Seit dem Sommer kämpfen Iwona und Paula L. – zwei der Opfer des mutmasslichen Sexualstraftäters Patrick F*. Erst gegen die Behörden, dann gegen die Meinung der Öffentlichkeit und jetzt um ein normales Leben und Gerechtigkeit.
In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» erzählen die beiden Frauen, wie sie ihren Alltag bestreiten und wie sie mit den grossen Ungewissheiten, die noch im Raum stehen, umgehen.
Weiteres Material entdeckt
Die 19-jährige Paula L. kämpft mit den Folgen schwerer Traumata durch das Erlebte. Zudem wisse sie nicht, ob noch mehr Videos ihrer Misshandlungen existieren. «Dass ich bis heute nicht weiss, ob er meine Filme auch verkauft hat. Ob sich nicht irgendwer gerade das Material anschaut», sagt sie im Gespräch mit der Redaktion.
Erst im September stellten Ermittler weiteres belastendes Material fest. Es handle sich um eine grosse Datenmenge, hiess es. «Jetzt sind wir wieder im Dunkeln, alles ist ungewiss», sagt Paulas Mutter Iwona L.
Schutzpflichten vernachlässigt
Die Solidarität der Menschen aus Untersiggenthal und darüber hinaus hat ihnen geholfen, kleine Lichtblicke im Alltag zu schaffen. Ein Praktikumsangebot als Kosmetikerin gibt Paula Hoffnung, während Iwona Deutschunterricht nimmt und hofft, bald eine Arbeit zu finden. Trotzdem bleibt die Wut auf die Behörden. Ein Bericht des Aargauer Departements für Gesundheit und Soziales bestätigt, dass der Fall nicht mit der nötigen Dringlichkeit behandelt wurde.
Und dennoch heisst es, dass alles «gesetzeskonform» abgelaufen sei. «Die Schweiz hätte eigentlich besondere Schutzpflichten gegenüber meiner Tochter gehabt, wie Experten bestätigen. Doch diese Konventionen spielten keine Rolle», kritisiert die Mutter.
Zu wenig Rücksicht auf Opfer
Auch das Argument des Obergerichts, wonach keine Anklage wegen Menschenhandels erhoben wurde, weil die Frauen «aus eigener Kraft» hätten fliehen können, lässt sie fassungslos zurück. «Paula war minderjährig zu diesem Zeitpunkt, und wir waren neu in der Schweiz. Wohin hätte sie gehen sollen?»
Die öffentliche Aufmerksamkeit hat zumindest einige Veränderungen angestossen. Es wurden politische Vorstösse eingereicht, um den Schutz von Gewaltopfern mit unsicherem Aufenthaltsstatus zu verbessern.
Von Ex-Partner betäubt und gefilmt
Die mittlerweile 19-jährige Paula und ihre Mutter Iwona L. machten im Sommer 2026 Schlagzeilen, nachdem der Tages-Anzeiger den Fall öffentlich gemacht hatte: Ein ehemaliger Aargauer Grossrat soll die beiden Frauen systematisch missbraucht, betäubt und gefilmt haben.
Die Ermittler beschlagnahmten damals über 40 Videos, die die Übergriffe dokumentieren sollen. Drei Monate ist es her, dass die Staatsanwaltschaft Aargau neues, mutmasslich belastendes Material fand. Für die Betroffenen bedeutet das eine erneute Welle der Unsicherheit.