Darum gehts
- In Aarau wurde eine junge Italienerin während einer Feier getötet
- Verdächtiger ist Schweizer aus dem Jura, soziale Netzwerke spekulieren dennoch
- Debatte zeigt: Tragödien werden oft politisiert, statt Trauer zu respektieren
Was soll man sagen, was soll man schreiben, wenn man fast nichts über einen Vorfall weiss? Vielleicht sollte man einfach erst einmal eine Weile schweigen. In Aarau wurde eine junge Frau getötet, während sie einfach nur feierte. Und auch wenn Aarau nichts mit Crans-Montana VS zu tun hat, trifft der Schock erneut eine Schweizer Jugend, die sich nichts anderes wünschte, als auszugehen, zu tanzen, zu leben. Man könnte also einfach nur weinen.
Doch schon sehr schnell taten die sozialen Netzwerke das, was sie mittlerweile fast immer tun: einen Schuldigen suchen, noch bevor die Fakten bekannt sind. Manche hatten die Erklärung bereits gefunden. Ausländer. Die Öffnung der Grenzen. Als müsse jedes Drama sofort eine bereits bestehende politische Überzeugung bestätigen.
Eine Tragödie als Argument
Dann kam eine weitere Meldung: Der Verdächtige ist Schweizer. Aber ein echter Schweizer? Ist er nicht vielleicht eingebürgert? Nun, nein: Er stammt aus dem Jura. Die scharfsinnigsten Kenner der Jura-Frage können nun also über den genauen Grad seines «Schweizerseins» debattieren. In den sozialen Netzwerken oder in den Kneipen.
Aber was ändert das im Grunde genommen? Nimmt das der Familie der ermordeten jungen Italienerin irgendetwas von ihrem Schmerz? Macht es das Verbrechen verständlicher? Sagt es plötzlich etwas Treffenderes über unser Land aus? Nein.
Es erinnert vor allem daran, wie schnell wir mittlerweile dazu neigen, eine Tragödie in ein Argument zu verwandeln. Den anderen zu benennen, noch bevor wir wissen, wer er ist. In jedem Drama den Beweis dafür zu suchen, dass wir recht hatten.
In einer Schweiz, die von Debatten über Einwanderung, Bevölkerungswachstum oder Neutralität geprägt ist, ist die Versuchung gross, jedes Ereignis in ein vorgefertigtes politisches Schema zu pressen. Doch manchmal bestätigt ein Drama gar nichts. Es zerstört einfach nur ein Leben, eine Familie und ein Stück Unbeschwertheit. Und vielleicht ist das schon so unerträglich genug.