Schweizer Prominente wehren sich gegen KI-Giganten
«Ich fühle mich bestohlen»

Von Melanie Oesch bis Peter Stamm – Schweizer Kulturschaffende wehren sich gegen KI-Firmen. Sie fordern von der Politik, dass ihre Werke besser geschützt werden. Doch das Thema ist heikel, nicht zuletzt wegen Trump.
Publiziert: 30.08.2025 um 20:32 Uhr
|
Aktualisiert: 30.08.2025 um 21:16 Uhr
Teilen
Anhören
Kommentieren
1/5
Der Schriftsteller Peter Stamm sagt, mindestens 22 seiner Bücher seien von KI missbraucht worden.
Foto: Thomas Meier

Darum gehts

  • Schweizer Kulturschaffende fordern Schutz vor KI-Missbrauch ihrer Werke
  • Politischer Vorstoss für Urheberrechtsschutz und Vergütungspflicht für KI-Anbieter
  • Über 390 Kulturschaffende unterzeichneten Appell gegen US-Techgiganten
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
RMS_Portrait_135 (1).jpg
Robin BäniRedaktor

Die Schweizer Kulturszene hat genug. Musikerinnen, Schauspieler, Autorinnen, Filmemacher, Illustratorinnen – über 650 Kulturschaffende haben einen Appell unterzeichnet. Das Schreiben richtet sich gegen die US-Techgiganten, gegen den KI-Goliath, der sich im Silicon Valley aufbäumt. Und die Kulturbranche will sich wehren, sie bittet die Schweizer Politik um Rückendeckung. Konkret fordern die Kreativen, dass Bundesbern ihre Existenzgrundlage schützt.

Entstanden ist eine ungewöhnliche Allianz voller bekannter Gesichter. Unterschrieben haben etwa der Zürcher Sänger Marc Sway (46), Jodlerin Melanie Oesch (37), die Walliser Liedermacherin Sina (59), Gotthard-Bassist Marc Lynn (61) oder der preisgekrönte Schriftsteller Peter Stamm (62). Gemeinsam stellen sie sich gegen all die Maschinen, die ihre Werke verschlingen, wiederkäuen, ausspucken und damit Geld verdienen.

Schriftsteller Stamm bringt die Wut vieler auf den Punkt: «Ich fühle mich bestohlen», sagt er zu Blick. Im Internet kursiert eine Liste, gemäss der mindestens 22 seiner Bücher in verschiedenen Sprachen für das Training von KI missbraucht worden sind. «Das ist ganz einfach ein Bruch des Urheberrechts, also letztlich Diebstahl», so Stamm. Doch als Einzelner könne er gegen den «Missbrauch der Weltkonzerne» kaum etwas ausrichten.

Kunst als Freiwild?

Sängerin Sina spricht von «Enteignung», wenn KI-Modelle ungefragt auf ihre Musik zugreifen. «Das kann ich nicht gut finden.» Ohne klare Rahmenbedingungen werde Kunst zum Freiwild. Jodlerin Melanie Oesch wiederum betont die Symbolkraft: «Es geht darum, im Kampf gegen KI-Piraterie ein Zeichen zu setzen.» Und Marc Sway, eigentlich begeisterter Techfan, der KI täglich nutzt, findet: Die Gesellschaft müsse sich darüber Gedanken machen, wem was gehöre, «und nicht einfach dem Nachbarn ungefragt die Äpfel klauen».

Initiiert wurde der Aufruf von der «KI-Allianz Kreativwirtschaft» (KIK). Die Interessengemeinschaft schreibt, «die Grundlage des kulturellen Lebens» sei bedroht. Geistiges Eigentum werde missachtet, die wirtschaftliche Basis der Kreativen untergraben.

Die Hoffnung der Kulturschaffenden ruht auf einem politischen Vorstoss, einer Motion, die FDP-Ständerätin Petra Gössi lanciert hat. Gössi zielt darauf ab, urheberrechtlich geschützte Werke umfassend zu schützen, Rechtssicherheit zu schaffen und eine Vergütungspflicht für KI-Anbieter einzuführen. Journalistische Inhalte wären ebenfalls betroffen. Deshalb unterstützt der Verlegerverband Schweizer Medien die Motion. Mitglied des Verbands ist auch das Medienhaus Ringier, das den Blick herausgibt.

Und dann kam Trump

Zu Beginn hätte niemand gedacht, dass die Motion abgelehnt werden könnte. Der Bundesrat hat seine Unterstützung ausgesprochen, und der Ständerat hat den Vorstoss im März einstimmig angenommen. Doch dann kam Donald Trump mit seinem Zollhammer. Seither versucht Bern fieberhaft, die 39 Prozent Zollsatz zu senken und die Wogen in Washington zu glätten. Eine Annahme von Gössis Vorstoss käme da ungelegen. Der US-Präsident hat Staaten, die amerikanische Techfirmen regulieren, wiederholt mit harten Massnahmen gedroht. Diese Woche stellte der US-Präsident Zusatzzölle für Länder in Aussicht, die US-Techfirmen aus seiner Sicht «diskriminieren».

Kommende Woche tagt die zuständige Nationalratskommission zum Thema KI-Regulierung. Am 10. September kommt das Geschäft dann im grossen Rat zur Abstimmung. Angesichts der neuen Umstände bleibt es spannend, wofür sich das Parlament entscheidet: Kreative zu schützen oder Trump zu besänftigen.

Und als wäre die Lage nicht schon explosiv genug, haben Mitte August auch die Wissenschaftler das Wort ergriffen. 92 führende KI-Forschende von ETH Zürich und EPF Lausanne äusserten sich alarmiert. Gössis Motion, so warnen sie, könnte fast einem «Ende der KI-Forschung» gleichkommen. Selbst die EU habe mildere Regeln erlassen. Die Schweiz drohe, sich selbst vom Thron des «Innovations-Champions» zu stossen.

Das Duell ist damit eröffnet: Kultur gegen Tech, Kreative gegen Forscher, Bern gegen Washington.

Teilen
Fehler gefunden? Jetzt melden
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen
      Meistgelesen