Darum gehts
Deutschschweizer Rekruten schikanierten welsche Kollegen in der Kaserne Payerne VD
- Rassistische und gewalttätige Posts führten zu Geldbussen und Bewährungsstrafen
- 10 Prozent der Rekruten erlebten rassistische Vorfälle laut einer Umfrage
Es begann mit einem Streit zwischen Deutschschweizer und welschen Rekruten. Deutschschweizer Rekruten korrigierten in der Kaserne Payerne VD die Kleidung ihrer welschen Kollegen, was diese gar nicht goutierten.
Auf das Wortgefecht folgte Mobbing, es endete mit Rassismus. Ein Rekrut aus der Deutschschweiz verschickte im Whatsapp-Gruppenchat «Zug Dütschschwitzer» ein Video, in dem einer der dunkelhäutigen Westschweizer Rekruten tanzte. «Scheiss N…» schrieb er dazu. Dann kam die Beschimpfung «Hurensohn».
«... gerade noch als leicht einzustufen»
Und schliesslich überschlagen sich die Nachrichten im Chat für einen kurzen Moment: ein aufgeschlitzter weiblicher Torso, der von einem schwarzen Penis penetriert wurde, ein Schalthebel eines Autos in der Form eines Hakenkreuzes, ein Bild des deutschen Nazi-Diktators Adolf Hitler und der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei Hitler stand «Gute Zeiten», bei Merkel hiess es «schlechte Zeiten». Und dann kam noch ein Bild eines Hitlergrusses.
Für seine Bildposts mit «gewalttätigen, rassistischen, nationalsozialistischen sowie diskriminierenden Ideologien» muss der 22-jährige Rekrut nun 360 Franken Busse und 450 Franken Verfahrenskosten bezahlen. Eine Strafe über 15 Tagessätze à 120 Franken setzte die Militärjustiz zur Bewährung aus. Das Verschulden sei «gerade noch als leicht einzustufen».
Weiterer Fall aufgetaucht
Blick hat die Urteile der Militärjustiz aus den vergangenen Monaten angeschaut. Es ist nicht der einzige Fall von rassistischen Whatsapp-Posts.
Auch im Rekrutierungszentrum Rüti ZH kam es zu Entgleisungen. Rekrut S. verschickte Bilder, die laut Justiz «menschenverachtende, rassistische Grundhaltungen» zeigten – und Kinderpornografie beinhalteten. Er verschickte Hitlerbilder, Sexszenen mit Hitlergruss und Hakenkreuzen. Sechs rassistische Posts innert elf Minuten. Darunter eine Tafel mit der Aufschrift «Juden werden hier nicht bedient».
Es sei quasi nur ein einziger Vorfall, weshalb das Unrecht eher gering ist, schreibt die Militärjustiz – «ohne die Tat bagatellisieren zu wollen». Der Mann löschte den Chat auch bald wieder. Alkohol war bereits geflossen. Er habe lustig sein und dazugehören wollen, sagte der Rekrut mit sonst makellosem Führungszeugnis. Und er schämte sich für die Tat.
Zehn Tagessätze zu 100 Franken, bedingt. 200 Franken Busse und 450 Franken Verfahrenskosten, so das Urteil.
Ist das Militär besser als die Zivilgesellschaft?
Ob es in der Armee häufiger oder seltener zu rassistischen Vorfällen kommt als im Rest der Bevölkerung, lässt sich nicht erhärten. Militärsoziologe Tibor Szvircsev Tresch hat vor einigen Jahren eine Umfrage verfasst. Am Ende der RS hatten zehn Prozent der Rekruten einen rassistischen Vorfall miterlebt, unter Personen mit Migrationshintergrund waren es 16 Prozent.
Interessant dabei: «Rekruten mit Migrationshintergrund gaben an, dass die Hautfarbe im Zivilleben eine stärkere Rolle spielt», so Szvircsev Tresch, der an der Militärakademie der ETH Zürich lehrt.
Gleichzeitig aber verbringe man in der Armee sieben Tage die Woche mit Personen, die man sich nicht selbst ausgesucht habe. Dies sorge für Animositäten. Je länger eine RS dauere, umso stärker seien deshalb Spannungen spürbar.
Feststellbar sei im Militär grundsätzlich auch eine gewisse Gruppenbildung, sagt Szvircsev Tresch: Romands gegen Deutschschweizer oder Tessiner, die als Polenta bezeichnet würden.
«Mit Trump wurde eine Schleuse geöffnet»
Szvircsev Tresch nimmt auch an, dass aktuell die Hemmung, sich rassistisch zu äussern, schwinden könnte. «Seit Trump an der Macht ist, ist eine Schleuse geöffnet worden. Man getraut sich in gewissen Kreisen, die weisse Identität stärker zur Schau zu stellen.» Allerdings geht er davon aus, dass dieser Effekt in der Zivilgesellschaft stärker spürbar sei. «Im Militär herrscht Nulltoleranz.»
Vergangenes Jahr veröffentlichte die Armee eine Studie zur Diskriminierung in der Armee. Diese fokussierte sich auf die Geschlechter, hielt aber allgemein fest, dass die «männliche Wettbewerbskultur» im Militär die Wahrscheinlichkeit erhöhe «für missbräuchliche Führungspraxen». «Zudem gehen sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einer sexistischen und rassistischen Organisationskultur einher.»