Darum gehts
Die Grenzen zwischen von Menschen geschaffenen und künstlich generierten Inhalten verschwimmen: Für viele Nutzerinnen und Nutzer ist sie kaum noch erkennbar. Das zeigt eine neue Studie des Meinungsforschungsinstituts Sotomo im Auftrag der AXA.
Der «Cybersorgenmonitor 2026» zeichnet ein ernüchterndes Bild: Die Schweizer Bevölkerung fühlt sich der Flut KI-generierter Artikel, Fotos und Tonaufnahmen zunehmend hilflos ausgeliefert. Zwei Drittel der Befragten haben Mühe, von Sprachprogrammen formulierte Texte zu erkennen. Der Hälfte fällt es schwer, künstlich produzierte Bilder und Audioaufnahmen von echten zu unterscheiden.
Im Februar wurden 1490 Personen befragt. Die Eindeutigkeit der Antworten ist bemerkenswert: 94 Prozent fordern eine Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte auf digitalen Plattformen – ein deutlicher Fingerzeig für die Politik. Die Europäische Union ist hier einen Schritt weiter: Sie verpflichtet Plattformbetreiber ab August, KI-generierte Inhalte als solche auszuweisen. Auch hierzulande stösst eine solche Regulierung auf breite Zustimmung.
Bundesrat verzögert neues Gesetz
Doch während andere Nationen weitergehen und teilweise sogar soziale Medien für Jugendliche sperren, tut sich die Schweizer Politik schwer. Jahrelang schob der Bundesrat das neue Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen vor sich her. Die Folge: Kritiker kritisierten die Landesregierung dafür, vor Trump, Musk, Zuckerberg und Co. zu kuschen.
In den Augen der Bevölkerung führt an einer stärkeren Regulierung offenbar kein Weg vorbei – zumindest beim rasanten Siegeszug KI-generierter Inhalte. Die Sotomo-Studie zeigt: Befragte plädieren dafür, Tech-Giganten, Entwickler von KI-Modellen und Politik stärker in die Pflicht zu nehmen. Lediglich etwas mehr als ein Drittel setzt weiter auf Eigenverantwortung. «Von der Vorstellung des eigenverantwortlichen Umgangs mit digitalen Plattformen ist man abgerückt», meint Sotomo-Chef Michael Hermann (54).
Eigene Bildschirmzeit wird kritisch gesehen
Bei ihrer privaten Nutzung des Internets hingegen sehen sich die Studienteilnehmer selbst in der Verantwortung. Mehr als die Hälfte will ihre Zeit vor dem Bildschirm reduzieren – von den 18- bis 25-Jährigen sind es sogar zwei Drittel. Viele versuchen, einzelne Apps zu meiden, Push-Nachrichten zu deaktivieren oder Zeitlimits bei Instagram und Co. einzuhalten. Mehr als ein Drittel scheitert allerdings mit diesen Vorhaben, von den Jungen sogar die Hälfte.
Moritz Büchi (38), Professor für Digitale Medien an der ZHAW, überrascht das nicht. Individuelle Massnahmen wie App-Verzicht oder ein Zeitlimit seien von der Person abhängig, weitgehend technisch – und sie griffen zu kurz. Zielführender sei es, bei den Gründen für die hohe Bildschirmzeit anzusetzen. «Digitale Plattformen erfüllen heute zentrale soziale und politische Funktionen», sagt Büchi. Die entscheidende Frage sei deshalb, welche Aufgaben soziale Medien überhaupt erfüllen sollen. Dafür, sagt der Medienexperte, brauche es wohl staatliche Regulationen.
Überrascht ist Büchi hingegen, dass gemäss dem Cybersorgenmonitor mehr als zwei Drittel der Bevölkerung personalisierte Inhalte auf digitalen Plattformen ablehnen. «Personalisierung ist oft funktional, Film-, Musik- oder Kontaktvorschläge werden in der Regel geschätzt.» Büchi vermutet einen Kipppunkt bei den Scroll-Algorithmen sozialer Medien.
Dafür spricht, dass Social Media bei den Studienteilnehmenden oft negative Gefühle auslöst. Die Hälfte fühlt sich nach dem Konsum gleich häufig schlecht wie gut. Ein Drittel fühlt sich häufiger gut, ein Fünftel häufiger schlecht. Anders beim Hören von Musik oder Podcasts: Hier geben vier von fünf an, sich häufiger gut zu fühlen.
Griff zum Smartphone aus Gewohnheit
Eine grosse Mehrheit greift laut der Studie gedankenlos zum Smartphone. An der Bushaltestelle, in der Raucherpause, beim Gang zur Toilette. Bei den 18- bis 35-Jährigen sind es sogar rund 85 Prozent. «Dieser Wert ist hoch, das sollten wir aus gesellschaftlicher Sicht im Auge behalten», sagt Büchi.
Das Fazit des Cybersorgenmonitors ist unbequem: Die Schweizerinnen und Schweizer wissen, dass sie zu viel Zeit auf dem Smartphone verbringen – und schaffen es nicht, daran etwas zu ändern. Gleichzeitig fühlen sie sich KI-generierten Inhalten ausgeliefert und fordern politisches Handeln.