Darum gehts
- Rolex errichtet in Bulle FR für eine Milliarde Franken ein Megawerk
- Flugverbotszone bis 2032 wegen Drohnen und Sicherheitsbedenken eingerichtet
- Mehr Drohnenschutz: Nachfrage privater Firmen stieg seit 2024 deutlich an
Kein Konzern in der Schweiz hütet seine Geheimnisse so akribisch wie Rolex. Hohe Zäune, modernste Zugangskontrollen und Diskretion gehören seit jeher zum Markenkern des Luxusuhren-Giganten. Doch der Schutz der eigenen Betriebsgeheimnisse spielt sich längst nicht mehr nur am Boden ab: Rolex blickt zusehends nervös in den Himmel.
In Bulle FR baut Rolex für rund eine Milliarde Franken ein neues Megawerk für 1000 Angestellte. Für die Baustelle hat der Uhren-Gigant bei den Behörden eine offizielle Flugverbotszone erwirkt. Bis Ende 2032 dürfen Drohnen unter 30 Kilogramm das Areal nicht mehr überfliegen.
Der Grund: eine «besorgniserregende Zunahme» von Drohnensichtungen. Die Sorge vor illegalen Fotoaufnahmen und Sicherheitsrisiken ist gross – zumal auf der Baustelle bereits im Mai 2025 Einbrecher Material im Wert von über 100'000 Franken entwendet haben. Die Polizei ist nun ermächtigt, unbefugte Flugobjekte abzufangen und zu beschlagnahmen.
Nach Informationen von Blick beschränkt sich die Sorge des Konzerns aber nicht nur auf Freiburg: Auch am Hauptproduktionsstandort in Biel BE befasst sich Rolex mit konkreten Massnahmen zur Drohnenabwehr. Der Konzern hat erkannt: Wer seine Betriebsgeheimnisse schützen will, darf den Blick nicht mehr nur auf Zäune und Torschranken richten.
Die Privatwirtschaft rüstet auf
Was bei Rolex sichtbar wird, ist Teil einer Entwicklung, die im Stillen die Schweizer Wirtschaft erfasst. Während die öffentliche Debatte meist über Drohnensichtungen an Flughäfen oder militärische Bedrohungen im Kontext des Ukraine-Kriegs geführt wird, wappnet sich die Schweizer Privatwirtschaft eigenständig: Längst werden nicht mehr nur Militäranlagen oder Kraftwerke mit Technologie zur Drohnenabwehr hochgerüstet.
Die Detektion von Drohnen, also die Überwachung des Luftraums über einem Areal, ist auch im zivilen Bereich auf dem Vormarsch. Das bestätigt die Swisscom: Der Telekom-Riese bietet mit «Drone Defence» spezielle Schutzsysteme an. Die Nachfrage von privaten Firmenkunden habe in den letzten 12 bis 24 Monaten spürbar zugenommen. Andere Schweizer Dienstleister halten sich dagegen bedeckt.
Anders die deutsche Sicherheitsfirma Hensec. Inhaber Kevin Heneka berät Unternehmen zum Thema Drohnenschutz – vermehrt auch aus der Schweiz. Heneka betont, die Gefahr für Unternehmen sei real. Es gehe um den Schutz vor Wirtschaftsspionage, Sabotage oder Erpressung. Doch die technischen Möglichkeiten würden nach wie vor gewaltig unterschätzt.
Lasermikrofone und Datenklau
Flugobjekte überfliegen Firmengelände unauffällig, zählen LKW-Lieferungen, erfassen Bluetooth-Signaturen von Fahrzeugen und dokumentieren, wer das Areal wann betritt. Spionagedrohnen haben aber nicht nur Augen, sondern auch Ohren: Sitzungszimmer von Führungsetagen liegen – wegen der Repräsentation – oft weit oben und sind mit grossen Fensterfronten gestaltet. Mittels Lasermikrofonen an einer schwebenden Drohne lassen sich Gespräche direkt durch die Fensterscheiben hindurch abhören.
Hinzu kommt, dass entsprechend ausgerüstete Drohnen Daten abgreifen können, indem sie nahe an Gebäude heranfliegen, um Lücken im WLAN- oder Firmennetzwerk auszunutzen. Heneka warnt davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen: «Wird ein Gebäude physisch geschützt, ist es zwar relativ kompliziert, jemanden auf ein Werksgelände oder in ein Gebäude hineinzubringen. Mit Drohnen passiert das aber unsichtbar.»
Warum reine Detektion Gold wert ist
Nun dürfen Privatfirmen in der Schweiz nicht einfach Störsender, sogenannte Jammer, einsetzen oder Drohnen vom Himmel holen. Die aktive Abwehr ist rechtlich streng reguliert und den Behörden vorbehalten. Doch warum investieren Firmen trotzdem hohe Summen in reine Detektionssysteme?
Die Antwort: Wer weiss, dass er beobachtet wird, kann gezielt reagieren. Die reine Erfassung des Luftraums schützt Unternehmen bereits effektiv, wenn sie mit dem Sicherheitskonzept verknüpft wird. Schlägt das System bei einer fremden Drohne Alarm, fahren im Konferenzraum sofort die Jalousien herunter. Gleichzeitig schirmt die IT gefährdete WLAN-Netze ab.
Zum Einsatz kommen Radiofrequenz-Scanner, Radar und optische Kameras. Funksignale werden gemessen und analysiert. «Mithilfe von spezifisch trainierten KI-Modellen kann relativ zuverlässig erkannt werden, ob es sich bei den Funksignalen um Drohnen handelt und um welches Modell», erklärt Matthias Nyfeler. Als ZHAW-Dozent untersucht er den Einsatz von KI, um Drohnen detektieren zu können – auch im Auftrag von Armasuisse. «Man kann sich das vorstellen wie KI, die in einem Bild erkennt, ob es ein Tier enthält und ob es sich dabei um eine Katze oder einen Hund handelt», so Nyfeler.
Taucht exakt dieselbe Drohne an einem Tag an Standort A und am nächsten Tag am Standort B desselben Konzerns auf, ist das kein Zufall mehr. Sicherheitsexperte Heneka: «Dann weiss ich: Jemand hat etwas vor.» Erst die Detektion liefert Firmen die nötigen Beweise, um Sicherheitskonzepte anzupassen oder die Behörden einzuschalten.
Rolex äussert sich nicht
Mit den Recherchen zu möglichen Drohnenschutzmassnahmen am Standort Biel konfrontiert, hält sich Rolex gewohnt bedeckt. Das Unternehmen messe der Sicherheit von Mitarbeitenden, Aktivitäten und Informationen zwar höchste Bedeutung bei und bewerte die Risikoentwicklung regelmässig neu. Aus Vertraulichkeitsgründen kommentiere man jedoch keine operativen Schutzmassnahmen oder Abläufe.
Ein Dementi klingt anders. Das verschwiegenste Unternehmen der Schweiz mag zu den Details schweigen – den Himmel über seinen Fabriken lässt der Uhren-Gigant aber kaum mehr aus den Augen.