Es geht um Waffen, Drogen, Mord und illegale Einwanderung sowie terroristisches Wirken – und doch erregte die Meldung von vergangenem Mittwoch keine grosse Aufmerksamkeit: Eine gemeinsame Task-Force von italienischen Strafverfolgungsbehörden und Interpol haben im Rahmen einer länderübergreifenden Razzia gegen eine türkische kriminelle Organisation 19 Verdächtige – darunter 17 Türken – festgenommen und zahlreiche Waffen sichergestellt. Laut der Bundesanwaltschaft haben Schweizer Behörden an der Razzia mitgewirkt. Das Resultat: zwei Verhaftungen, eine im Kanton Zürich, die andere im Kanton Aargau. Die beiden Männer befinden sich seither in Auslieferungshaft. Jetzt zeigen Blick-Recherchen: Hinter der unscheinbaren Meldung verbergen sich spannende Verbindungen zur internationalen Crime-Prominenz – mitunter zu Ex-Hells-Angel Ertan Y.* (36), der sich seit Mitte Mai vor dem Basler Strafgericht wegen diverser Straftaten verantworten muss.
Ertan Y. führte bis zu seiner Verhaftung Mitte Juni 2021 ein Leben in Saus und Braus. Er kennt die halbe Schweizer Fussball-Nati – mehrere Spieler gratulierten ihm gar zum Geburtstag – sowie deutschsprachige Rap-Stars und andere Sternchen. Während der U-Haft soll er sich Sex und sonstige Gefälligkeiten gegönnt haben. Doch jetzt könnte Ertan Y. für eine längere Zeit im Gefängnis landen. Die Vorwürfe: millionenschwerer Anlagebetrug, Geldwäscherei, illegales Geldspiel sowie Kindesmissbrauch. Die Staatsanwaltschaft fordert insgesamt 16 Jahre Freiheitsstrafe. Am Donnerstag um 16 Uhr soll das Urteil folgen.
Freunde von Ertan Y. und Kemal Z.
Bereits während des Prozesses zeigte sich, dass Ertan Y. einige Schwerkriminelle seine Freunde nennt. Gemäss Blick-Recherchen gehören auch die beiden aktuell verhafteten Männer – Mazlum A.* (40) aus dem Raum Zürich sowie Nazmi B.* (37) aus dem Fricktal im Kanton Aargau – zu seinen Bekannten: Beiden Männern werden in Italien verschiedene Delikte vorgeworfen, insbesondere Verstösse gegen das Waffengesetz. Beide werden mit der schwerkriminellen Gang rund um den türkischen Mafioso Baris Boyun in Zusammenhang gebracht, der sich bis kurz vor seiner Verhaftung im August 2022 ebenfalls in der Schweiz aufhielt. Im April 2023 wurde Boyun aus der Haft entlassen und stand seither unter Hausarrest – bis zur Razzia vom 22. Mai 2024.
Weiter sind die beiden in der Schweiz Verhafteten Freunde von Kemal Z.* (44), einem mutmasslichen Glücksspiel-Kriminellen, der gemäss einer Meldung der Kantonspolizei Zürich Mitte September 2023 zusammen mit weiteren Personen festgenommen wurde. Er sitzt noch in Haft und wartet auf seinen Prozess, wie Kommunikationsleiter Erich Wenzinger von der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft auf Blick-Anfrage bestätigt. Die drei Männer sind auf gemeinsamen Fotos zu sehen – so etwa an der Hochzeit von Nazmi B., an der Kemal Z. die Rolle des Trauzeugen einnahm.
Kemal Z. steht im Verdacht, der Betreiber von illegalen Glücksspielseiten wie solobet.com zu sein und schwere Geldwäsche betrieben zu haben. Für die Spieler soll gar eigens die dubiose Bezahlkarte Antepay entwickelt worden sein, wie Recherchen von Reflekt und SRF Investigativ zeigten. Auch der bei der Razzia verhaftete Mazlum A. soll mitgemischt haben. Solche Bezahlkarten fanden die Ermittler auch bei der Festnahme von Ertan Y. vor. Sie sind in der 52-seitigen Anklageschrift unter den beschlagnahmten Gegenständen gelistet. Ertan Y. erwähnt die beiden Männer gar in einer Instagram-Story von Ende Dezember 2019.
Yakins Luxus-Uhren und der Ex-Hells
Der Fall von Ertan Y. schlug bereits vor Prozessbeginn hohe Wellen: So liess er gemäss Anklage unter anderem für Nati-Star Breel Embolo gefälschte Covid-Zertifikate durch eine Jugend-Freundin in einem Labor erstellen. Auch sorgte ein Selfie von Nati-Trainer Murat Yakin, das der Beschuldigte Ertan Y. Anfang Januar 2020 auf seinen Instagram-Account publizierte, für Spekulationen. Unter anderem darauf zu sehen: die beiden mutmasslichen Kriminellen Ertan Y. und Kemal Z. sowie Murat Yakin, der damals noch Trainer des FC Schaffhausen war.
Mit dem Selfie konfrontiert, gab Yakin Ende April an, den Beschuldigten Ertan Y. nur flüchtig zu kennen. So sagte Yakin gegenüber der «Schweiz am Wochenende»: «Diese Person ist mir aus früherer Zeit bekannt, das Bild stammt aus dem Jahr 2020.» Ertan Y. habe damals aktiv den Kontakt zu Spielern und Trainern gesucht, so sei dieses Bild entstanden.
Inzwischen ist klar: Yakin geschäftete mit Ertan Y. Dies wurde ganz unerwartet am ersten Prozess-Tag aufgedeckt, als der Anwalt von Yakin vor dem Basler Strafgericht Uhren zurückforderte, die bei der Festnahme von Ertan Y. in der Wohnung seiner Mutter ebenfalls beschlagnahmt wurden.
In einem Interview mit der «NZZ» vom vergangenen Samstag präsentiert sich Yakin als ahnungsloser Geschädigter und präzisiert: Im Jahr 2020 hat er dem Beschuldigten sechs Luxus-Uhren überlassen, die dieser verkaufen sollte. Zwei davon soll Ertan Y. bereits vertickt haben. Deren Wert: rund 150'000 Franken. Geld, das nun zu Yakin fliessen soll. Der Schweizer Fussball-Natitrainer beteuert: Er habe weder mit den vorgeworfenen Verfehlungen gegen den Hauptbeschuldigten noch mit den Hells Angels etwas zu tun gehabt.
* Namen geändert