Darum gehts
- In Gstaad streiten die Gemeinde Saanen und Conroy Widmer vom traditionsreichen Posthotel Rössli seit 2011 über ein Küchen-Abluftrohr an der Rückseite des Hauses
- Die Gemeinde rügt Gestaltung und Ausführung, verlangt einen eckigen beziehungsweise bei Umbauten innen geführten Kanal
- Weil Widmer bei einer geplanten Fassadensanierung am runden Rohr festhält, verweigert die Gemeinde die Bewilligung
Im Nobelort Gstaad hat der Zufall Hausverbot. Wo Weltstars wie Madonna ungestört ihren Kaffee schlürfen, gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Perfektion ist der Standard.
Wie streng die Gemeinde Saanen ihren Ästhetikanspruch durchsetzt, bekommt nun Conroy Widmer (55) am eigenen Haus zu spüren. Er ist Besitzer des Posthotels Rössli – und streitet sich seit 15 Jahren mit der Baubehörde – um ein Abluftrohr!
«Seit über 100 Jahren führt meine Familie den Betrieb. Es ist das älteste Gasthaus in ganz Gstaad», sagt der Hotelier im Gespräch mit Blick. 2008 übernahm Widmer das Haus in vierter Generation.
Dem Abluftrohr fehlt die «Gstaad-DNA»
Angefangen hat der Streit 2011: Das alte Abluftrohr der Küche leckte, Gäste beklagten sich über unangenehme Gerüche in ihren Zimmern. Widmer handelte rasch und montierte einen neuen Kanal über das Dach.
Doch das missfiel der Gemeinde Saanen. In einem Schreiben wandte sich diese an den Hotelier: Das Rohr sei zehn Zentimeter zu breit und sei eine «gesamtgestalterisch schlechte Lösung». Übersetzt: Das Rohr war zu hässlich für das noble Gstaad. Die Verwaltung sparte denn auch nicht mit Tadel: «Die Baukommission ist über Ihre Vorgehensweise enttäuscht.»
Trotz ihrer Enttäuschung verzichtete die Behörde auf eine Rückbauverfügung und bewilligte das Rohr nachträglich. Einzige Bedingung: Bei einem Umbau oder einer Erweiterung des Hotels müsse es ins Innere des Hauses verlegt werden.
2013 folgte die nächste Kontrolle – und der nächste Mängelbrief. Die Baukommission befand, dass «die Holzverkleidung bei der Herausführung der Lüftung nicht ‹Gstaad-like›» sei. Die Vorgabe: Der obere Teil der Verkleidung müsse im selben Farbton gestrichen werden wie der untere.
220'000 Franken für den Rohreinbau
Richtig ernst wurde es 2019, als Widmer sein Hotel auf der Südseite erweitern wollte. Die Gemeinde beharrte darauf, dass das Rohr im Gebäude verschwindet, wie 2011 angekündigt. Dagegen konnte sich Widmer wehren: «Mit allen Einschränkungen im Betrieb hätte uns das damals 220’000 Franken gekostet. Heute wäre es wahrscheinlich ein Vielfaches.»
Der Kompromiss: Die Installation eines eckigen statt runden Lüftungskanals, der unauffälliger an der Fassade anliegen soll.
Widmer stimmte zwar zu und zeichnete den eckigen Kanal auf den zu bewilligenden Plänen ein, setzte dies aber nie um.
«Das war ungeschickt», gesteht der Hotelier ein. Für das Bauvorhaben sei es damals aber zu spät gewesen, einen Rückzieher zu machen. «Und wir haben mit der eckigen Holzverschalung versucht, der Forderung der Gemeinde trotzdem gerecht zu werden.»
«Der Bauherr zeigte sich erneut uneinsichtig»
Heute ist die Situation verfahren. Anfang Jahr reichte Widmer ein Baugesuch ein, um die Fassade den neuen Brandschutzvorschriften anzupassen. Das runde Abluftrohr würde nach einer Wandsanierung deutlich weniger hervorstehen als bisher. Einen eckigen Kanal zu verbauen, lehnt er aber ab. «Der optische Unterschied wäre gering und der Aufwand gross», meint Widmer. Trotzdem stelle sich die Baubehörde quer: «Das Abluftrohr ist rund und sollte eckig sein. Erst wenn ich das entsprechend anpasse, wird mein Gesuch für die Fassadensanierung bewilligt», so Widmer.
In einem Schreiben an den Hotelier begründet die Baubehörde ihren Entscheid damit, dass das runde Rohr nie bewilligt worden sei. Auf den eingereichten Bauplänen sei ein eckiger Kanal vorgesehen gewesen. Dass die Behörde deswegen seine Sanierung nicht genehmigen will, ist für den 55-Jährigen nicht nachvollziehbar: «Für mich ist das Erpressung.»
In einer Stellungnahme gegenüber Blick betont die Behörde: «Der Bauherr zeigte sich uneinsichtig und verweigert grundsätzlich die Kooperation in dieser Sache.» Dennoch gibt man sich versöhnlich: «Es bleibt festzuhalten, dass die Gemeinde in dieser Sache mehr als bereit ist, Kompromisslösungen zu diskutieren und einer solchen auch schon zugestimmt hat.»
Mitte Oktober sitzen sich die Parteien erneut am Verhandlungstisch gegenüber. Bis dahin muss Gstaad wohl oder übel mit dem Makel in der Hintergasse leben.