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Liedermacher und Zeichner:Manuel Stahlberger gibt Einblick in sein kreatives Schaffen

Musiker Manuel Stahlberger im Interview
«Ich ging wahnsinnig ungern in die Schule»

Manuel Stahlberger (49) ist ein Wegbereiter der Ostschweizer Popmusik und war Kabarettist in der «Deville»-Show. Nun hat ihn die Stadt St. Gallen ausgezeichnet. Im Interview spricht er über seine Arbeit, die Ostschweiz und was das Vaterwerden mit ihm gemacht hat.
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Der Musiker und Kabarettist Manuel Stahlberger hat den Anerkennungspreis der Stadt St. Gallen erhalten. Er sagt: «Ich freue mich darüber.»
Foto: Thomas Meier
Rebecca Wyss, Ringier
Rebecca WyssRedaktorin SonntagsBlick

Schweizweit haben Sie schon einige Preise erhalten, in St. Gallen haben sich die Behörden Zeit gelassen. Milo Rau hat die Stadt 2018 sogar einen Kulturpreis verweigert. Hat St. Gallen ein Problem mit seinen Künstlern?
Manuel Stahlberger: Ich habe keine Ablehnung erfahren. Meine ‹Herr Mäder›-Comics haben die Leute hier sehr wahrgenommen. Und im Vergleich zu Milo bin ich ein gmögiger Künstler.

Die Comic-Serie gilt bis heute als kultig, auch weil sie kritisch war. In einer dieser Geschichten haben Sie die ganze Stadt in Kartons versorgt. Das ist brutal.
Dazumal gabs den Slogan: St. Gallen soll die sicherste und sauberste Stadt im Bodenseeraum sein. Wenn du hier wohnst, fragst du dich: Wie soll es noch sicherer und noch sauberer werden? Ich hätte mir mehr Wildheit, mehr Experimentierfreude, mehr offene Plätze gewünscht. Stattdessen kommen sie mit Überwachungskameras. Ich habe mich in meinen Comics an der Verbocktheit von St. Gallen abgearbeitet. Doch irgendwann war das Thema als Comic-Inhalt durch für mich.

Der Poet des Alltäglichen

Manuel Stahlberger wurde 1974 in St. Gallen geboren. Stahlberger hat viele Talente, wirkt als Kabarettist, Musiker und Comic-Zeichner. Bis 2005 zeichnete er für das Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten» den Comic «Herr Mäder». 2016 war er der Sidekick in der «Deville»-Show von SRF. Seit Jahren ist er der Kopf der Mundart-Popband Stahlberger, schreibt poetische Songtexte über Menschen, Alltag und die Schweiz. Nach dem Prix Walo, dem Salzburger Stier und dem Schweizer Preis für Darstellende Künste hat er vor kurzem den Anerkennungspreis der Stadt St. Gallen erhalten. Stahlberger wohnt mit seiner Familie in St. Gallen.

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Thomas Meier

Manuel Stahlberger wurde 1974 in St. Gallen geboren. Stahlberger hat viele Talente, wirkt als Kabarettist, Musiker und Comic-Zeichner. Bis 2005 zeichnete er für das Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten» den Comic «Herr Mäder». 2016 war er der Sidekick in der «Deville»-Show von SRF. Seit Jahren ist er der Kopf der Mundart-Popband Stahlberger, schreibt poetische Songtexte über Menschen, Alltag und die Schweiz. Nach dem Prix Walo, dem Salzburger Stier und dem Schweizer Preis für Darstellende Künste hat er vor kurzem den Anerkennungspreis der Stadt St. Gallen erhalten. Stahlberger wohnt mit seiner Familie in St. Gallen.

Gibt es so etwas wie «die Ostschweiz»?
Es gab mal eine Zeitung, die so hiess …

Treffen Thurgauer, Appenzeller, St. Galler aufeinander, heisst es schnell einmal: «Wir Ostschweizer.» Woher kommt dieser Lokalpatriotismus?
Als ich jung war, hat man sich im Osten wahnsinnig abgehängt gefühlt. Von Bern ignoriert. Die Bahnverbindungen seien nicht gut, hiess es zum Beispiel. Man hat sich selbst als Provinz wahrgenommen, sich aber auch oft täubelig-provinziell verhalten.

Inwiefern?
In der Kulturszene jammerten die Leute darüber, dass internationale Bands nie in die Ostschweiz kommen. Ausser ans St. Galler Open Air. Hier finde gar nichts statt. Den Dialekt fand man selbst blöd. Dieser Minderwertigkeitskomplex ist weniger geworden.

Heute hat St. Gallen eine Bundesrätin, doch das «Wir Ostschweizer» ist nicht verschwunden.
Wenn man studieren will, aber nicht Wirtschaft, muss man irgendwann weg aus St. Gallen. Dann findet man sich in anderen Städten als Ostschweizer-Diaspora. Diese fällt dort auf.

Manuel Stahlberger in seinem Arbeitsraum in St. Gallen.
Foto: Thomas Meier

Warum sind Sie geblieben?
Als ich vor dreissig Jahren mit Liedermachen und Comics anfing, konnte ich hier als junger Künstler mit sehr wenig Geld leben. Und ich war in St. Gallen allein mit dem, was ich tat, das brauchte ich. Hier kümmerte es niemanden, wenn mal etwas von mir in die Hosen ging. In Zürich bist du sofort in einer grösseren Szene. Stehst unter grösserer Beobachtung. In St. Gallen ist die Szene dermassen überschaubar, manchmal hatte ich das Gefühl, ich bin sie allein.

Vor Ihnen kannte man nur berndeutsche Songs von Polo Hofer, Züri West und Mani Matter. Sie haben den Ostschweizer Dialekt salonfähig gemacht. War das ein schwieriger Weg?
Es war ein Vorteil. Der Dialekt ist unverbraucht. Satzstellungen, Reime und der Klang sind ganz anders als beim Berndeutschen. Das gab mir eine Freiheit. Ich konnte mich ausprobieren und musste keine Erwartungen erfüllen, weil die Leute den Dialekt in der Musik fast nicht kannten.

Sie streuen nie ein englisches oder hochdeutsches Wort ein. Warum sind Sie immer bei Ihrer Mundart geblieben?
Ich bin ein Geschichtenerzähler, weniger ein Performer. Ich schreibe so einfach und klar, wie es geht. Mit so wenigen Wörtern wie möglich. Dafür muss ich eine Sprache gut kennen. In meinem Dialekt weiss ich genau, welche Wörter es braucht, wenn ich etwas Bestimmtes sagen will. Im Englischen würde ich schwimmen.

In Ihren Texten geht es oft ums Bünzlitum. Im Song «Di heilig Famili» gibt es eine Tochter, die über dreissig ist und immer noch keine Kinder und keinen Freund hat. Die Mutter findet: «Wenn me nöd Grosseltere wird, hend sich di eigete Chind gar nöd glohnt.» Haben Sie etwas gegen den Schweizer Mittelstand?
Nein. Diese quasi aufgeräumte Welt ist einfach eine gute Kulisse für meine Geschichten. Man kann diese Oberfläche gut ritzen. Ich möchte weder bestimmte Leute noch einen Lebensstil verurteilen. In der Vergangenheit habe ich manchmal spätpubertäre altkluge Sachen geschrieben. Jetzt interessiert mich das Warum, das Dahinter. Die Welt macht mich oft ratlos. Wenn ich Lieder schreibe, kläre ich mein Gedankendurcheinander.

Stahlberger ist ein Poet des Alltäglichen.
Foto: Thomas Meier

Was steckt hinter diesem Wandel?
Altersmilde. Und das Vaterwerden. Mit den Kindern kam eine Gelassenheit. Meine Töchter sind ein grosser Teil meines Lebens, das relativiert vieles.

Hat die Elternschaft Ihre Songtexte beeinflusst?
Nein. Ich bin froh, ist meine Arbeit nicht die gleiche Welt wie die, die ich mit den Kindern teile.

Was für ein Vater sind Sie?
Meine Partnerin und ich teilen Kinder und Haushalt auf. Wenn ich auf Tournee bin, schaut sie mehr. Und andersherum, wenn sie arbeitet. Das tut mir gut. Vor meinen Kindern war ich sehr, sehr langsam. Jetzt muss in einen Tag passen, wofür ich vorher eine halbe Woche Zeit hatte.

Wie wäre es für Sie, wenn Ihre Töchter, acht- und elfjährig, einen ähnlichen Weg wie Sie einschlagen würden?
Es ist ja auch ein heikler Weg, es braucht auch Glück und Sturheit und Durchhaltewillen. Falls sie das tatsächlich wollten, würde ich sie natürlich unterstützen. Wer weiss ... Vielleicht würden sie aber keine Ratschläge von mir wollen. Ich wollte es mit der Kunst allein schaffen.

Warum war Ihnen das so wichtig?
Ich ging wahnsinnig ungern in die Schule. Ich musste ständig Sachen machen, die man mir vorschrieb, und habe allen Erwachsenen misstraut. Darin war ich ein sturer Siech. Wenn eine Lehrperson etwas von mir wollte, lehnte ich das immer ab. Ich habe damals schon viel gezeichnet. Das Zeichnen war meine Parallelwelt. Dort konnte mir niemand dreinreden. So habe ich mir auch meine Berufe erschaffen: als Schutzzone. Mit eigenen Regeln.

Sie waren früher der Sidekick bei der «Deville»-Show. SRF suchte jüngst einen Nachfolger, war der Job ein Thema für Sie?
Nein, ich habe genug eigene Pläne, und mehr Rampenlicht als bei den Konzerten brauche ich nicht. Ich mochte es, der Seitenmann zu sein. Es war aber gut, möglichst bald damit aufzuhören. Ich war damals viel auf Tour, kam nachts von einer Show heim, arbeitete noch ein, zwei Stunden für die «Deville»-Show und musste dann wieder früh auf und die Kinder in die Kita bringen. Diese Energie hätte ich heute nicht mehr.

Was sagen Sie dazu, dass SRF bei dem Job nur auf Männer setzt?
Ich finde es seltsam und verstehe es nicht. Die Diskussion muss man unbedingt führen. Wir sprechen auch in der Band darüber. Wir versuchen, mit Frauen zusammenzuarbeiten.

Wie?
Bei einem Projekt diesen Dezember laden wir die verschiedensten Leute zu gemeinsamen Konzertabenden ein. Die meisten davon sind Flinta-Personen (Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen), weil wir ihre Musik super finden, aber auch, weil wir fünf schon genug Typen auf der Bühne sind.

Hier trat er auch schon auf: im Kulturlokal Palace in St. Gallen.
Foto: Thomas Meier

Engelburg SG in der Alten Turnhalle, Waldenburg BL im Pfarrhauskeller – Sie und die Band stehen oft in Randgebieten auf der Bühne. Scheuen Sie die grosse Bühne?
Ich mag keine Mitmachsachen, kein Zigezagehoihoi von der Bühne herunter, und alle johlen. Unsere Lieder sollen über die Musik zu den Leuten kommen, nicht über mich als Anheizer.

Haben Sie je über den Sprung ins Ausland nachgedacht?
Wir waren kürzlich am Sur Le Lac, einem Open Air in Eggersriet SG. Die zwei Bands aus England, die auch dort waren, fanden: Hey, in London würden euch die Leute unbedingt live sehen wollen. Die beiden haben nicht ein Wort verstanden. Es war gut zu merken: Es wäre möglich.

Und, gibt es Pläne dazu?
Wir reden in der Band darüber. Aber ich werde nächstes Jahr fünfzig. Eigentlich ist es zu spät für den grossen Gump. Andererseits: Es war schon einiges unlogisch in meinen Leben.

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