Darum gehts
- Stefanie B. wurde mutmasslich mit einer Betrugsmasche um 100 Franken gebracht
- Die Täterin – «Alexandra» – täuschte eine Notlage vor
- Polizei sieht keinen Straftatbestand, Opfer warnt vor ähnlichen Betrugsfällen
Stefanie B.* (22) aus Biel BE stellt sich seit dem 12. September immer wieder die gleiche Frage: «Warum nur habe ich einer wildfremden Frau so viel Geld geliehen, obwohl alle Alarmglocken geläutet haben?» Jetzt hat sich die Detailhandels-Lernende bei Blick gemeldet. Ihr Wunsch: andere junge Frauen warnen.
Blick hat B. am Bahnhof Biel getroffen, wo sie wohl über den Tisch gezogen wurde. Ihr ist die ganze Sache peinlich, weshalb sie nicht erkannt werden möchte. Nicht einmal ihren Eltern – die im Ausland leben – konnte sie das Geschehene gestehen.
Zierliche blonde Frau
Mitte September – an besagtem Samstag – besucht Stefanie B. eine gute Freundin. Sie fährt um 22 Uhr mit dem Zug zurück nach Hause. Sie steigt in Biel aus. Dann spricht eine zierliche blonde Frau Stefanie B. bei der Bushaltestelle an. «Sie wirkte überhaupt nicht wie eine Bettlerin», erinnert sich Stefanie B. «Sie war recht elegant gekleidet und sprach sehr freundlich. Sie gewann schnell meine Sympathie.»
Die Frau stellt sich als Alexandra vor. «Sie schmeichelte mir: Es sei so schön, dass ich Englisch sprechen könne. Dann tischte sie gleich ihre Geschichte auf.» Zusammengefasst: Ihre Mutter sei noch im Flugzeug, es dauere noch ganze sechs Stunden, bis diese da sei. Weil sie keine Internetverbindung habe, könne sie nicht mit dem Handy bezahlen. Sie brauche 105 Franken zum Übernachten im Hotel. Ihre Mutter habe Twint, diese würde das Geld Stefanie B. gleich am nächsten Tag überweisen – so Alexandra.
Komisches Gefühl
Stefanie B. ist so schrecklich müde. Sie willigt ein, Alexandra zu helfen. Sie gab der Frau eine Hunderternote und fünf Franken in Münz. «Ich hatte schon so ein Gefühl, dass es falsch war. Aber ich hatte auch Mitleid», sagt Stefanie B. «Alexandra gab mir die Nummer ihrer Mutter und ihre eigene.» Dann habe Alexandra sie umarmt und sei gegangen, so die Bielerin.
Dass das Geld verloren ist, wird schnell zur Gewissheit. «Ich schrieb der Nummer der angeblichen Mutter eine Whatsapp-Nachricht. Doch es stellte sich heraus: Das war gar nicht die Mutter, sondern ein weiteres Opfer von Alexandra» – Jenny G.*. Stefanie B. sagt: «Ich war schockiert.»
Im Gespräch mit Jenny G. wird Stefanie B. schnell klar: Es gibt weitere junge Frauen, die von Alexandra auf eine ähnliche Art und Weise angehauen wurden.
Stefanie B. konnte inzwischen zu mehreren Betroffenen Kontakt aufnehmen. «Eine Frau konnte den Ausweis von Alexandra fotografieren», sagt sie. Die Frau auf dem Bild würde der mutmasslichen Täterin zwar ähneln, mehrere Betroffene konnten sie identifizieren. Nur: Ob sie wirklich die Person auf dem Ausweis ist und ob dieser echt ist, bleibt ungesichert. Gemäss dem Dokument ist Alexandra aus Rumänien.
Ähnliche Masche auch im Aargau
Bereits im Februar berichtete Blick über einen ähnlichen Fall. Das damalige Opfer, Emilia Bühler (16), war am späten Abend auf dem Heimweg von ihrem Praktikum in der Gastronomie. Am Bahnhof in Baden AG zog eine Frau exakt die gleiche Masche bei der Teenagerin durch . Blick kontaktierte die Schülerin nun und zeigt ihr ein Bild von Alexandra: Auch Bühler erkennt die Frau auf dem Bild.
Bitter: Stefanie B. versuchte, auf dem Polizeiposten in Biel eine Anzeige gegen Alexandra einzureichen. «Weil ich das Geld freiwillig gegeben habe, will die Polizei nichts unternehmen», sagt Stefanie B. genervt.
Lisa Schneeberger, Sprecherin der Kantonspolizei Bern, bestätigt auf Blick-Anfrage: «Der Sachverhalt wurde als zivilrechtliche Angelegenheit beurteilt, da keine konkreten Anhaltspunkte für eine strafbare Handlung vorlagen.» Sie erklärt aber auch: «Sollten mehrere gleich gelagerte Fälle bekannt werden, könnten weitergehende Ermittlungen angezeigt sein.» Nur: Der Kantonspolizei Bern seien derzeit keine weiteren Meldungen bekannt.
Stefanie B. wendet sich an andere junge Frauen. Ihr Rat: «Gebt einfach niemandem so viel Geld, den ihr nicht kennt. Auch wenn ihr Mitleid habt und die Frau sehr sympathisch ist!»
* Namen geändert