Der Rebell, der die Uhrenwelt aufmischt
«Ich bin Ben aus Biel»

Ben Küffer hält wenig von Etiketten. Der 37-jährige CEO von Norqain setzt auf Arbeit, Tempo und Unabhängigkeit – und greift damit die Platzhirsche der Uhrenbranche an.
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Ben Küffer hat Kader-Angebote bei Breitling abgelehnt, um sich selbständig zu machen.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

  • Der Norqain-Gründer hätte bei Breitling Karriere machen können und riskierte stattdessen als Unternehmer alles
  • Der Berner Seeländer holt Prominente als Investoren an Bord, behält aber die Kontrolle über sein Unternehmen
  • Experten bezeichnen den Jungunternehmer als dynamisch und intelligent – in der Branche wird er auch als Wunderkind bezeichnet
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Lino SchaerenRedaktor

Auf dem Fussballplatz Burgerallee geht es um viel: Der FC Nidau kämpft um den Aufstieg in die regionale 2. Liga. Topskorer Ben Küffer hat eine Überraschung parat. Per Video meldet sich Nati-Goalie Yann Sommer aus dem WM-Vorbereitungscamp in Brasilien, dazu feuern die Eishockeystars Roman Josi und Mark Streit das Team an: «FC Nidau, 2. Liga, let’s go, boys!»

Nidau steigt auf, später wieder ab. «Eine coole Aktion», sagt Küffer heute, elf Jahre später, und lacht. Für Fussball bleibt dem dreifachen Familienvater kaum noch Zeit. Seit er 2018 mit Mark Streit und Roman Josi die Uhrenmarke Norqain gegründet hat, spielt er auf einem anderen Feld – und mischt die Schweizer Uhrenbranche auf.

Der vorläufige Höhepunkt: Norqain ist offizieller Uhrenpartner der National Hockey League (NHL). 32 Teams, rund 600 Millionen Fans weltweit – und Norqain darf als einzige Marke NHL-Embleme für Spezialkollektionen nutzen. Ein Riesencoup für ein Start-up mit rund 80 Mitarbeitenden.

CEO Küffer bleibt dabei bewusst im Hintergrund und überlässt die Bühne Mark Streit. Andere glänzen lassen, selbst die Fäden ziehen – das hat bei Küffer System.

Wer ist der Mann, der auch als Wunderkind der Branche bezeichnet wird – und was treibt ihn an?

Er will die grossen Fische fressen

Norqain residiert in Nidau bei Biel BE, in einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert. Design, Entwicklung und Produktion: alles unter einem Dach. Küffer begrüsst in seinem Büro im zweiten Stock. Auf dem Schreibtisch liegt das Buch «Eating the Big Fish», ein Manifest für Challenger-Brands. Die Grossen herausfordern: So sieht er sich selbst und Norqain.

Küffer spricht nicht von Zielen, sondern von einer Mission. «In der Schweizer Uhrenbranche gibt es Rolex, die Swatch Group und ausländische Luxuskonzerne – aber kaum Neues», sagt er. Stattdessen würden immer mehr Marken ins Ausland verkauft. Er wolle dagegenhalten, sagt Küffer, und die Uhr als Schweizer Kulturgut erhalten.

Das ist pathetisch, doch der Anspruch passt zu seinem Werdegang. Bereits Küffers Vater war Uhrenunternehmer. Ben Küffer stieg als Teenager bei Breitling ein und arbeitete sich in elf Jahren zum Brandmanager hoch. 2017 wurde die Marke an britische Investoren verkauft, Georges Kern übernahm als CEO.

Küffer hätte weiter aufsteigen können: «Ich wollte ihn unbedingt halten», sagt Kern. Er sei jung, dynamisch, intelligent. Doch Küffer lehnte ab – trotz finanziell sehr attraktivem Angebot, wie er sagt.

Ihn störte der wachsende Einfluss ausländischer Akteure in der Branche, die zunehmende Marktmacht von Louis Vuitton, Richemont und Co. Norqain ist die Konsequenz daraus. «Erfolg bedeutet für mich, sich selbst zu sein und zu bleiben», sagt Küffer.

Ganze Familie ist mit dabei

Der Entscheid zur Firmengründung fiel an einem Sommerabend beim Barbecue mit Streit und Josi. Mit dabei war von Anfang an auch Ted Schneider, Sohn des früheren Breitling-Besitzers. Auch die Familie Küffer ist an Bord: der Vater als VR-Präsident, der Bruder als dessen Vize, Mutter und Schwester als Inneneinrichterinnen.

Entstanden sind mechanische Luxusuhren im sportlichen Look, der Preis liegt im Schnitt bei 4500 Franken. Zielpublikum: junge, aktive Uhrenfans.

In der Branche stiess das Start-up zunächst auf Skepsis. «Auf uns hat niemand gewartet», sagt Küffer. Doch der Geschäftsgang kennt seit der Lancierung 2019 – selbst während der Pandemie – nur eine Richtung: nach oben.

2023 wurden erstmals über 10’000 Uhren verkauft, der Umsatz liegt im zweistelligen Millionenbereich. Die Marke ist in rund 50 Ländern präsent, mit Boutiquen in Zermatt, Zürich und Singapur. Interlaken folgt im April.

Prominenz als Erfolgsmodell

Zum Erfolg beigetragen hat das Geschäftsmodell: Norqain holt bekannte Persönlichkeiten als Aktionäre an Bord. Sie geben der Marke Gesicht, Glaubwürdigkeit – und öffnen Türen. Der NHL-Deal kam dank der Kontakte von Mark Streit zustande.

Zu den «Norqainern» zählen mittlerweile weitere NHL-Spieler wie Kevin Fiala und Superstar Sidney Crosby oder Sportgrössen wie Gianluigi Buffon, Stan Wawrinka und Michelle Gisin.

Trotz wachsendem Aktionariat behält Küffer die Kontrolle. Er hält nur gut ein Drittel des Kapitals, dank des fünffachen Stimmgewichts der Gründeraktien verfügt er über 70 Prozent des Stimmrechts. «Clever» sei die Norqain-Strategie, sagt Breitling-Chef Kern, «Chapeau!»

Ben Küffers Büro ist frei von Protz, dafür ein Traum für Sportfans: signierte Trikots, Tennisschläger, persönliche Grussbotschaften. Eine goldene Medaille erinnert an den New-York-Marathon 2024. Küffer startete spontan – mit nur einem Training. Ab Kilometer 30 wurde es brutal. Ins Ziel kam er trotzdem. «Da kam ich richtig auf die Welt», sagt er.

Er ist schnell, manchmal zu schnell

Wer sich in seinem Umfeld umhört, hört Ähnliches: Küffer denkt schnell, entscheidet schnell – manchmal etwas zu schnell –, scheut Risiken nicht. Ein Start-up-Unternehmer par excellence, Sneakers statt Anzug, mutig, viel Humor, manchmal etwas verrückt, ein begnadeter Storyteller.

Eine Gabe, die auch Jean-Claude Biver (77) beeindruckte. «Gut erzählen können viele, aber anders als viele in dieser Branche weiss Ben, wovon er spricht», sagt er. Biver ist eine Legende der Uhrenwelt, hat Marken wie Omega und Hublot zum Erfolg geführt. Er behielt Küffer im Auge, und was er bei Norqain sah, gefiel ihm.

Biver erzählt: «Eines Tages habe ich zu Ben gesagt: Ich bewundere dich, ich respektiere dich, und weil das so ist, will ich dir helfen.» Seither ist er Mentor, Berater des Verwaltungsrats und ein weiterer Türöffner. Bei Küffer spüre er die Energie der Jugend, sagt Biver. Der Norqain-Gründer, so der Altmeister, erinnere ihn an sich selbst.

Es sind solche Lobeshymnen, bei denen es dem sonst so wortgewandten Ben Küffer kurz die Stimme verschlägt. Sie schmeicheln ihm, aber wirklich behaglich ist ihm nicht dabei. Als Wunderkind der Branche sieht sich Küffer ohnehin nicht.

Ein Prinz, der keiner sein will

Darauf, dass ihm die Tamedia-Zeitungen das Etikett «Uhrenprinz» verpassten, reagiert der Norqain-CEO ungehalten. Das Lächeln ist weg. «Einen solchen Titel brauche ich nicht», sagt er. «Ich bin Ben aus Biel und mache Uhren – hoffentlich coole.» Der Chef will Bodenständigkeit leben – ein Prinzentitel passt da nicht ins Bild.

Bei allem Erfolg bleibt Norqain ein kleiner Player im Uhrenmarkt. Jean-Claude Biver glaubt aber daran, dass Norqain in zehn Jahren deutliche Spuren hinterlassen haben wird. Der NHL-Deal sei eine riesige Chance für die Nidauer Marke, sagt er, «das müssen sie nun ausschlachten».

Daran arbeitet CEO Küffer im Moment. 2026 startet Norqain mit TV- und Stadionpräsenz und mit einer lizenzierten NHL-Uhr. Er plane langfristig, sagt Ben Küffer. «Eine Exit-Strategie gibt es nicht.» Norqain herausputzen, um es zu verkaufen, kommt für ihn nicht infrage – schon gar nicht an ausländische Investoren.

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