen das mit Absicht.»
Dazu sagt Privera-Bärlocher: «Wir erstellen im Auftrag unserer Eigentümer jährlich eine sehr grosse Anzahl von Heiz- und Betriebskostenabrechnungen und legen dabei grossen Wert auf eine sorgfältige, termingerechte und vollumfänglich korrekte Abwicklung. Der vorliegende Fall stellt eine Ausnahme dar und ist weder Ausdruck von Willkür noch von Absicht.»