Ex-Konsument erzählt
Lieferstopp bei Hustensirup – jetzt kochen Dealer selbst

Ein als Droge missbrauchter Schweizer Hustensirup ist nicht mehr verfügbar. Ein Ex-Konsument erzählt, wozu Abhängige nun greifen und wie das Rauschmittel ihn fast das Leben kostete.
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Das Rauschmittel «Lean» besteht aus Hustensirup und einem Süssgetränk.
Foto: Screenshot TikTok
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Anna Clara KohlerRedaktorin Politik

«Die meisten, die ich kenne, greifen auf selbst Gebrautes zurück.» Mit 17 Jahren hat Jonas* das erste Mal «Lean» getrunken. Das Rauschmittel ist ein violettes Mischgetränk aus Hustensirup und einem Süssgetränk, meistens Sprite. Der enthaltene Wirkstoff Codein ist ein opioidhaltiges Schmerzmittel, das aus dem Schlafmohn gewonnen wird. Jonas bereitete «Lean» mit einem Schweizer Hustensirup zu. Seit einiger Zeit ist dieser jedoch kaum mehr verfügbar – mit gefährlichen Folgen.

Jahrelang war Jonas Konsument von opioidhaltigen Drogen. Darunter auch «Maka», wie der Schweizer Hustensirup genannt wird. In der Szene gehe man derzeit davon aus, dass das Medikament aus dem Sortiment genommen werde. Eine Kurzdokumentation der deutschen Plattform «Hypeculture» berichtete über den Engpass. Und auch in den sozialen Medien tummeln sich Memes und Spekulationen über einen Produktionsstopp des Hustensafts.

Auch für Personen mit ärztlichem Rezept ist es derzeit schwierig, den Hustensirup zu kaufen. Eine Apotheke im Kanton Aargau gibt auf Anfrage von Blick an, das Medikament sei seit Juni 2025 auf unbestimmte Zeit nicht mehr verfügbar. Auf der Website einer Onlineapotheke steht ebenfalls: «Liefertermin unbekannt».

Pharmakonzern bestätigt Produktionsstopp

«Die letzten Chargen des Medikaments haben wir im März 2025 verkauft», sagt der CEO der Gebro Pharma AG, Martin Güttinger. Aktuell werde keine Charge produziert. Die nächste Auslieferung könne man noch nicht voraussagen.

Einer der Wirkstoffe des Hustensirups sei aktuell nicht verfügbar. Zuvor sei dieser in Österreich hergestellt worden. «Bei einer Flutkatastrophe im September 2024 in Niederösterreich waren die Herstellung sowie das Lager betroffen.» Der Aufbau einer neuen Produktion benötige jedoch Zeit und Ressourcen. Zudem müsse sie zunächst in einem «definierten und aufwendigen Prozess» von der Schweizer Behörde Swissmedic begutachtet und genehmigt werden.

Der Hustensaft wird bei der Behandlung von trockenem Reizhusten eingesetzt, heisst es in der Patienteninformation. Eine berauschende Wirkung sei allerdings bekannt. «Deshalb ist der Verkauf über die Apotheke streng reglementiert», sagt Güttinger. Die Behörden sowie der Pharmakonzern würden sehr genau darauf achten, dass kein Missbrauch getrieben werde.

Risikoreiche «Homebrews» als Alternative

Weil der Schweizer Hustensirup nur schwer zu bekommen sei, würden viele Konsumenten jetzt auf sogenanntes «Homebrew» zurückgreifen, sagt Jonas. Für die selbst gebrauten Sirups würden die Wirkstoffe in Tablettenform gekauft und vermischt. Das sei wegen der schwierigeren Dosierung sehr riskant, erklärt Dominique Schori, Co-Leiter des Drogeninformationszentrums (DIZ) Zürich.

«Codein wirkt auf das Hustenzentrum im zentralen Nervensystem.» Das Abhängigkeitspotenzial des Wirkstoffs sei mit demjenigen anderer Opioid-Schmerzmittel vergleichbar. Opioide würden beruhigend, dämpfend und leicht euphorisierend wirken. Dies sei auch für Menschen attraktiv, die den Wirkstoff ohne medizinischen Grund konsumieren. «Das erleben wir immer wieder», sagt Schori.

«Es wäre okay, wenn ich jetzt sterbe»

Vor neun Monaten hat Jonas aufgehört, Opioide zu konsumieren. Mittlerweile ist er Anfang zwanzig. Vor seinem Konsumstopp habe er zwei- bis viermal im Monat «gegeeked», war also auf einem High. «Einmal habe ich fast eine Überdosis erlitten», erzählt Jonas. Er habe sich in der stabilen Seitenlage hingelegt und sei in Ohnmacht gefallen. «Je tiefer ich in den Rausch fiel, desto mehr wurde aus ‹Ich darf jetzt nicht sterben› ein ‹Es wäre okay, wenn ich jetzt sterbe›».

Nach dieser Erfahrung konsumierte Jonas weiter. Aufgehört hat er erst, nachdem ein Kollege von ihm an einer Überdosis einer anderen Droge verstorben war. Dies sei ihm sehr nahegegangen: «Es hat mir den Magen für Drogen verdorben.» 

Randphänomen der Rap-Szene

Besonders bei pharmazeutisch hergestellten Produkten sei das Risikobewusstsein geringer, sagt Schori. Es werde der falsche Schluss gezogen, dass die Medikamente aus professioneller Produktion weniger gefährlich wären. Stammen die Produkte vom illegalen Markt, kommen zusätzliche Risiken hinzu: «Grundsätzlich kann man nichts, was man auf dem illegalen Markt kauft, trauen.» Deshalb biete das DIZ Drug Checking an.

Codein sei eher ein Randphänomen bei jungen Menschen, die, so wie Jonas, viel mit dämpfenden Substanzen experimentieren würden. «Vor allem in gewissen Subkulturen wie der Rap-Szene ist das schon länger ein Thema», erklärt Schori.

Der regelmässige Konsum von Opioiden hat nicht nur auf die Gesundheit negative Auswirkungen. Die Hustensirupe sind eine teure Droge. Während Dealer vor dem Lieferstopp für einzelne Hustensirup-Flaschen 100 Franken verlangten, seien es heute rund 400. Eine Flasche reiche laut Jonas für ein Wochenende. Teilweise würden Flaschen auch für 1000 Franken gekauft. Hustensirups aus den USA würden hingegen bis zu 10'000 Franken kosten.

*Name geändert 

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