Darum gehts
- Bundesanwaltschaft prüft Anzeigen zu angeblichen «Sniper-Safaris» im Bosnienkrieg
- Reiche zahlten angeblich bis zu 50'000 CHF für Mord an Zivilisten
- Ermittlungen in Italien, Österreich und Belgien
Die Geschichte der angeblichen «Sarajevo-Safaris» im Bosnienkrieg wirft bis heute viele Fragen auf: Reiche Kriegstouristen aus Westeuropa sollen Anfang der Neunzigerjahre dafür bezahlt haben, während der Belagerung Sarajevos von den umliegenden Hügeln aus auf Zivilisten zu schiessen.
Fachleute zweifeln an den Anschuldigungen. Trotzdem hat die Mailänder Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen mutmassliche «Sniper-Touristen» eingeleitet. Und auch in Österreich und Belgien sind Verfahren angelaufen.
Strafanzeigen bei Bundesanwaltschaft
Der ungeheure Verdacht beschäftigt jetzt auch die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA). Blick weiss: Bei den Ermittlern des Bundes sind Strafanzeigen mit Informationen zu möglichen Tätern und Mitwissenden aus der Schweiz eingegangen.
BA-Sprecher Maximilian Tikhomirov bestätigt die Anzeigen. Zu Details will er sich nicht äussern. Er sagt einzig: «Wir prüfen die Anzeigen nach dem üblichen Vorgehen.» Und betont zugleich, dass bisher kein Strafverfahren eröffnet wurde. Noch sei nicht klar, ob ein hinreichender Tatverdacht bestehe und wenn, ob die Bundesanwaltschaft dafür zuständig sei.
Einen Schritt weiter ist die Mailänder Justiz. Sie hat im Februar einen 80-jährigen Rechtsextremisten aus Norditalien befragt. Er soll sich damit gebrüstet haben, aus purem Zeitvertreib auf unbewaffnete Menschen geschossen zu haben. Der Verdächtige wies die Vorwürfe allerdings weit von sich.
Alles nur Gerüchte?
Gerüchte über die «Sniper-Safaris» gibt es seit Jahrzehnten. Die Ermittlungen ins Rollen gebracht hat der Mailänder Autor Ezio Gavazzeni, der mit einem kleinen Team über reiche Ausländer recherchiert hat, die zwischen 1992 und 1995 angeblich Zehntausende Franken an serbische Soldaten gezahlt haben sollen, um aus Mordlust auf Zivilistinnen und Zivilisten zu schiessen. Bis zu 25’000 Euro für einen erschossenen Mann, 40’000 für eine Frau und knapp 50’000 für ein Kind. Im Frühjahr veröffentlichte Gavazzeni das Buch «I cecchini del weekend» (Die Wochenendschützen), das weltweit für Schlagzeilen sorgte.
Haben Sie Hinweise zu brisanten Geschichten? Schreiben Sie uns: recherche@ringier.ch
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Fachleute aber meldeten Zweifel an systematischen Menschenjagden an und verwiesen auf Unstimmigkeiten in den Recherchen von Gavazzeni. Zwei Kronzeugen distanzierten sich später von den Darstellungen im Buch.
Trotzdem laufen gestützt auf das Material des Autors Ermittlungen in mehreren Ländern. Gavazzeni sagt, dass er auch die Schweizer Bundesanwaltschaft mit Informationen und Namen von mutmasslichen Zeugen versorgt habe.
«Bei der Menschenjagd waren auch Schweizer dabei»
Im März behauptete er gegenüber der «SonntagsZeitung»: «Ja, bei der Menschenjagd waren auch Schweizer dabei.» Nun konkretisiert er seine Aussagen erstmals: Es handle sich um Schweizer und Italiener, die sich damals um einen Kunsthändler in Lugano TI gruppiert hätten. Die Gruppe habe aus Jägern bestanden, die für die «Sniper-Safaris» zusammen nach Bosnien gereist seien.
Der Kunsthändler aus Lugano habe an der Menschenjagd in Bosnien nicht teilgenommen, die Geschichten aber im Detail mitbekommen. Das würden zwei voneinander unabhängige Quellen bestätigen.
Belastbare Belege dafür fehlen bis jetzt. Handelt es sich um eine Urban Legend, eine Erfindung also, die seit Jahren weitererzählt wird? Oder stimmen die Horrorgeschichten tatsächlich?
Internationales Ermittlertreffen
Ende Juni trafen sich Ermittler aus Italien, Österreich, Bosnien-Herzegowina und Belgien in Den Haag am Hauptsitz der europäischen Justizbehörde Eurojust. Dort tauschten sie ihre bisherigen Ermittlungsergebnisse zu den mutmasslichen Kriegsverbrechen aus.
Die Schweizer Bundesanwaltschaft wird nun prüfen müssen, ob die Verdachtsmomente auch hierzulande für ein Strafverfahren reichen. Dafür stehen die Ermittler auch in Kontakt mit der Mailänder Justiz. Ein Rechtshilfeersuchen aus Italien ging in Bern bisher jedoch nicht ein.