Darum gehts
- Italienerin (†22) bei Rave in Aarau erschossen, zwei Italiener verletzt
- Vergleich mit Brand in Crans-Montana: Italien kritisiert erneut Schweiz
- Ruf der Schweiz leidet dieses Jahr im südlichen Nachbarsland
Sechs italienische Jugendliche starben im Januar beim Brand in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana VS, 14 Italiener wurden verletzt. Beim Rave-Drama am Sonntag in Aarau AG gab es erneut italienische Opfer: Maria S.* (†22) kam ums Leben, zwei italienisch-schweizerische Männer (27, 31) erlitten Verletzungen.
Für die italienische Öffentlichkeit liegt damit ein Vergleich nahe: Crans-Montana und Aarau. Die beiden Fälle haben inhaltlich nichts miteinander zu tun. Doch sie haben einen gemeinsamen Bezugspunkt: Wieder ist eine junge Italienerin in der Schweiz ums Leben gekommen und wurden Italiener verletzt. Und wieder steht der Umgang der Schweizer Behörden mit einer Tragödie im Fokus italienischer Medien.
«Wieder muss Bern erklären»
Italien schaut deshalb genau hin. Führende Medien wie «Corriere della Sera», «La Repubblica», Staatssender Rai und die Nachrichtenagentur Ansa berichten ausführlich über die Schüsse von Aarau.
Inside Paradeplatz brachte die Verbindung zu Crans-Montana schnell auf den Punkt: «Italien schaut schon wieder entsetzt in die Schweiz». Die beiden Tragödien würden in der italienischen Wahrnehmung miteinander verknüpft. «Und wieder», schreibt das Portal, «muss Bern erklären, was auf Schweizer Boden geschehen ist.»
Altlasten
Besonders deutlich zieht «Il Giornale» die Linie. In einem Bericht über die Reaktion der italienischen Regierung schreibt das Blatt, auf den Ermittlungen in Aarau lasteten die «scorie» – die Altlasten – aus dem Verhältnis zwischen Rom und Bern nach Crans-Montana.
Der Brand vom 1. Januar hatte die Beziehungen zwischen den beiden Ländern schwer belastet. In Italien wurde der Umgang der Schweizer Behörden mit der Katastrophe, den Ermittlungen und den Angehörigen wiederholt kritisiert. Der Streit reichte bis auf die diplomatische Ebene: Italien zog vorübergehend seinen Botschafter aus Bern ab. Im Verfahren gegen das Betreiberpaar des Lokals sowie weitere Gemeindeverantwortliche wurde Italien zudem die Zulassung als Zivilkläger verweigert.
«Falscher Mythos vom Musterland»
Noch direkter wird die Zeitung in einem separaten Kommentar mit dem Titel «Der falsche Mythos vom Musterland». Das traditionelle italienische Bild der Schweiz als besonders geordnetes und sicheres Land habe Schaden genommen.
Nach Crans-Montana und nun Aarau könne man das Misstrauen gegenüber der Schweiz nicht mehr einfach als italienischen Provinzialismus oder Neid abtun.
Tessiner Zeitung widerspricht
Der «Corriere del Ticino» warnte in einem Leitartikel davor, Aarau mit Crans-Montana gleichzusetzen. Die Fälle seien inhaltlich nicht gleichzusetzen.
Die Zeitung schreibt zwar: «Unsere Schweiz gibt in diesem Jahr kein positives Bild ab, was die öffentliche Sicherheit betrifft.» Das Blatt kritisiert aber die politische Instrumentalisierung des Falls in Italien und insbesondere, dass einige italienische Medien die Aarauer Schüsse sogar mit dem Bataclan-Anschlag 2015 in Paris mit 90 Toten verglichen hätten – eine «wahnwitzige Analogie».
Damit entsteht ein bemerkenswerter Gegensatz: Die Schweizer Kritik richtet sich gegen die Gleichsetzung – während die italienische Berichterstattung gerade diese Verbindung herstellt.
Rom schaut erneut genau hin
Italiens Aussenministerium schickte eine Taskforce nach Aarau. Sie soll die Ermittlungen begleiten und die betroffenen Familien unterstützen.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (49) erklärte, Italien verfolge die Entwicklung aufmerksam und erwarte eine rasche Aufklärung.
Sechs italienische Jugendliche in Crans-Montana. Jetzt eine junge Italienerin in Aarau. Zwei völlig verschiedene Tragödien. Doch für Italien steht die Schweiz wieder unter genauer Beobachtung.
* Name bekannt