Der Bund ist besorgt über die aktuelle Corona-Situation. Alle wesentlichen Parameter – Fallzahlen, Hospitalisationen, R-Wert, Positivitätsrate – zeigen in die falsche Richtung. «Die Lage ist sehr ungünstig und kritisch», sagte Patrick Mathys (52) vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Dienstag vor den Medien in Bern. Der Negativtrend werde sich in den kommenden Tagen und Wochen fortsetzen.
«Die Kantone sollen jetzt reagieren», sagte Mathys. Die steigenden Inzidenzen in der Zentral- und Ostschweiz zeigten zudem den deutlichen Zusammenhang auf zwischen dem niedrigen Grad der Durchimpfung und den hohen Fallzahlen.
Einschneidende Massnahmen nicht ausgeschlossen
«Es sind die kleinen Dinge, die wir jetzt tun können», sagte Mathys. Er erliess zum wiederholten Mal den Aufruf, die Hygienemassnahmen einzuhalten und sich doch noch fürs Impfen zu entscheiden. Sonst seien strengere und einschneidendere Massnahmen in einigen Wochen nicht zu verhindern.
Sorge bereitet dem Bund insbesondere die klare Zunahme bei den Spitaleinweisungen. Die Gesamtauslastung der Intensivbetten liege zwar noch bei 70 Prozent. Der Anteil von Covid-Patienten nehme aber stetig zu. In der kommenden Woche könnten bereits wieder über 200 Schwerkranke auf Intensivstationen liegen, wie Mathys festhielt.
Gemäss der wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce droht der Schweiz gar ein Szenario, wie es derzeit Österreich erlebt. Dies sagte Taskforce-Präsidentin Tanja Stadler (40) vor den Medien.
Hoffnung liegt auf dem Booster
Bremsen könnte das unter anderem der Booster. Demnach könnten rund die Hälfte der Hospitalisierungen durch eine Impfung verhindert werden, die andere Hälfte durch die Drittimpfung.
Die Heilmittelbehörde Swissmedic hat am Dienstagvormittag die dritte Dosis von Pfizer/Biontech für alle Menschen ab 12 Jahren zugelassen. Bevor die Kantone allerdings damit beginnen, die breite Bevölkerung zu boostern, warten sie auf die offizielle Empfehlung der Impfbehörden. Von Moderna befinde sich bei Swissmedic ebenfalls ein Gesuch in Bearbeitung befinde, sagte Mathys.
200'000 Menschen bislang geboostert
Wann die Booster-Impfung dann für die breite Bevölkerung verfügbar sein wird, dürfte je nach Kanton unterschiedlich sein. Mathys sagte aber: «Wir gehen davon aus, dass bereits in diesem Jahr in einem Grossteil der Kantone die Auffrischimpfung für Personen unter 65 Jahren zur Verfügung stehen wird.»
Bislang haben sich in der Schweiz etwas über 200'000 Menschen über 65 Jahre boostern lassen. Insgesamt fallen rund 1,2 Millionen Menschen in diese Alterskategorie.
Booster schützt Junge und Alte
Taskforce-Präsidentin Tanja Stadler wies auf die Wichtigkeit des Boosters hin. Dieser könne 10'000 bis 20'000 Spitaleinweisungen bei den über 70-Jährigen verhindern. Doch wie ist es bei den Jüngeren? Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte der Präsident der Impfkommission, Christoph Berger, gesagt, der Impfschutz nehme bei ihnen nicht ab, weshalb sie auch keinen Booster benötigten.
Tanja Stadler erklärte, dass die Impfung zwei Schutzwirkungen habe: Zum einen schütze sie vor Spitaleinweisungen und zum anderen vor Ansteckungen. Während der Schutz vor einer Spitaleinweisung nur bei älteren Menschen merklich sinke (von ungefähr 95 auf rund 80 Prozent), sinke der Schutz vor einer Ansteckung unabhängig vom Alter sechs Monate nach der Impfung von 95 auf rund 50 Prozent. Stadler sagt: «Mit der Auffrischimpfung können die 50 Prozent wieder auf 95 Prozent gehoben werden. Und der Schutz der Ältesten vor einer Spitaleinweisung von 80 auf 95 Prozent.» (til)