Interview zum Nahostkonflikt
«Jugendliche werden plötzlich zu Experten ihrer Religion gemacht»

Der Nahostkonflikt setzt jüdische und muslimische Jugendliche auch in der Schweiz unter Druck. Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti erklärt, was Zuschreibungen auslösen und wie der Dialog gelingen kann.
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«Dass manche muslimische und jüdische Jugendliche durch den Nahostkonflikt stärker zur Religion finden, überrascht mich teilweise», sagt Andreas Tunger-Zanetti.
Foto: Privat, Ütopya Kara - Montage: Beobachter

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Andreas Tunger-Zanetti, wie erleben Sie aktuell die Stimmung unter religiösen Jugendlichen in der Schweiz?

In Beiträgen auf sozialen Medien zeigt sich: Vor allem unter muslimischen Jugendlichen ist die Stimmung stark geprägt von Entrüstung und Empörung über den Krieg in Gaza und die zivilen Opfer. Die ursprüngliche Aktion der Hamas – der Überfall auf das Festival nahe dem Gazastreifen – ist fast schon in den Hintergrund gerückt. Heute dominiert die Frage: Warum tut die Welt nichts, um Israel zu stoppen? Warum werden Hilfslieferungen blockiert? Das führt bei vielen Jugendlichen zu einer Stimmung des Unverständnisses wie: «Die Welt lässt uns im Stich.»

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Haben Sie beobachtet, dass sich durch den Nahostkonflikt die Art verändert hat, wie Jugendliche ihre Religion leben oder darüber sprechen?

Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 fangen an, sich Fragen zu ihrer eigenen religiösen Identität zu stellen. Die wird ihnen manchmal von der Umwelt angetragen, wenn beispielsweise jemand kommt und sagt: «Du bist doch Muslim – was ist deine Meinung dazu?» Bei älteren Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ist die Identitätsfindung oft schon weiter fortgeschritten. Sie wurden durch frühere Ereignisse wie 9/11 oder das Verhüllungsverbot geprägt und haben bereits Haltungen entwickelt, die sich durch neue Konflikte meist nicht mehr grundlegend verändern. Dass manche muslimische und jüdische Jugendliche durch den Nahostkonflikt stärker zur Religion finden, überrascht mich teilweise. Eigentlich ist dieser Konflikt territorial und nicht religiös. Auf beiden Seiten gibt es gläubige und säkulare Menschen. Trotzdem wird er häufig religiös aufgeladen und erscheint dadurch als «Juden gegen Muslime». Wie Jugendliche ihn einordnen, hängt auch von ihren Kenntnissen und den Medien ab, die sie konsumieren.

Wie bewerten Sie die Darstellung religiöser Gruppen – auch mit Blick auf zunehmenden Antisemitismus und antimuslimische Reaktionen?

Die Darstellung ist oft undifferenziert. Israel versteht sich nach offizieller Staatsdoktrin als zwar säkularer, aber zugleich jüdischer Staat. Für viele Westler ist die Doppelrolle von «jüdisch», als Religion und Ethnie, schwer zu fassen. Das führt zu vereinfachenden Zuschreibungen. Auf palästinensischer Seite hat die Hamas ein Deutungsmonopol, das in westlichen Medien oft unhinterfragt übernommen wird. Dabei gibt es auf beiden Seiten Menschen, die Religion ausdrücklich nicht in den Vordergrund stellen und sich für Menschlichkeit einsetzen, aber diese Stimmen kommen kaum zu Wort, weil sie weniger Schlagzeilen machen und weniger Empörungspotenzial bieten. Manche Menschen reagieren reflexhaft und machen «die Juden» pauschal für das Handeln Israels verantwortlich. Das ist natürlich falsch, aber es passiert. Genauso wie umgekehrt Muslime kollektiv für Hamas oder Terroranschläge verantwortlich gemacht werden. Antisemitismus gab es schon immer als «Grundrauschen» in der Gesellschaft. Jetzt vermischt er sich mit aktuellen Ereignissen und tritt sichtbarer hervor. Das Gleiche gilt für antimuslimische Aktionen.

Viele Jugendliche berichten, dass sie im Alltag, zum Beispiel während der Ausbildung oder in der Schule, häufiger auf ihre Religion angesprochen werden.

Das ist ein typisches Muster. Jugendliche werden von Gleichaltrigen, Lehrpersonen oder Arbeitskolleginnen plötzlich zu Expertinnen und Experten ihrer Religion gemacht, obwohl sie selbst noch kaum ein klares Bild davon haben. Manche versuchen, sich durchzuwinden, andere fangen an, sich intensiver mit ihrer Religion zu beschäftigen. Schulen haben eine grosse Verantwortung, weil dort Weltbilder entstehen. Ihre Rolle ist aber auch sehr delikat. Leider reproduzieren sie oft Stereotype, durch Lehrmittel, durch Kommentare, durch unausgesprochene Haltungen. Diese Erfahrungen prägen dann auch das Bild, das sie von der Schule als ganzer Institution haben.

Jugendliche berichten, dass sie in Klassen mit jüdischen oder muslimischen Mitschülerinnen und Mitschülern den Dialog meiden, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Was denken Sie dazu?

Der Nahostkonflikt ist ein sehr emotionales Thema. Viele Menschen fühlen sich dabei verunsichert, schon wenn es um die eigene Meinung geht. Man merkt schnell, wie wenig man wirklich über den Konflikt weiss. In Gesprächen tauchen plötzlich Fakten oder angebliche Fakten auf, von denen man noch nie gehört hat. Diese werden dann als «Totschlagargument» präsentiert, als wäre jede andere Sichtweise damit widerlegt. Solche Diskussionen sind anspruchsvoll, und das betrifft nicht nur Jugendliche. Auch Erwachsene scheuen sich davor, weil sie befürchten, missverstanden zu werden. Gerade in der aktuellen Stimmungslage scheint es kaum möglich, eine differenzierte Meinung zu äussern, ohne dass jemand sie falsch interpretiert. Jugendliche spüren diese Überforderung besonders, wenn ihnen die nötige Orientierung fehlt. Deshalb braucht es eine klare und respektvolle Gesprächsführung, die aufzeigt, wo Gemeinsamkeiten liegen, wo Meinungen auseinandergehen und wie man mit diesen Unterschieden umgehen kann. Doch eine solche Begleitung fehlt häufig.

Und inwiefern kann Religion eine Ressource sein, um solche Konflikte innerlich zu verarbeiten?

Religion kann eine wichtige Ressource sein, wenn man sich bewusst macht, dass viele religiöse Traditionen Menschlichkeit, Liebe, Fürsorge und Solidarität vermitteln – nicht nur gegenüber Menschen desselben Glaubens. Dafür braucht es glaubwürdige Personen aus dem nahen Umfeld: jemanden aus der Familie, eine vertrauenswürdige Person in der Moschee oder ein älteres Mitglied der Gemeinschaft. Sie sollten religiöse Aussagen einordnen und populistische oder aus dem Zusammenhang gerissene Argumente entkräften können.

Was hilft jungen Menschen, gerade in Krisenzeiten wie beim Nahostkonflikt, eine selbstbewusste und reflektierte religiöse Identität zu entwickeln?

Eine stabile und lebensnahe religiöse Identität entsteht durch mehrere Faktoren: Es braucht echtes Interesse an religiösen Fragen, ein unterstützendes Umfeld und Raum für eine differenzierte Auseinandersetzung. Ein stark konfrontatives Umfeld setzt Jugendliche unter Druck, während Verharmlosungen ebenfalls wenig helfen.

Gibt es noch weitere Faktoren?

Zur Selbstklärung gehört auch die eigene religiöse Praxis: Wie regelmässig bete ich? Lese ich religiöse Texte? Welche Bedeutung haben religiöse Regeln und Rituale in meinem Alltag? Jugendliche müssen selbst herausfinden, welche Rolle diese Aspekte neben Schule, Arbeit und anderen Verpflichtungen spielen sollen. Dafür brauchen sie die Freiheit, sich ohne Druck auszuprobieren und ihren eigenen Weg zu finden. Auch die Gesellschaft sollte die religiöse Vielfalt ebenso akzeptieren wie Menschen, die mit Religion nichts anfangen können. In der Schweiz sind die Voraussetzungen dafür insgesamt gut.

Ist die Situation für jüdische und muslimische Jugendliche besonders herausfordernd?

Ja, da die medialen Debatten über ihre Religionen oft emotionalisiert und politisiert sind. Umso wichtiger ist es, den eigenen Glauben von globalen Konflikten zu trennen. Die Haltung sollte am Ende sein: «Ich bin ich, das ist meine Religiosität. Der Konflikt betrifft mich, aber er darf mich nicht daran hindern, als Mensch unter Menschen meinen Beitrag zu leisten.»

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