Darum gehts
- Simon I. verliert Führerausweis wegen zu hohem THC-Wert nach Cannabis-Therapie
- Canna Viva betont, dass keine pauschale Fahr-Erlaubnis bei Therapie gilt
- Verkehrspsychologisches Gutachten kostet 1200 Franken, Simon verzichtet jetzt auf Cannabis
Simon I. (34) aus Olten SO leidet seit Jahren an starkem ADHS. Klassische Medikamente halfen ihm zwar teilweise – doch die Nebenwirkungen machten ihm schwer zu schaffen. «Ich hatte Appetitlosigkeit und fühlte mich oft leer», erzählt er. Deshalb begann er, nach Alternativen zu suchen.
Schliesslich stiess er auf eine Therapie mit medizinischem Cannabis beim Anbieter Canna Viva. In Unterlagen zur Behandlung steht: «Patientinnen und Patienten dürfen grundsätzlich am Strassenverkehr teilnehmen – sofern ihre Fahrfähigkeit nicht eingeschränkt ist.»
Simon I. inhaliert bei der Therapie Cannabis mit einem hohen THC-Gehalt von 38 Prozent. Dieses konsumiert er in seinem Vaporizer, der die Blüten verdampft. So entstehen weniger Schadstoffe, als wenn man Cannabis in einem Joint raucht.
Zwei Gramm Cannabis pro Tag
Da Simon I. für seinen Beruf auf das Auto angewiesen ist, erschien ihm die Therapie passend. «Wäre dort gestanden, dass ich mit THC im Blut auf keinen Fall fahren darf, hätte ich die Therapie nie begonnen», sagt er.
Er erhält sein Rezept von Canna Viva. Darin steht, er darf zwei Gramm Cannabis pro Tag konsumieren. «Die Ärzte sagten mir, ich müsse immer die nötigen Dokumente bei mir haben, falls ich in eine Verkehrskontrolle gerate.»
Zudem steht in der Erklärung zur Therapie, dass er nach dem Konsum mindestens eine Stunde warten müsse, bevor er sich ans Steuer setze. Dabei trage er selbst die Verantwortung für seine Fahrtüchtigkeit.
Vergleich zur 0,5-Promille-Grenze
Nach einigen Monaten wurde Simon I. dennoch unsicher. «Ich fragte mich irgendwann, ob das im Fall einer Polizeikontrolle wirklich problemlos ist.» Bei einem Telefongespräch mit einem Mitarbeiter von Canna Viva habe er erneut nachgehakt.
«Er sagte mir, es sei vergleichbar mit der 0,5-Promille-Grenze bei Alkohol», erzählt Simon I. «Solange ich mich an die verschriebene Menge halte und mich fahrtüchtig fühle, dürfe ich Auto fahren.» Somit habe er sich in Sicherheit gefühlt. «Ich verstand das so, dass es für Patienten keine feste THC-Obergrenze gibt.»
Polizeikontrolle, Ausweis weg
Im Februar geriet I. in eine Polizeikontrolle – rund sechs bis sieben Stunden nach dem Konsum. «Der Polizist meinte, es rieche nach Gras. Ich zeigte ihm sofort mein Rezept.» Trotzdem musste er eine Blutprobe abgeben.
Wenige Tage später folgte der Schock: Der Führerausweis wurde ihm entzogen. Laut Behörden lag sein THC-Wert beim Sechsfachen des erlaubten Grenzwerts von 1,5 Mikrogramm pro Liter.
«Ich hatte einen Nervenzusammenbruch», sagt I. «Ich dachte sofort, dass ich meinen Job verlieren könnte.» Dass sein Wert trotz mehrstündiger Wartezeit noch so hoch war, kann er bis heute nicht nachvollziehen.
«Fühle mich falsch informiert»
Für I. ist klar: «Canna Viva hat mich falsch informiert.» Er sagt: «Wegen der Aussagen der Mitarbeiter dachte ich, ich dürfe bekifft Auto fahren.» Er möchte andere Menschen, die ebenfalls eine Cannabis-Therapie machen, deshalb warnen.
Canna Viva weist die Vorwürfe zurück. Gegenüber Blick erklärt das Unternehmen, man erteile Cannabis-Patienten keine pauschale Erlaubnis zum Auto fahren.
Eine ärztliche Verschreibung könne für die rechtliche Einordnung relevant sein, da bei medizinisch verschriebenem Cannabis die Fahrfähigkeit nicht allein anhand eines fixen THC-Werts beurteilt wird, schreibt Canna Viva.
Das Unternehmen erklärt: «Bei medizinischem Cannabis wird die Fahrfähigkeit nicht allein anhand eines fixen THC-Werts beurteilt, sondern nach dem sogenannten 3-Säulen-Prinzip: Blutwert, Beobachtungen der Polizei und ärztliche Befunde im Rahmen der Blutentnahme.»
«Fasse das nicht mehr an»
Damit I. seinen Führerausweis wiedererlangen kann, muss er ein verkehrspsychologisches Gutachten erstellen lassen. Das kostet ihn 1200 Franken. Er zeigt sich vorsichtig optimistisch. «Ich konsumiere kein Cannabis mehr und halte mich an alle Vorgaben.»
Seinen Job hat er nicht verloren, dennoch musste er sich bei der Arbeit anpassen. «Ich konnte bei Kollegen mitfahren, das ist aber keine Lösung auf lange Sicht.»
Seit der Kontrolle im Februar ist I. wieder auf klassische ADHS-Medikamente umgestiegen. Vom Gras hat er genug: «Das fasse ich nicht mehr an.»