Darum gehts
- Betrunkener schiesst in Pratteln, Waffe versagt
- Opfer überlebten durch Ladehemmung der Waffe
- Schütze hatte 1,6 Promille im Blut
Was sich am 28. Juni 2022 in Pratteln BL abspielte, hätte in einem Blutbad enden können: Völlig betrunken griff Antonio M.* (heute 50) am späteren Abend zu seiner geladenen Glock 19 – eine halbautomatische, einfach bedienbare Pistole. Mit elf von fünfzehn möglichen Patronen im Magazin verliess der Italiener gegen 22.30 Uhr seinen Wohnblock und begab sich zum naheliegenden Bahnhof.
Laut Anklageschrift der Baselbieter Staatsanwaltschaft begann Antonio M. dort zunächst wahllos auf Passanten zu schiessen – über die Gleise hinweg aus rund 40 Metern Distanz. Er verfehlte sie, auch weil die Opfer Schutz hinter parkierten Fahrzeugen suchten.
Danach nahm Antonio M. eine Gruppe junger Menschen – darunter den zum damaligen Zeitpunkt 20-jährigen Firat C.** – aus nächster Nähe ins Visier. Dass diese Zufallsopfer überlebten, grenzt an ein Wunder. Denn als der Schütze abdrückte, streikte die Waffe!
«Der Typ wollte mich erschiessen»
In der Anklageschrift wird klar, wie viel Glück die Opfer hatten. Beschrieben ist etwa, wie der als «skrupellos» beschriebene Schütze sich direkt vor Firat C. stellte und mehrmals abdrückte.
Wie der junge Mann den Angriff erlebte, kann er leider nicht selbst berichten. Rund ein Jahr nach dem Vorfall am Bahnhof verstarb C. an einem medizinischen Problem.
Sein Bruder Müslüm C. (31)** erinnert sich jedoch noch genau daran, wie geschockt er war, als er vom Tötungsversuch an seinem jüngeren Bruder hörte: «Am Tag danach meinte ich zu ihm: ‹Hey, hast du vom Vorfall am Bahnhof gehört?› Und Firat meinte: ‹Abi, der Typ wollte mich erschiessen. Ich bin eines der Opfer›.» Zunächst sei es Müslüm schwergefallen, seinem Bruder zu glauben – bis er dessen Angst wahrnahm.
Firat habe ihm berichtet, dass der Beschuldigte zunächst an der Gruppe vorbeilief, so Müslüm C. «Dann machte er meinem Bruder ein Kompliment. Der Typ meinte zu ihm: ‹Du hast schöne Haare.› Mein Bruder bedankte sich und dachte sich nichts dabei. Laut Firat war der Typ sturzbetrunken.» Gemäss Anklage hatte Antonio M. rund 1,6 Promille im Blut.
«Ich dachte, das wars!»
Plötzlich habe der Beschuldigte angefangen, Firat C. als Terroristen zu beschimpfen. «Dann trat er zu meinem Bruder und versuchte, ihn abzuknallen», so Müslüm C. Firat sei starr vor Schreck stehengeblieben. Seinem Bruder habe Firat völlig aufgelöst erzählt: «Ich dachte, das wars! Der Typ lud die Waffe, ich machte die Augen zu, er drückte ab. Mehrmals. Doch es passierte nichts.»
Laut Anklage zielte Antonio M. danach auf zwei Freundinnen von Firat C. – und wollte sie aus naher Distanz per Kopfschuss töten. Doch wie Firat überlebten auch sie dank der Ladehemmung der Waffe.
Zudem richtete Antonio M. die Waffe auch mehrere Male gegen seinen eigenen Kopf und drückte den Abzug. Doch die Waffe klemmte weiterhin. Irgendwann ergab sich der Schütze der ausgerückten Polizei.
Antonio M. kam für dreieinhalb Monate in U-Haft und wurde danach unter Auflage von Ersatzmassnahmen entlassen. Unter anderem muss er sich einer ambulanten psychiatrischen Behandlung unterziehen und dem Alkohol fernbleiben.
Rasche Haftentlassung
Diese rasche Haftentlassung des Täters habe seinem Bruder zu schaffen gemacht, so Müslüm C. «Firat fühlte sich unsicher. Seine grösste Angst damals: Im Quartier auf den Täter zu treffen. Schliesslich wohnen wir alle in Pratteln.»
Müslüm C.s Wunsch: «Der Täter soll eine gerechte Strafe erhalten und diese dann auch wirklich absitzen.»
Joël Naef, der Anwalt von Antonio M., weiss von der Kritik zur Haftentlassung. Zu Blick sagt er: «Aus Sicht des Betroffenen ist dies sicherlich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Allerdings gilt es sich vor Augen zu halten, dass die U-Haft nicht einer vorweggenommenen Bestrafung dient.» Die Ersatzmassnahmen habe sein Mandant «sehr positiv» aufgenommen. «Insbesondere die Therapie hilft ihm sehr.» Sein Mandant setze sich intensiv mit dem Geschehen auseinander. «Er würde es gerne rückgängig machen. Die Situation belastet ihn und mit den Betroffenen hat er Mitgefühl.»
Waffe sei legal erworben
Was der Auslöser für die Tat war? «Darauf kann sich mein Mandant selbst keinen Reim machen», sagt Anwalt Naef. «Gemäss Gutachter war seine Schuldfähigkeit schwerwiegend eingeschränkt.»
Am Mittwoch muss sich Antonio M. vor dem Strafgericht in Muttenz verantworten – wegen mehrfach versuchter vorsätzlicher Tötung, Gefährdung des Lebens, Schreckung der Bevölkerung sowie mehrfacher Widerhandlung gegen das Waffengesetz, weil Antonio M. keine Waffentragbewilligung für die auf ihn registrierte Glock verfügte. Laut Anwalt Naef hat der Beschuldigte die Glock lange vor dem Vorfall legal in der Schweiz erworben. Blick ist an der Verhandlung dabei und berichtet live.
* Name geändert
** Namen bekannt