Darum gehts
- Senioren ab 75 müssen alle zwei Jahre eine Fahreignungsprüfung machen
- Bericht kritisiert Tests als uneinheitlich und wenig aussagekräftig
- Forderung: Praktische Tests im realen Verkehr und ein Vier-Stufen-Modell für die Diagnostik
Freiheit, Mobilität, Selbstbestimmung – Autofahren ist für viele ein Lebensgefühl. Dieses kann jedoch häufig nicht bis ans Lebensende aufrechterhalten werden. Denn mit zunehmendem Alter oder aufgrund von kognitiven Störungen kann die Fahreignung abnehmen – oder ganz verloren gehen. Um das festzustellen, müssen Seniorinnen und Senioren ab 75 Jahren alle zwei Jahre eine Fahreignungsprüfung bei einem Arzt oder einer Ärztin absolvieren.
In einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft ist das besonders wichtig. Denn Senioren seien im Strassenverkehr besonders unfallgefährdet, so die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Unfallverletzung zu sterben, ist bei Ihnen besonders hoch. Meistens stellten sie jedoch nicht für andere, sondern für sich selbst die grösste Gefahr dar, so die Beratungsstelle. Regelmässige Fahrsicherheits-Checks seien unerlässlich.
Praktische Tests und Vier-Stufen-Modell
Doch eine Studie stellt die gängigen Fahreignungsprüfungen nun infrage – etwa bezüglich Verfahren, Einheitlichkeit oder Aussagekraft. Sie wurde im Auftrag des Bundesamts für Strassen von der Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit in Lausanne sowie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erarbeitet.
Autofahren sei eine komplexe Aufgabe, die auf diversen kognitiven Funktionen beruhe, heisst es im Bericht. Dies seien etwa die Konzentrations-, Koordinations- oder Verarbeitungsgeschwindigkeit. Doch «kognitive Tests alleine sind schlechte Indikatoren der tatsächlichen Fahreignung», so die Studienautoren. Daher seien beispielsweise praktische Beurteilungen im realen Strassenverkehr notwendig. Bei den heutigen Tests werden jedoch vor allem das Hör- und Sehvermögen sowie die kognitiven Fähigkeiten gemessen.
Des Weiteren gebe es keine klar definierten Kommunikationswege und Verantwortlichkeiten für Fachpersonen. Heute fehlten zudem Unterstützungsangebote, um die Fahreignung aufrechtzuerhalten oder dabei zu helfen, mit dem Autofahren aufzuhören. Ein Problem sei ferner die uneinheitliche Praxis. Es gebe Unterschiede nach Kanton, Sprachregion oder involvierter Berufsgruppe. Zudem fehle oftmals der Zugang zu qualifizierten Fachpersonen.
Doch die Studie benennt nicht nur Probleme – sie zeigt auch Lösungsansätze. Eine Möglichkeit zur besseren Diagnostik sei etwa ein Vier-Stufen-System, heisst es. Die Stufen reichen von «fährt sicher» bis hin zu «nicht geeignet». Im letzteren Fall müsse der Fahrausweis umgehend entzogen und auf andere Mobilitätsformen umgestiegen werden. Dazwischen gebe es eine «Grauzone». Wer in diese Kategorie falle, müsse eine Prüfung im realen Verkehr ablegen, so die Empfehlung. Heute gibt es nur ein zweistufiges Modell: geeignet oder nicht geeignet.
Zweifel am Testverfahren sind nicht neu
Kritik an den heutigen Fahreignungsprüfungen gab es schon früher. So veröffentlichte die BFU bereits 2023 eine Evaluation, in der sie das «Schweizer System» unter die Lupe nahm. Die ernüchternde Bilanz: Durch die regelmässigen medizinischen Kontrolluntersuchungen liess sich kein Gewinn für die Verkehrssicherheit nachweisen. Insbesondere konnte kein positiver Einfluss auf «schwere Unfälle von älteren PW-Lenkerinnen und PW-Lenkern» gezeigt werden.
Angesichts dessen sei der grosse Aufwand für die Untersuchungen «nur schwer zu rechtfertigen», hiess es damals. «Anpassungen am heutigen System scheinen angebracht». Dennoch hielt die BFU eine Abschaffung der Untersuchungen im Jahr 2023 für verfrüht. Erst 2019 wurde die Altersgrenze für die obligatorischen Fahreignungsprüfungen von 70 auf 75 angehoben.