«Ich will ein Fahrverbot vor meinem Haus»
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David A. im Januar 2023:«Ich will ein Fahrverbot vor meinem Haus»

David A. sperrt seit drei Jahren seine Strasse in Maienfeld
Showdown in Dorfzeitung – Stadtpräsident attackiert Grundbesitzer öffentlich

Seit Jahren blockiert ein Grundbesitzer seine Strasse in Maienfeld GR – im Streit mit den Behörden. Jetzt fährt der Stadtpräsident in der Dorfzeitung dem Strassen-Sperrer öffentlich an den Karren. Der Angegriffene tobt.
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David A. (64) versperrt in Maienfeld GR seit drei Jahren mit Holzgattern seinen Strassenabschnitt. Das Bild stammt vom Januar 2023.
Foto: Nicolas Lurati

In Maienfeld GR sind die Weihnachtstage nicht besinnlich. Denn die Stadt gibt einem Grundbesitzer ordentlich aufs Dach. Öffentlich, in der Dorfzeitung. Sie unterstellt dem Mann Verzögerungstaktiken. Die Worte stammen von Stadtpräsident Heinz Dürler (59/SVP) höchstpersönlich. Der Angegriffene poltert zurück – «Verleumdung!». Der besagte Grundbesitzer ist kein Unbekannter: David A.* (64) zofft sich seit Jahren mit der Stadt. Streitpunkt ist ein Abschnitt des Muldenwegs, der über das Grundstück von A. führt. Was den Konflikt erschwert: Der umkämpfte Strassenabschnitt gehört David A.

Vor drei Jahren eskaliert der Streit: A. hat genug von Raserei, gwundrigen Wanderern und Pferdemist. Und sperrt kurzerhand seine Strasse. Ohne Erlaubnis der Stadt, versteht sich. 

Seither herrscht eine Pattsituation: Die Strasse ist zu, das Volk genervt, David A. fühlt sich von der Stadt missverstanden. Und diese verliert die Geduld. Sie drängt darauf, dass die Strasse wieder offen ist. Stadtpräsident Dürler erklärte im Januar 2023 Blick: «Wir wollen den jahrzehntelangen Zustand auf dem Muldenweg wieder herstellen, was bedeutet: Freie Durchfahrt und freier Weg für alle.»

Aus Sicht der Stadt soll die Privatstrasse zu einer öffentlichen Erschliessungsstrasse werden. Das Enteignungsverfahren steckt aber fest. Sprich: Der Strassenabschnitt gehört zurzeit David A. – und er kann damit machen, was er will. 

Keine netten Weihnachtsgrüsse vom Stapi

Dass er dafür keine netten Weihnachtsgrüsse von der Stadt erhält, liegt auf der Hand. Stattdessen schreibt Stapi Dürler in der Einwohnerzeitschrift: «Neben den erfreulichen Ereignissen gibt es Themen, die uns weiterhin beschäftigen.» Konkret: «Die gesperrte Strasse und die damit verbundenen Verzögerungen sind für die Bevölkerung und uns Behörden ärgerlich.» Die Verfahren seien langwierig, dies sei für viele Leute nur schwer nachvollziehbar.

Dann kassiert auch der Kanton eine Breitseite von Dürler: «Das Enteignungsverfahren zieht sich beim kantonalen Departement für Infrastruktur, Energie und Mobilität in die Länge. Bis heute haben wir keinen Entscheid erhalten, obwohl die erste Eingabe Anfang 2023 erfolgt ist.» Anschliessend kriegt David A. selbst sein Fett weg: «Der Grundeigentümer verzögert das Verfahren mit allen ihm zustehenden Mitteln und zeigt damit die Grenzen des Rechtsstaates auf, wenn solche Taktiken angewendet werden.» Dürler verspricht: «Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass der Prozess mit Nachdruck vorangetrieben wird, und werden Sie über den Stand informieren.» 

Dürler steht hinter diesen Worten, wie er am Dienstag zu Blick sagt. Und er erklärt: «Es ist das Editorial unserer Einwohnerzeitschrift, die die Stadt dreimal pro Jahr an die Bevölkerung von Maienfeld schickt.»

«Verleumdung!»

David A. ist stinksauer über diese öffentliche Zurschaustellung der Angelegenheit: «Das ist Verleumdung», sagt er am Dienstag zu Blick. Nachgeben will er nach wie vor nicht – auch wenn er heute nicht mehr dort wohnt. «Ich bin 2023 in eine andere Bündner Gemeinde gezogen», erzählt er. «Schliesslich will ich mit meinen Steuerzahlungen nicht die Anwaltskosten der Gemeinde finanzieren, die wegen dieses Konfliktes anfallen.» Diese seien jetzt schon höher, als die Verlegung der Strasse gekostet hätte. «Ich habe damals sogar angeboten, die Kosten dafür selbst zu tragen. Laut einer Offerte wären das rund 40'000 Franken gewesen», so A.

Dieses Geld braucht er nun für seine eigenen Anwaltskosten, die stetig steigen. Zurückkrebsen könne und wolle er nicht, nachdem bereits so viel Geld geflossen sei. «Ich stehe mit dem Rücken zur Wand», sagt er. Sollte der Kanton das Enteignungsverfahren bewilligen, wäre er bereit, bis vor Bundesgericht dagegen zu klagen: «Es ist mein Recht als Bürger, mich zu wehren.»

Sein Grundstück mit dem besagten Strassenabschnitt hat er nach seinem Wegzug vermietet. Dass der Muldenweg weiterhin gesperrt bleiben müsse, sei ein fester Bestandteil des Mietvertrages. Sollte die Gemeinde aber plötzlich doch auf einen seiner Vorschläge eingehen wollen, würde er die Strassensperre ab sofort provisorisch aufheben. 

Stapi überzeugt

Aktuell ist dies nicht der Fall. Die Strasse bleibt zu. Seit Heiligabend 2022. Damals stellte der genervte David A. seinen Pinzgauer quer auf die Strasse. Die Leute gingen ihm aber weiter auf die Nerven: «Totale Ruhe vor den Störenfrieden hatte ich da noch nicht», sagte er im Januar 2023 zu Blick. Also verbarrikadierte er mit einer Holzkonstruktion den Strassenabschnitt beidseits. Sackgasse für alle Autofahrer. Sackgasse für eine Lösung des Konflikts. 

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Dabei wollte David A. nie ein totales Fahr- und Gehverbot auf seiner Strasse, wie er stets betonte: «Ich verlange von der Stadt nur, den Durchgangsverkehr auf dem Muldenweg mit einem Fahrverbot einzuschränken.» Mit Anwohnern, dem Schulbus oder Lieferanten habe er keine Probleme. Weil die Stadt aber nicht auf seine Forderungen einging, griff A. zum aus seiner Sicht letzten Mittel – Strassensperre. Genug der Raserei, genug der Pferdekacke vor seiner Hütte, genug der neugierigen Wanderer, die ins Wohnzimmer glotzen. 

Seither tobt der Zoff weiter. Nicht auf dem Strassenabschnitt, der David A. gehört. Sondern in den Bündner Amtsstuben. Stapi Dürler bleibt aber siegessicher: «Ich bin überzeugt: Wir werden dereinst recht kriegen, weil die Strasse in alten Gesetzen eine öffentliche Strasse ist.» Genervt ist aber auch der Dorfhäuptling: «Das System belohnt halt Leute, die alle Taktiken anwenden, um ein Verfahren zu verzögern.» 

Keine fröhlichen Weihnachten in Maienfeld also. 

* Name geändert 

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