Importzölle und Kaufverhalten
Die Forderungen der Ernährungs-Initiative scheitern auf dem Teller

In der Tiefenmühle im Thurgau werden Hanfsamen, Kürbiskerne oder Linsen aufbereitet. So wie es die Ernährungs-Initiative verlangt. Laut den Landwirten scheitert der Ausbau der Pflanzenbetriebe jedoch auch am Konsumenten.
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Marc Nyffenegger hat in seiner alten Scheune eine Schäl- und Reinigungsmühle gebaut.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Die meisten Spezialkulturen gehen gut mit ökologischem Stress um, wie etwa beim Hitzesommer
  • In der Schweiz werden viel weniger pflanzliche Produkte hergestellt als notwendig
  • Ernährungs-Initiative fordert Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 %

Nach dem Hagel der vorletzten Woche müssen Marc (38) und Marlene (35) Nyffenegger mit der Ernte ihres Hanffelds warten. Einige der schulterhohen Stängel liegen geknickt auf dem Feld. «Der Hagel hat die reifen Samen aus der Hülse geschlagen», sagt die Landwirtin. Sie hält eine Hanf-Knospe, in der keine essbaren Samen mehr stecken – die Unreifen müssen erst noch nachreifen. Dank des heissen Sommers rechnen sie trotzdem mit guten Erträgen.

In der alten Scheune des Hofs reinigt Marc Nyffenegger derweil eine andere Ladung Hanfsamen. Die Maschinerie innen ist hochmodern. Der ausgebildete Müller hat sie vor zwei Jahren selbst umgebaut. Die proteinreichen Samen verkaufen sie unter ihrer eigenen Marke.

Viel weniger Schweizer Pflanzenprodukte als Fleisch

Der Hof im Thurgau ist ein rein pflanzlicher Betrieb. In der Schweiz werden viel weniger Pflanzenprodukte hergestellt, als für die Versorgung notwendig wären. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei pflanzlichen Lebensmitteln bei 31 Prozent. Bei tierischen sind es mit 68 Prozent mehr als doppelt so viel.

Die Ernährungs-Initiative, die am 27. September an die Urne kommt, fordert über alle Lebensmittel hinweg einen Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent. Dafür müssten sich mehr Höfe auf Pflanzen fokussieren, wie dies die Nyffeneggers tun.

Linsen und Hanf trotzten dem Hitzesommer

Neben der alten Scheune steht ein rosa Bauernhaus mit roten Jalousien. 13 Hektar Land bewirtschaftet das Paar. Der fast dreijährige Sohn rennt über den Platz, der Hofhund Rauli kauert in einem selbst gebuddelten Loch unter der Hecke. Im Hintergrund rattert die Spezialmühle. Darin bereitet Marc Nyffenegger auch Produkte anderer Höfe auf. Mit der Mühle kann er Chiasamen und Linsen reinigen, Sonnenblumenkerne und Hanfsamen schälen und weitere Hülsenfrüchte, Ölsaaten und Getreide für den Konsumenten aufbereiten.

Ihr Hof blieb im Vergleich zu anderen Betrieben vom Hitzesommer verschont. «Wir bewässern unsere Kulturen nie», sagt die Landwirtin. Die meisten Spezialkulturen, wie etwa Chia, Linsen oder Kürbiskerne, würden gut mit dem ökologischen Stress umgehen können. Als Spezialkultur gilt in der Landwirtschaft der Produktionsbereich, der weder die Tierhaltung noch den klassischen Feldbau wie etwa Getreide oder Kartoffeln beinhaltet. Die letzten zwei Jahre hätte es beispielsweise gute Linsen-Ernten gehabt.

Schweizer essen zu wenig Schweizer Linsen

«Die Lager sind in der Schweiz von der guten Ernte gefüllt», erzählt Marlene Nyffenegger in einem Kurzvideo in den sozialen Medien, in der Hand ein Einmachglas mit Linsen. Mit dem Video macht sie auf ein Problem aufmerksam: «Nur jeder Zehnte, der hierzulande Linsen kauft, greift zu Schweizer Linsen.»

Auf Linsen und weitere Hülsenfrüchte gibt es in der Schweiz keine Importzölle. Dadurch steigt der Preisdruck für Schweizer Produzenten. Auch die Essgewohnheiten der Konsumentinnen und Konsumenten spielen eine grosse Rolle. Während sich als gesund und proteinreich vermarktete Lebensmittel wie Kürbiskerne gut verkaufen, würden es Linsen oder Lupinen schwieriger haben. Marlene Nyffenegger empfiehlt beispielsweise, eine Bolognese mit Linsen aufzuwerten – ohne das Hackfleisch wegzulassen.

Sind die Lager noch gefüllt, spricht im Fall von Biohöfen die Biofarm Genossenschaft einen Anbaustopp aus. Die Genossenschaft verkauft Bioprodukte online und koordiniert den Anbau von Biolebensmitteln für Grossisten und den Detailhandel. Der Stopp bedeutet, dass die Biobetriebe für das kommende Jahr keine Anbauverträge für Linsen erhalten.

Konsument beeinflusst Schweizer Anbau

«Der Vorwurf an die Landwirtschaft lautet oft, dass wir uns nicht an den Zeitgeist anpassen», sagt Marc Nyffenegger. Doch die Anbauverträge für Spezialkulturen seien sehr begrenzt. Welche Lebensmittel in der Schweiz angebaut würden, würde vor allem vom Konsumenten beeinflusst, nicht nur von der Politik. Schweizer Landwirte, die Spezialkulturen anbauen möchten, seien auf die Nachfrage angewiesen. Sprich, dass Konsumenten bei diesen Kulturen auf die Schweizer Herkunft schauen.

Denn die meisten Direktzahlungen werden pro Fläche ausbezahlt. «Es kommt nicht darauf an, ob wir Futtermais oder Linsen anbauen», erklärt er. Linsen würden gegenüber Futtermais vom jetzigen Direktzahlungssystem kaum benachteiligt werden. Gehe die Nachfrage für Fleisch und damit für Futtermais herunter, entstehe automatisch mehr Platz für pflanzliche Lebensmittel. «Der Anteil an Fördergeldern, der in die Tierhaltung geht, ist ein Spiegelbild von dem, was nachgefragt wird.»

«Wir sind froh um Tiere»

Hinsichtlich der Hitzesommer sei es eine Überlegung wert, Spezialkulturen anzubauen. «Viele dieser Pflanzen kommen ursprünglich aus trockenen Gebieten.» So könne man sich als Landwirt breiter abstützen und grosse Verluste vermeiden.

Auch die Fruchtfolge werde immer wichtiger, sagt Marlene Nyffenegger. Bei einem Biobetrieb müsse man innert sieben Jahren mindestens zwei Jahre lang das Feld bewiesen. Das Gras könne man dann wiederum an Tiere verfüttern. Auch wenn sie selbst keine Tiere halten, sagt sie: «Wir sind froh um Tiere. So entstehen aus dem Gras Lebensmittel und Dünger.»

Die Forderung der Ernährungs-Initiative, den Selbstversorgungsgrad innert zehn Jahren auf mindestens 70 Prozent zu heben, wäre also nicht ohne weiteres umsetzbar. Passt der Konsument sein Kaufverhalten nicht an, wäre es für den Markt kaum möglich, mehr pflanzliche Lebensmittel zu verkaufen.

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