Darum gehts
- Emilia Bühler (16) ist am Bahnhof Baden betrogen worden
- Eine Frau erschlich sich 40 Franken durch emotionale Manipulation
- Die Betrügerin verlangte 105 Franken für angebliche Hotelkosten
Emilia Bühler (16) ist am späten Dienstagabend auf dem Heimweg von ihrem Praktikum in der Gastronomie. Am Bahnhof in Baden spricht sie eine Frau – geschätzt etwa 30 Jahre alt – auf Englisch an. Die Unbekannte erzählt Bühler, sie sei aus der Westschweiz und habe bei ihrer Mutter in Baden übernachten wollen. Nur: Diese sei noch in Kanada, weil ihr Flug zurück in die Schweiz ausgefallen sei. Die Fremde gab an, dass sie nun weder Schlafplatz noch Geld habe.
«Sie wirkte auf mich nicht wie die typische Bettlerin. Sie war gepflegt, unauffällig angezogen und extrem freundlich – aber verzweifelt», sagt Bühler am Donnerstag zu Blick. Die Teenagerin lässt sich auf ein Gespräch ein. Schnell erklärt die Unbekannte, dass sie 105 Franken für ein Hotel brauche, weil sie sonst nirgendwo schlafen kann. Das Geld werde Bühler noch im Verlauf der Nacht zurückerhalten, verspricht die Frau und gibt Bühler ihre Telefonnummer.
Emotionaler Druck
Bühler zögert zunächst. «Ich hatte ein schlechtes Bauchgefühl. Aber sie hat mir immer wieder gesagt, wie schlimm ihre Situation gerade ist», erinnert sich die 16-Jährige. «Auch über mich hat sie geredet. Wie lieb ich doch sei, dass ich ihr überhaupt zuhöre. Sie hat mich mit Komplimenten und emotionalem Druck überwältigt.» Die Teenagerin hat noch 40 Franken Trinkgeld der vergangenen Tage in bar dabei und gibt der Fremden das Geld.
Später wird ihr Misstrauen jedoch grösser, sodass sie ihrem Vater, dem Kommunikationsexperten Ferris Bühler, über den Vorfall berichtet. Für ihn steht fest: Es muss sich um eine Betrugsmasche handeln. Also fährt er auch an den Bahnhof Baden. Zusammen sucht das Vater-Tochter-Duo die Frau, diese ist aber längst verschwunden. Auf Anrufe oder Nachrichten wird nicht reagiert.
Alte Methoden, junge Ziele
«Die Taktik ist nicht neu. Allerdings werden eher ältere Menschen oder Senioren bei Betrugsversuchen direkt angesprochen», sagt Bernhard Graser, Sprecher der Kantonspolizei Aargau, auf Blick-Anfrage. Jugendliche seien hingegen öfter das Ziel von dubiosen Whatsapp-Nachrichten oder Mails. Sein Tipp: «Man sollte immer misstrauisch sein und auf sein Bauchgefühl hören. Beim Verdacht, dass man gerade abgezockt wird, sollte man das Gespräch freundlich, aber bestimmt beenden und direkt die Polizei anrufen.»
Auch Emilia Bühler sagt, dass sie zwar typische Maschen – wie etwa den Enkeltrickbetrug – kennt, aber weder sie noch ihre Kolleginnen hätten jemals von solch direkten Abzockversuchen gehört.
«Sauer auf mich selbst»
Laut Emilia Bühler hat die Fremde genau gewusst, wie sie die Teenagerin überzeugen muss. Sie habe auf ihr Mitleid gesetzt und versucht, die Jugendliche zu überfordern. Bühler: «Ich war naiv. Im Nachhinein bin ich sauer auf mich selbst, dass ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört habe.»
Ihr Vater hingegen sieht den Vorfall als wichtige Lektion. «Du hast aus Mitgefühl gehandelt. Jetzt weisst du mehr, und ich bin stolz auf dich», schreibt er in einem Linkedin-Post, in dem er das Passierte schildert.
Die beiden haben die mutmassliche Abzocke am Mittwoch bei der Stadtpolizei Baden gemeldet. Immerhin sei nichts Schlimmeres passiert, finden Vater und Tochter. Trotzdem wurde das Mitgefühl von Bühler schamlos ausgenutzt, um ihr – einer Minderjährigen – das Geld aus der Tasche zu ziehen. Emilia Bühler sagt abschliessend: «Ich hoffe, dass andere in meinem Alter und ihre Eltern jetzt darauf aufmerksam werden. In Zukunft werde ich nicht weniger empathisch sein, aber vorsichtiger.»