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Opfer von Tiktok-Grüsel erzähltt:«Ich wäre vermutlich mit ihm rausgegangen»

Mädchen auf Tiktok sexuell belästigt
Jimmy X. (24) verurteilt – Therapie statt Knast

Kinder lieben Tiktok, Pädophile ebenso: Über die App kommen sexuell motivierte Kriminelle rasch an Minderjährige heran. Auch Sienna M. aus dem Kanton St. Gallen ist als Elfjährige Opfer eines mutmasslichen Tiktok-Sextäters geworden. Am Montag steht er vor Gericht.
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Sienna M.* (heute 15) wurde im Alter von elf Jahren von einem mutmasslichen Pädophilen auf Tiktok kontaktiert. Am Montag steht er deswegen vor Gericht.
Foto: Thomas Meier
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Qendresa LlugiqiReporterin News

Kinderfänger haben auf Tiktok leichtes Spiel. Zwar ist die Plattform mit elterlichem Einverständnis ab 13 Jahren erlaubt. Doch die Realität sieht anders aus: Die App spricht die ganz junge Zielgruppe an. So sind hier nicht nur jüngere Teenager, sondern auch Kinder aktiv. Tiktok versucht zwar, Inhalte und Profile von Minderjährigen zeitnah zu löschen – vergeblich. Dadurch wird die Plattform zum idealen Jagdgebiet für Pädophile.

Auch Sienna M.* (heute 15) aus dem Kanton St. Gallen ist Ende 2019 als Elfjährige in die Falle eines mutmasslichen Tiktok-Pädos getappt. Blick hat mit dem Einverständnis ihrer Mutter mit ihr gesprochen. Sie sagt: «Er gab sich als Melanie aus und wollte uns ein Kleid zeigen. Stattdessen präsentierte er uns seine Genitalien.»

Melanie sucht Freundinnen

Am 30. Dezember übernachtete eine damals dreizehnjährige Freundin bei der elfjährigen Sienna M. Zusammen verbrachten die Mädchen Zeit auf Tiktok. Dann wurden sie von einem angeblich gleichaltrigen Mädchen namens Melanie kontaktiert. Sie wollte mit den beiden befreundet sein, weil sie so «cool und hübsch» seien. «Sie wollte unsere IBF sein – also Internet-Best-Friend (Bester Freund im Internet). Damals ein verbreiteter Tiktok-Trend.»

Die Mädchen und Melanie tauschten ihre Nummern und der Kontakt wurde auf Whatsapp und andere Kanäle verlegt. «Sie wollte dann unsere Meinung zu einem Kleid hören und rief uns mit einem Videotelefon an. Wir sahen zuerst kein Gesicht, nur das schwarz-weisse Kleid», erinnert sich Sienna M.

Tanz vor der Kamera

Dann stellte die Person die Kamera auf, stand auf und trat etwas zurück und begann zu tanzen. «Es war so seltsam. Erst da realisierten wir, dass Melanie kein Mädchen ist», sagt Sienna M. «Doch es war zu spät: Er hob plötzlich das Kleid hoch und zeigte uns seinen Penis.»

Vor Schreck legten die Mädchen auf und informierten M.s Mutter: «Sie konnte es zuerst nicht glauben und rief selbst zurück.» Wieder war der Beschuldigte dran.

Anzeige erstattet

Sienna M. und ihre Mutter meldeten den Vorfall der Polizei. Die Mutter von Sienna sagt gegenüber Blick: «Ich habe dann erfahren, dass er als Melanie die Mädchen sogar am Bahnhof unseres Wohnortes treffen wollte. Ich war einfach nur froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist.»

Lange ging die Familie davon aus, dass es sich hierbei um einen Einzelfall handelt. Bis ein Schreiben der Staatsanwaltschaft ins Haus flatterte, das sie über den Stand des Verfahrens informierte. «Als ich all die Namen und jeweils das Alter gesehen habe, hatte ich Gänsehaut», sagt Sienna M. Ähnlich erging es ihrer Mutter: «Mir ist übel geworden.»

Mehrere Betroffene

Am Montag steht der beschuldigte Jimmy X.* (heute 24) aus dem Kanton Baselland vor Gericht. Über fünf Jahre hinweg soll er sich an über zehn Mädchen herangemacht und sie belästigt haben – so die Anklageschrift. Sein Jagdgebiet: Tiktok.

Gemäss Staatsanwaltschaft soll er vor den Minderjährigen während Video-Calls masturbiert haben, ihnen Bilder seiner Genitalien oder Pornos – unter anderem mit gewalttätigem Inhalt – geschickt haben. Auch habe er von einer Zehnjährigen gefordert, sich aufreizend zu kleiden. Sie sollte sich dabei filmen und ihm das Video per Whatsapp schicken.

Unter Druck gesetzt

In mindestens zwei Fällen soll er sich gar als Kollege der imaginären Melanie ausgegeben haben. Laut Anklageschrift forderte er von einer 16-Jährigen, gewalttätige und für ihn sexuell motivierte Handlungen auszuführen. Sollte sie dem nicht nachkommen, würde er seine vermeintliche Freundin Melanie umbringen. Als sie seinem Wunsch nicht nachkam, behauptete er, Melanie getötet zu haben. Das würde er auch mit ihr tun, falls sie sich weiterhin weigern sollte, seinem Wunsch nachzukommen. Die Teenagerin hatte daraufhin solche Angst, dass sie sich nur noch in Begleitung ihrer Geschwister aus dem Haus traute. Auch die fünfzehnjährige Freundin der Betroffenen soll er mit einer ähnlich perfiden Taktik unter Druck gesetzt haben.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft lauten: Mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern, Widerhandlung gegen das Verbot der harten Pornografie und des mehrfachen Überlassens von Pornografie an unter 16-Jährige sowie die Anstiftung zur Herstellung von harter Pornografie, mehrfache teilweise versuchte Nötigung, Beschimpfung und mehrfache sexueller Belästigung. Welche Strafe ihn erwarten könnte, ist noch offen – sämtliche Anträge werden anlässlich der Hauptverhandlung gestellt.

Stärkere Kontrolle

Blick hat den Anwalt des Tatverdächtigen mit den Vorwürfen konfrontiert. Doch er nimmt vor der Verhandlung keine Stellung. Für seinen Mandanten gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Blick berichtet am Montag von der Verhandlung.

In Bezug auf den Vorfall mit Sienna M. empfiehlt ihre Mutter anderen Eltern, besser auf die Internet-Aktivitäten ihrer Kinder zu achten: «Ich bereue es, dass ich meine Tochter nicht stärker kontrolliert habe, um sie vor so einem Menschen zu beschützen.» Zwar habe der Vorfall bei ihr keine Spuren hinterlassen, doch auch Sienna M. wünschte sich, dass ihre «Mutter mehr geschaut hätte».

* Namen geändert

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