Strombranche warnt
«Ohne rasches Handeln droht der Schweiz eine Versorgungslücke»

Die Schweiz verfehlt die Versorgungsziele für den Strom, die sie sich selbst für 2035 und 2050 gesetzt hat. Ändert sich nichts, sei die Versorgungssicherheit gefährdet, warnt die Branche. Doch ganz so einfach ist das nicht.
Kommentieren
1/5
Die Schweiz könnte die eigenen Ziele, die sie sich für den Energiebedarf gesetzt hat, verpassen.
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Schweiz verfehlt Energieziele für 2035 und 2050 deutlich, warnt Verband
  • Steigende Stromnachfrage durch Elektroautos und Rechenzentren übertrifft Erwartungen
  • Nur 69 Punkte von 100 für Versorgungssicherheit im Jahr 2050
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
RMS_Portrait_AUTOR_401.JPG
Tobias BruggmannRedaktor Politik

Es ist noch nicht lange her, da drohte der Schweiz ein veritabler Strommangel. Nach dem Einmarsch von Russland in die Ukraine im Frühjahr 2022 wurde in der Schweiz die Energie knapp.

Zwar blieben die düsteren Szenarien aus, doch der Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen (VSE) warnt: Die Schweiz verfehle die gesetzlichen Versorgungsziele für 2035 und 2050 deutlich. Der Verband hat ein Frühwarnsystem entwickelt. 100 Punkte sind das Ziel – für 2035 erreicht die Schweiz 82 Punkte, 2050 sind es gar nur 69 Punkte.

Verbrauch steigt stärker als erwartet

Der Grund dafür liegt in der steigenden Stromnachfrage und dem AKW-Ausstieg ab 2040. Zwar läuft die Stromnachfrage momentan noch nach Plan. «Der Verbrauch steigt aber stärker als vom Bund bisher erwartet», heisst es in einer VSE-Mitteilung. Die Ursache: immer mehr Elektroautos und neue Rechenzentren. 

Der Ausbau von Wind- und Wasserkraftanlagen oder Solaranlagen in den Alpen stockt. Die Solaranlage auf dem heimischen Hausdach hingegen liefert im Winter zu wenig Strom. «Die Vorgaben des Stromgesetzes werden deutlich verfehlt», so der VSE weiter. 

Tatsächlich stockt der sogenannte Solarexpress, der im Nachgang zur Energiekrise 2022 im Eilzugstempo eingeführt wurde. Bislang liefern nur wenige Anlagen Strom. Das Ziel von zwei Terawattstunden Strom wird nicht annähernd erreicht werden. 

Insbesondere deshalb, weil es ab 2045 mehr Strom braucht. Dann werden voraussichtlich die letzten beiden Schweizer Kernkraftwerke stillgelegt. Und von den 16 Wasserkraftprojekten, die dank des Stromgesetzes schneller gebaut werden, werden viele verkleinert oder vorläufig nicht mehr weiterverfolgt. 

Braucht es neue Kernkraftwerke?

«Die Ergebnisse sind ein Weckruf: Ohne rasches Handeln droht der Schweiz eine Versorgungslücke – vor allem im Winter», lässt sich VSE-Direktor Michael Frank zitieren. «Wir brauchen Tempo beim Ausbau von Produktion, Speichern und Netzen, sonst wird die Energiewende zur Versorgungskrise.» Dafür müsse insbesondere die Akzeptanz für die Windkraft erhöht werden, und es brauche Lösungen für neue Wasserkraftwerke. Gleichzeitig sollten neue Gaskombikraftwerke und ein Langzeitbetrieb von Kernkraftwerken geprüft werden. 

Im Fokus ist für die Branche auch das Stromabkommen mit der EU. Immer wieder wirbt der Verband in seiner Mitteilung für das Abkommen. Ohne dieses sei der Stromimport über die Grenzen hinaus limitiert. Ebenso äusserte sich der Verband in der Vernehmlassung kritisch: Die Auflagen für die Betriebe seien viel zu hoch. Mit dem Stromabkommen muss auch der Strommarkt liberalisiert werden.

Gleichzeitig dürfte 2026 auch die Diskussion über neue Atomkraftwerke Fahrt aufnehmen. Das Parlament wird den Gegenvorschlag zur sogenannten Blackout-Initiative diskutieren. Damit sollen wieder neue Kernkraftwerke möglich werden, so der Vorschlag von Energieminister Albert Rösti (58, SVP). Doch ob diese bis 2050 gebaut sind, ist fraglich. Denn höchstwahrscheinlich braucht es dafür Fördergelder des Bundes. Gleichzeitig will der zuständige Rösti neue Wasserkraftprojekte prüfen.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen