Besorgniserregendes Niedrigwasser am Bodensee
Warum die Schweizer Seen unter Druck geraten – und was jetzt droht

Der Bodensee sinkt auf historisch tiefe Pegelstände – und das nach einem schneearmen Winter und extrem trockenen Frühling. Experten warnen: Die eigentliche Herausforderung könnte erst noch bevorstehen. Was das für die Schweiz bedeutet.
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Der Bodensee hat derzeit zu wenig Wasser.
Foto: picture alliance / Zoonar

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Bodensee zeigt ungewöhnlich niedrigen Wasserstand, Experten warnen vor anhaltender Trockenheit
  • Seit Oktober unterdurchschnittlicher Niederschlag, besonders wenig Schnee in den Alpen
  • Aktueller Pegel im unteren Bereich historischer Werte, Sommerprognose trocken und warm
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Daniel MacherRedaktor News

Der Bodensee zeigt sich derzeit von seiner niederen Seite. Laut Meteorologe Klaus Marquardt von Meteo News bestätigt sich der aktuell ungewöhnlich tiefe Pegelstand. Kurzfristig sei zwar eine gewisse Entspannung in Sicht: «In den nächsten ein bis zwei Wochen wird es voraussichtlich genügend regnen, sodass der Wasserstand wieder etwas ansteigen kann», sagt Marquardt gegenüber Blick.

Damit sei die Lage jedoch keineswegs nachhaltig entschärft. Der entscheidende Faktor liege in der meteorologischen Vorgeschichte des Jahres. Ein schneearmer Winter sowie ein insgesamt deutlich zu trockener Frühling hätten dazu geführt, dass in den Einzugsgebieten des Bodensees über längere Zeiträume hinweg zu wenig Wasser verfügbar gewesen sei.

Sommer wieder zu warm und trocken?

Hinzu komme, dass die Seen derzeit gewissermassen «leergelaufen» in die warme Jahreszeit starten. Marquardt spricht in diesem Zusammenhang davon, dass viel «Speicherraum» vorhanden sei, der erst wieder aufgefüllt werden müsse. Entsprechend seien keine einzelnen Regenereignisse entscheidend, sondern länger anhaltende und ergiebige Niederschlagsphasen.

Auch ein Blick auf die mittelfristigen Prognosen zeigt aus seiner Sicht keine Entspannung. Für den Sommer rechnet Marquardt weiterhin mit eher warmen und tendenziell trockenen Bedingungen. Das könnte die hydrologische Situation erneut verschärfen oder zumindest auf tiefem Niveau stabilisieren.

Zu einer möglichen Rolle des sogenannten Mega-El-Niño äussert er sich hingegen zurückhaltend: «Die Auswirkungen dieses Klimaphänomens auf Europa sind zu diffus, um sie sinnvoll in die Prognosen einzubeziehen.» Für Mitteleuropa seien solche globalen Klimasignale zwar wissenschaftlich interessant, für konkrete Niederschlagsprognosen in der Schweiz aber nur bedingt brauchbar.

Seit Oktober zu wenig Regen

Deutlich systemischer ordnet Martin Schmid von der Eawag die aktuelle Situation ein. Der Leiter der Forschungsgruppe Angewandte Systemanalyse in der Abteilung Oberflächengewässer erklärt, der Bodensee befinde sich derzeit im unteren Bereich der historisch für diese Jahreszeit gemessenen Pegelwerte. Hauptursache sei eine über Monate anhaltende Niederschlagsarmut im gesamten Einzugsgebiet: «Seit Oktober ist in fast allen Monaten unterdurchschnittlich viel Niederschlag gefallen – sowohl als Regen wie auch als Schnee.»

Martin Schmid

Martin Schmid ist Leiter der Forschungsgruppe Angewandte Systemanalyse in der Abteilung Oberflächengewässer am Wasserforschungsinstitut Eawag. Seine Arbeit konzentriert sich auf die systemanalytische Untersuchung von Seen und Fliessgewässern unter Berücksichtigung physikalischer, chemischer und biologischer Prozesse.

Forschungsschwerpunkte sind menschliche Einflüsse auf Oberflächengewässer, die Wechselwirkungen zwischen Physik und Biogeochemie in Seen sowie die Auswirkungen des Klimawandels auf Gewässerökosysteme. Ziel ist ein verbessertes Verständnis komplexer aquatischer Systeme als Grundlage für nachhaltiges Gewässermanagement.

Martin Schmid
Eawag

Martin Schmid ist Leiter der Forschungsgruppe Angewandte Systemanalyse in der Abteilung Oberflächengewässer am Wasserforschungsinstitut Eawag. Seine Arbeit konzentriert sich auf die systemanalytische Untersuchung von Seen und Fliessgewässern unter Berücksichtigung physikalischer, chemischer und biologischer Prozesse.

Forschungsschwerpunkte sind menschliche Einflüsse auf Oberflächengewässer, die Wechselwirkungen zwischen Physik und Biogeochemie in Seen sowie die Auswirkungen des Klimawandels auf Gewässerökosysteme. Ziel ist ein verbessertes Verständnis komplexer aquatischer Systeme als Grundlage für nachhaltiges Gewässermanagement.

Besonders ins Gewicht falle dabei das ausgeprägte Schneedefizit in den Alpen. In normalen Jahren speichert die Schneedecke im Winter grosse Wassermengen, die im Frühling und Frühsommer schrittweise über die Schneeschmelze in die Zuflüsse und schliesslich in die Seen gelangen. Dieser saisonale Ausgleichseffekt sei in diesem Jahr deutlich geschwächt. «Entsprechend fehlt im System aktuell ein wesentlicher Beitrag zur Wasserbilanz», so Schmid.

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Bodensee gilt als sehr empfindlich

Hinzu kommt eine strukturelle Besonderheit des Bodensees: Er gehört zu den wenigen grossen Seen der Schweiz, deren Wasserstand nicht künstlich reguliert wird. Dadurch reagiert er unmittelbar auf meteorologische Schwankungen. «Der Bodensee ist deshalb deutlich empfindlicher gegenüber Trockenperioden als viele andere Schweizer Seen», erklärt Schmid. Während zahlreiche Seen über Regulierungssysteme stabilisiert würden, spiegle der Bodensee die natürliche Wasserverfügbarkeit im Einzugsgebiet direkt wider.

Drei Länder teilen sich den Bodensee – Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Im Vergleich dazu zeigen die meisten übrigen Schweizer Seen derzeit keine aussergewöhnlich tiefen Wasserstände. Auch aus ökologischer Sicht sieht Schmid beim Bodensee aktuell keine akute Krise der Wasserqualität. Ein niedriger Pegel betreffe vor allem die Uferzonen und deren Lebensräume, etwa Brut- und Laichgebiete oder Flachwasserbereiche, die temporär trockenfallen können.

Austrocknen sehr unwahrscheinlich

Schmid geht nicht davon aus, dass grosse Seen in der Schweiz aufgrund des Klimawandels langfristig austrocknen könnten. «Bei den meisten Seen ist das Zuflussvolumen über das Jahr hinweg deutlich höher als die Verdunstung von der Seefläche – ein vollständiges Austrocknen ist deshalb sehr unwahrscheinlich.» Anders verhalte es sich bei kleineren Gewässern in speziellen geologischen Lagen, insbesondere in Karstgebieten. Dort könne Wasser unterirdisch schneller abfliessen. Als Beispiel nennt Schmid den Lac des Brenets, der in der Vergangenheit bereits beinahe vollständig ausgetrocknet ist.

Grössere Herausforderungen des Klimawandels sieht der Forscher jedoch an anderer Stelle. Wichtiger als ein mögliches Austrocknen seien steigende Wassertemperaturen, längere Warmphasen und veränderte Durchmischungsprozesse in den Seen. Diese Faktoren könnten langfristig auch den Sauerstoffgehalt im Wasser beeinflussen und damit die gesamte Ökologie der Seen verändern.

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