Wie teuer wären neue Schweizer Atomkraftwerke? Schon heute wird heftig über diese Frage gestritten, noch lange bevor die Bevölkerung über die Aufhebung des Neubauverbots entscheidet. Die Schätzungen liegen Milliarden auseinander. Wissenschaftliche Institutionen füttern mit ihren Argumenten beide Lager in der politischen Auseinandersetzung. Doch wie klar trennen ihre Forscher wissenschaftliche Expertise und Interessenvertretung?
Ein E-Mail vom Dezember 2025, das Blick vorliegt, zeigt, wie eng die Rollen zusammenliegen können – oder gar vermischt werden. Absender ist Luca Baldini (49), Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Zu seinen Schwerpunkten gehören erneuerbare Energien. Daneben ist er Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats von AEE Suisse, dem Dachverband der Wirtschaft für erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Der Verband lehnt sowohl die Blackout-Initiative als auch den Gegenvorschlag zur Aufhebung des AKW-Neubauverbots ab.
Die Cheflobbyistin im CC
Als Vertreter von AEE Suisse sitzt Baldini in einer Expertengruppe des Bundes zu den neuen Energieperspektiven. Im erwähnten Mail an das Bundesamt für Energie (BFE) übt er sanften Druck aus, dass ein Papier des Verbands in der Modellierung berücksichtigt wird. Er übermittelt es «mit der Bitte, dies intern im BFE zu verteilen». «Wesentliche Positionen seitens AEE Suisse» habe er «bereits in der Sitzung einbringen» können, schreibt er zum Erfolg seiner Mission. Im Verteiler steht auch die Cheflobbyistin des Verbands.
Dass Baldini Anliegen von AEE Suisse vertritt, legt er offen – allerdings verschickt er das Mail über seine offizielle ZHAW-Adresse. Spricht hier der Verbandsvertreter oder der öffentlich bezahlte Hochschulforscher?
Für die ZHAW ist der Spagat kein Problem. «Bei der AEE Suisse ist Luca Baldini als Vertreter der ZHAW», teilt die Medienstelle auf Anfrage mit. Zugleich handle es sich um Freiwilligenarbeit ausserhalb seines Leistungsauftrags an der Hochschule.
Reglement fordert politische Unabhängigkeit
Auch die Verwendung der Hochschuladresse begründet die ZHAW mit seiner wissenschaftlichen Funktion. Baldini verweise «in seiner akademischen Rolle» auf das Positionspapier des Wissenschaftlichen Beirats. «Um diese erkennbar zu machen, hat er seine ZHAW-Adresse verwendet.»
Das Papier analysiere das Schweizer Energiewesen und stütze sich auf wissenschaftliche Arbeiten der ETH Zürich sowie zahlreicher weiterer Forschungsinstitutionen. Es bilde «eine solide wissenschaftliche Grundlage für die Betrachtung des Schweizer Energiesystems».
Dabei hat sich die Hochschule in ihrem Reglement ausdrücklich zur politischen Unabhängigkeit verpflichtet. In ihrer «Policy ZHAW und Politik» heisst es: «Die ZHAW als Institution wahrt ihre politische Unabhängigkeit in allen Belangen und verzichtet auf politische Stellungnahmen und auf Lobbyarbeit für politische Parteien oder Bewegungen.»
Engagement «ausdrücklich erwünscht»
Auch da heisst es vonseiten der Fachhochschule: No problem. Die Policy verpflichte die ZHAW bloss zur politischen Zurückhaltung. Ihre Mitarbeitenden dürften sich als Privatpersonen politisch engagieren und ihre wissenschaftliche Expertise auch Verbänden und anderen Organisationen zur Verfügung stellen. «Das ist ausdrücklich erwünscht.»
Baldinis Vorgehen steht damit für die Hochschule im Einklang mit ihrer politischen Unabhängigkeit. Die Abgrenzung der Rollen bleibt dennoch erklärungsbedürftig: Im Verband vertritt er laut ZHAW die Hochschule, sein Engagement liegt aber ausserhalb seines Leistungsauftrags. Gegenüber dem Bund bringt er Positionen des Verbands ein – mit einer Mailadresse, die seine akademische Rolle unterstreichen soll.
Zwei Rollen hat Baldini also auch nach Darstellung der ZHAW inne. Wo die eine aufhört und die andere anfängt, ist damit so unklar wie die Kostenangaben für neue AKW.