Darum gehts
Oluyomi Scherrer steht knapp oberhalb des Stauwehrs bei der Lorraine, die Angelrute in beiden Händen, den Blick auf die Strömung gerichtet. Schwarz gekleidet, wie immer – nur die schwarze Kappe fehlt, die er sonst nie ablegt, wenn eine Kamera läuft. An seiner Schnur hängt ein Blinker. Weltweit folgen ihm rund 16 Millionen Menschen auf Social Media. Hier kennt ihn niemand.
Scherrer (27) ist unter dem Namen Thispronto der erfolgreichste Tiktoker der Schweiz: Käse, der in dampfenden Fäden auseinanderreisst, Zutaten, die er auf einem ausgedienten iPad zerkleinert, sein Gesicht immer im Bild, wenn er reinbeisst. Ein Video brachte ihm über 90 Millionen Aufrufe. Hier an der Aare aber postet er nichts. «Man fängt an, Sachen zu schätzen, wo man keinen Content machen muss», sagt er, während er die Rute neu auswirft.
5 Millionen Aufrufe als Misserfolg
Scherrer ist eine der meistgesehenen Personen des Landes und gleichzeitig, nach eigenen Worten, ziemlich allein. «Es ist relativ einsam im Vergleich zu anderen Jobs», sagt er. Er lebt in Bern, in einer Wohnung mit eineinhalb Zimmern – dort entstehen seine Videos, ohne Team, nur er und die Kamera.
Und die Zahlen, die nie stillstehen. 10'000 Aufrufe, 30'000 – das könne man sich noch als volles Fussballstadion vorstellen, sagt Scherrer. Millionen dagegen seien nur noch eine abstrakte Zahl. Früher mass er sich an seinen Bestwerten: 10, 20 Millionen Aufrufe waren normal, «nur» 5 Millionen fühlten sich wie ein Misserfolg an. «Man muss sich das wie eine Sucht vorstellen», sagt er. Erst mit den Jahren lernte er, sich davon zu lösen.
Als Vierjähriger erstmals beim Fischen
Wenn Scherrer nun an der Aare steht, dann tut er das, weil er aus diesem Strudel ausbrechen will. Ausbrechen muss. «Je länger ich das mache, desto mehr schätze ich es, das Handy auch mal weglegen zu können», sagt er. Er tut es beim Fussball, wo er mit dem FC Länggasse in der 3. Liga stürmt. Und hier, beim Fischen.
Lange bevor es geschmolzenen Käse gab, gab es Fische. Mit vier Jahren, in den Ferien in Norwegen, hält Scherrer zum ersten Mal eine Rute in der Hand. Wenn er jeweils zurück in der Schweiz ist, wird die Aare sein Fluss. Er engagiert sich beim Angelfischerverein Bern, arbeitet nach der Kochlehre in der Fischverarbeitung im Tropenhaus Frutigen. Er sagt: «Ich habe früher mal Berufsfischer werden wollen.»
Gekommen ist es anders. 2020 lädt Scherrer sein erstes Tiktok-Video hoch – von der Familienkatze. Es funktioniert, wie Katzenvideos immer funktionieren. Er merkt, wie leicht sich Leute erreichen lassen, und wechselt zu Kochvideos. Wenig später folgen ihm Millionen: Der Berner wird zu einem der weltweit ersten Food-Influencer auf Tiktok. Sogar die Schweizer Armee profitiert später davon.
In der Rekrutenschule darf Scherrer nicht filmen, später erkennen die Vorgesetzten den Wert seiner Reichweite: Die Videos aus der Kasernenküche, die im Wiederholungskurs entstehen, gehen viral – unbezahlt, wie er betont. «Das ist für die Armee die beste Werbung, die sie kriegen können.»
Der Influencer hat nicht ausgesorgt
Am Ufer, zwischen zwei Würfen, erzählt Oluyomi Scherrer auch von der anderen Seite des Erfolgs. Von seinem Hauptaccount bei Tiktok kann er nicht leben, trotz 15 Millionen Followern. Ein internationales Publikum ohne fassbare Zielgruppe eignet sich nicht für Werbekooperationen. Deshalb betreibt er auch den deutschsprachigen Kanal Drpronto. Dort haben ihn «nur» 1,2 Millionen Leute abonniert. Dafür lassen sie sich gezielt monetarisieren.
Ausgesorgt habe er dennoch nicht, sagt Scherrer. Er besitzt keine Immobilien, kein Millionenvermögen, wohnt ein paar Gehminuten von der Aare und vom Elternhaus entfernt. Und Geld als Creator zu verdienen, das sei langfristig auch nicht planbar. Dafür ist da dieser dauernde Druck, zu liefern. Jeden Tag, manchmal auch in der Nacht, damit die Follower nicht abspringen und mit ihnen letztlich die Werbepartner.
Auch, um diesen Druck zu reduzieren, hat Scherrer Anfang Jahr seine eigene Social-Media-Agentur Eventureprojects gegründet. Künftig will er Brands beim Aufbau ihrer Kanäle beraten. Der Antrieb dazu ist unspektakulär, fast bürgerlich: Sicherheit.
«Langfristig ist schon das Ziel, irgendwann mal eine Familie zu gründen», sagt Scherrer. «Und da möchtest du etwas haben, auf dem du jahrelang aufbauen kannst – etwas, das bleibt.» Ein Satz, der wenig zu tun hat mit dem Bild des sorglosen Social-Media-Stars – und viel mit einem inzwischen 27-Jährigen, der weiss, dass ein Algorithmus keine zuverlässige Grundlage fürs Erwachsenwerden ist.
Anonymität ist verloren gegangen
Sicherheit heisst für «Olu», wie ihn seine Freunde nennen, aber nicht nur Geld. Es geht auch um etwas, das er seit dem Erfolg verloren hat: Anonymität. Kaum verlässt er seine Wohnung, wird er angesprochen – von Jugendlichen, aber ebenso von deren Müttern und Vätern. Kinder klingeln bei ihm zu Hause und wollen ein Foto mit ihm.
Einmal erkannte ihn sogar ein fünfjähriges Mädchen, erzählt er. Was macht ein Kind in diesem Alter überhaupt schon bei Tiktok? Es ist einer der wenigen Momente, in denen der sonst abgeklärte Scherrer Beunruhigung durchblicken lässt über die Welt, in der er seine Erfolge feiert.
Hier am Fluss dagegen bleibt er, für ein paar Stunden, ein Mann mit einer Rute. Am Ende zieht er die Schnur ein, ohne Fang an diesem Morgen – es scheint ihn nicht zu stören.
Irgendwann, sagt er, werde er sich wieder mehr Zeit fürs Wasser nehmen. Bis dahin bleibt die Aare das, was sie für ihn schon als Kind war: kein Set, kein Studio, sondern ein Sehnsuchtsort, an dem niemand von ihm verlangt, dass er performt.