Darum gehts
- Spreitenbach bleibt unter 33 Prozent
- Schaffhausen dominiert, gestützt von 6 Franken Busse
- Hettlingen erreicht bei grossen Gemeinden 65 Prozent
Wenn die Schweiz abstimmt, interessiert das in Spreitenbach AG nicht einmal ein Drittel der Stimmbevölkerung. Die Aargauer Gemeinde ist damit eine der abstimmungsfaulsten der Schweiz. Nur Schelten BE, wo zwei Drittel der Stimmberechtigten im Ausland leben, und Les Verrières NE, ein kleines Dorf an der französischen Grenze, schneiden noch schlechter ab. Dies zeigt die Auswertung der Stimmbeteiligung über die letzten drei Jahre, die Blick gestützt auf Daten des Bundesamts für Statistik vorgenommen hat.
Die Abstimmungsfaulheit in Spreitenbach sei ein bekanntes Phänomen, sagt Markus Mötteli (67), der Gemeindepräsident. Die Gründe dafür zu verstehen, sei jedoch schwierig. Auch auf lokaler Ebene seien es wenige, dafür sehr engagierte Leute, die sich politisch interessierten. «Da viele nur für kurze Zeit hier wohnen, ist es natürlich schwierig, eine Identifikation mit der Gemeinde aufzubauen», sagt Mötteli.
Spreitenbach liegt zwar im Kanton Aargau, gehört aber zum Grossraum Zürich. Entsprechend viele seien sehr nach Zürich orientiert, sagt Mötteli. Dennoch bemühe sich die Gemeinde, mehr Menschen in Spreitenbach in das politische Geschehen einzubeziehen: «Wir versuchen schon, die Leute besser zu informieren und sie zum Mitdiskutieren anzuregen, beispielsweise bei Veranstaltungen mit der Bevölkerung. Eine Trendumkehr ist jedoch schwierig.»
Die Agglo hat keine Lust auf die Urne
Spreitenbach ist nicht die einzige Gemeinde in der Zürcher Agglomeration, die mit diesem Problem konfrontiert ist. Auch Opfikon ZH, Neuenhof AG, Schlieren ZH und Oberglatt ZH schneiden bei der durchschnittlichen Stimmbeteiligung schlecht ab. Allein an der Lage kann es jedoch nicht liegen. Die Gemeinden Trub BE und Eggiwil BE liegen weit weg von der Zürcher Agglomeration im Emmental – und auch dort ist die Stimmbeteiligung schwach.
Am anderen Ende der Liste sticht ein Kanton besonders hervor: Schaffhausen. Von den 15 politisch engagiertesten Gemeinden liegen 13 im Kanton Schaffhausen. Das ist zwar auffällig, aber nicht überraschend. Denn wer dort nicht zur Urne geht, muss eine Busse von 6 Franken bezahlen. Das ist nicht viel, bringt aber offenbar viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger an die Urne.
Mit den Schaffhauser Gemeinden können nur ein paar Mini-Gemeinden mithalten. Das Walliser 200-Seelen-Dorf Ergisch ist mit 74 Prozent Stimmbeteiligung Spitzenreiter unter den Nicht-Schaffhausern.
Hettlingen ZH bestimmt gerne mit
Blickt man auf die Gemeinden mit mehr als 1000 Einwohnern, erzielt das zürcherische Hettlingen den Spitzenwert. In den letzten drei Jahren gingen dort im Schnitt 65 Prozent der Stimmbürger an die Urne. Das ist fast doppelt so viel wie in Spreitenbach. Woher diese hohe Stimmbeteiligung stammt, kann man in Hettlingen nicht genau sagen. Gemeindeschreiber Matthias Kehrli (52) nennt gegenüber Blick mögliche Faktoren: «Die Bevölkerungsstruktur könnte eine Rolle spielen, etwa der hohe Anteil an Personen mit selbstbewohntem Wohneigentum.»
Auch bei kommunalen Themen sei die Stimmbeteiligung aus der Bevölkerung hoch. Ob dies am Wohneigentum, an der transparenten Kommunikation der Gemeinde oder etwa am aktiven Vereinsleben in der Gemeinde liege, kann Kehrli nicht beurteilen. Im Wahlbüro sei unabhängig davon eine andere Tendenz aufgefallen: «Das Wahlbüro hat mehrfach beobachtet, dass die Ja- und Nein-Anteile in Hettlingen nahe am kantonalen oder schweizweiten Gesamtergebnis liegen.»
Reich wählt oft
Nach Hettlingen tauchen einige weitere Zürcher Gemeinden unter den Spitzenreitern auf. Zumikon ZH, Uitikon ZH, Herrliberg ZH und Erlenbach ZH gehen alle fleissig zur Urne.
All diese Gemeinden zeichnen sich durch Stadtnähe, einen tiefen Steuerfuss und die hübsche Aussicht aus. Entsprechend ziehen sie eher wohlhabende Zuzüger an, und dies dürfte die Stimmbeteiligung beeinflussen.
Röstigraben im Städtevergleich
Nur 20 Städte in der Schweiz haben mehr als 20’000 Stimmberechtigte. Unter ihnen ist wenig überraschend Schaffhausen am fleissigsten: Im Schnitt gingen dort zwei Drittel der Stimmberechtigten an die Urne.
Danach folgen einige weitere Deutschschweizer Zentren. So sind Uster, Bern, Basel und Zürich ganz vorne mit dabei. In der Romandie kommt beim Stimmverhalten etwas mehr Laissez-faire-Stimmung auf. Biel BE, La Chaux-de-Fonds NE, Neuenburg und Sitten BVS sind die Städte mit den stimmfaulsten Bürgern.