Darum gehts
- Tibor aus Neuenburg leidet seit 2019 am seltenen Alpha-Gal-Syndrom
- Die durch Zecken übertragene Allergie macht Säugetierfleisch für Betroffene gefährlich
- Zwischen 2010 und 2022 in den USA 450'000 Fälle, in der Schweiz erstmals 2017
August 2019, mitten am Nachmittag. Als Ausdauersportler läuft Tibor wie immer im Freien. «An diesem Tag machte ich Intervalltraining: eine Trainingsform, die aus sehr intensiven Abschnitten besteht, unterbrochen von Erholungsphasen», erklärt der 20-Jährige, der auf einer der Terrassen am Place du Marché in Neuenburg sitzt.
Diese Trainingseinheit konnte der Student jedoch nicht zu Ende bringen. «Plötzlich juckte es mich am ganzen Körper und ich spürte, wie mein Gesicht anschwoll. Das passierte mir zum ersten Mal.»
Spielte ihm sein Heuschnupfen einen Streich? «Ich war von Feldern umgeben, das war eine Möglichkeit. Also beschloss ich, weiterzumachen. Und dann wurde mir schwindelig, ich hatte das Gefühl, nicht normal atmen zu können, und wurde extrem müde. Ich hielt an. Ich hatte mein Handy nicht dabei, also musste ich Passanten darum bitten, meine Mutter anzurufen. Ich selbst hatte keine Kraft mehr, mich zu bewegen, und legte mich hin.» Die Angst packte ihn. «In diesem Moment verstand ich nicht, was mit mir passierte. Es fühlte sich so an, als ob ich schweben würde und die Welt sich drehte.»
Ein Zucker namens Alpha-Gal
Zu Hause angekommen, half ihm eine Dusche weder gegen die Kopfschmerzen noch gegen die Hautirritationen. «Ich hatte einen Ausschlag von Kopf bis Fuss, es war schrecklich. Ich verbrachte den Nachmittag im Bett, ob ich ein Antihistaminikum eingenommen hatte, weiss ich nicht mehr. Am nächsten Tag war gegen Mittag alles wieder weg.» Anschliessend machte Tibor sich auf den Weg zu dem Allergologen Guillaume Buss. Der stellvertretende Chefarzt im Neuenburger Kantonsspital fragte ihn, was er in den Stunden vor diesem höllischen Anfall gegessen hatte. Antwort: Lasagne. Nachdem mehrere Tests durchgeführt wurden, vereinbarte er direkt einen zweiten Termin mit dem Arzt.
In der Zwischenzeit erlitt Tibor auf dem Fahrrad «am Ende einer ziemlich steilen Steigung» erneut einen anaphylaktischen Schock – nachdem er mit Rinderhackfleisch gefülltes Gemüse gegessen hatte. «Ich hatte wieder überall Nesselsucht. Aber dieses Mal schaffte ich es, ohne Probleme nach Hause zu kommen.» Das Urteil stand damit fest. Die Pollen-Spur wurde ausgeschlossen. Der Übeltäter: das Fleisch von Säugetieren. «Ich habe das Alpha-Gal-Syndrom.»
Dabei handelt es sich um eine durch Zecken übertragene Erkrankung, die in Europa und in der Schweiz insbesondere durch die am weitesten verbreitete Art Ixodes ricinus verursacht wird. Diese ist zudem auch für die Lyme-Borreliose und die Frühjahrs-Sommer-Meningoenzephalitis verantwortlich, präzisiert Guillaume Buss in einem E-Mail. Im Speichel der Zecken befindet sich ein Zucker namens Alpha-Gal, der von Kühen, Schafen oder Hunden stammt, bei denen die Zecken Blut gesaugt haben.
Nach wiederholten Zeckenbissen bildet das Immunsystem bestimmter Personen Antikörper gegen diesen Zucker. «Diese Immunglobuline (IgE) können dann eine verzögerte allergische Reaktion auslösen, zwei bis sieben Stunden nach dem Verzehr von Fleisch von Säugetieren oder manchmal von Süssigkeiten auf Basis von Schweinegelatine, und in selteneren Fällen von Milch, Käse oder bestimmten Medikamenten, darunter Cetuximab, das in der Onkologie eingesetzt wird», erläutert der Immunologe.
Erste bekannte Fälle in der Schweiz im Jahr 2017
Das Alpha-Gal-Syndrom wurde erstmals Ende der 2000er Jahre in den USA im Zusammenhang mit der Sternzecke beobachtet, bevor sie sich auf alle sechs Kontinente ausbreitete. Die globale Erwärmung verlängert die Aktivitätsperiode dieser Mikro-Vampire und förderte ihre Verbreitung. In der Schweiz stammen die ersten bekannten Fälle aus dem Jahr 2017. Viele Lebens- und Essgewohnheiten wurden dadurch auf den Kopf gestellt. «Ich hatte Glück im Unglück», erzählt Tibor. «Ich bekomme nur bei starker körperlicher Anstrengung Anfälle, wenn ich in den vorangegangenen 24 Stunden Fleisch von Säugetieren gegessen habe. Da ich fünf bis sechs Tage pro Woche trainiere, musste ich meine Ernährung zwar erheblich anpassen, aber andere waren gezwungen, ganz darauf zu verzichten.»
Im Klartext: Der Langstreckenläufer gönnt sich Spaghetti Bolognese nur nach reiflicher Überlegung vor einem Ruhetag. Und selbst dann … «Dreimal hatte ich anaphylaktische Schocks, als ich in einer Disco getanzt habe. Im Idealfall verzichte ich daher in Zeiten, in denen ich viel Sport treibe, komplett darauf. Ich setze auf Geflügel, Fisch, Tofu oder Eier, um meinen Proteinbedarf zu decken. Auch mit Milchprodukten habe ich keine Probleme.» Der Student meint zudem: «Ich war noch nie ein grosser Fan von Rinderentrecôtes und aus ökologischer Sicht ist es durchaus sinnvoll, meinen Konsum zu reduzieren.»
Wie viele sein Schicksal teilen, ist schwer zu sagen. Ein Teil der Bevölkerung ist asymptomatisch und die Diagnose ist kompliziert. Gründe dafür sind «die Zeitspanne zwischen der Aufnahme und dem Auftreten von Symptomen, die Vielfalt dieser Symptome – Nesselsucht, Bauchschmerzen, Verdauungs- oder Atemwegsbeschwerden – sowie die Tatsache, dass manchmal Auslöser wie die Einnahme eines Entzündungshemmers, körperliche Betätigung oder Alkohol erforderlich sind, um eine Reaktion auszulösen», zählt Guillaume Buss auf. «Ganz zu schweigen von einem gewissen Unwissen in der medizinischen Fachwelt.»
Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörden könnten zwischen 2010 und 2022 in den Vereinigten Staaten 450'000 Menschen vom Alpha-Gal-Syndrom betroffen gewesen sein. Diese Allergie ist nach wie vor selten, wie die «Schweizerische Ärztezeitung» feststellt. Sie macht etwa 3 Prozent aller Nahrungsmittelanaphylaxien aus – darunter fallen schwere, potenziell lebensbedrohliche Anfälle. Ende 2025 wurde im «Journal of Allergy and Clinical Immunology» ein erster Todesfall aufgrund dieser Erkrankung dokumentiert. «Es handelt sich um eine mögliche Komplikation», räumt Guillaume Buss ein, der zudem ehemaliger Oberarzt am Universitätsspital Waadt ist. «Angesichts des Mangels an soliden epidemiologischen Daten sollte dieses Risiko jedoch auch nicht überschätzt werden.»
Ein Hoffnungsschimmer
Ob unterwegs, beim Wandern oder auf Reisen – Tibor verlässt das Haus nie ohne seine Antihistaminika und seinen EpiPen, eine Art Autoinjektor mit Adrenalin, der als Erste-Hilfe-Massnahme eingesetzt wird. «Ich könnte an einem abgelegenen Ort das Bewusstsein verlieren», beklagt Tibor. «Wenn ich meine Medikamente nicht dabei habe, muss ich genau wissen, was ich gegessen habe, um mein Tempo anzupassen.»
Ein Hoffnungsschimmer scheint sich am Horizont abzuzeichnen. «Wenn man weitere Bisse vermeidet, könnte der spezifische IgE-Spiegel allmählich sinken und schliesslich ganz verschwinden, was eine vorsichtige Wiedereinführung von Säugetierfleisch ermöglichen könnte», meint Guillaume Buss. Da Tibor dies weiss und angesichts der anderen «Freuden», die diese winzigen Kreaturen mit sich bringen, schützt er sich heute besser. In diesem Zusammenhang geben der Bund und die Kantone zahlreiche Ratschläge zur besten Vorgehensweise.
Dieser Artikel erschien zuerst in «L’Illustré». Das Magazin gehört wie Blick zum Ringier-Verlag.