Darum gehts
- Adrian Knecht betont nach Anschlag in Berlin die Betroffenheit der queeren Community
- Knecht fordert klare politische Haltung gegen queerfeindliches Handeln und Radikalisierung
- Übergriffe auf Queere steigen massiv, auch Kommentarspalten fördern gefährliches Klima
«Berlin ist schockiert», sagt Adrian Knecht (37) am Telefon zu Blick. Der Co-Präsident von Pink Cross, der Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz, ist gerade in der deutschen Hauptstadt. Gestern feierte er selbst am CSD. Vom Anschlag erfuhr er in den Medien, er war zum betreffenden Zeitpunkt nicht mehr vor Ort.
Blick: Sie sind gerade in Berlin. Wie ist die Stimmung nach dem Anschlag?
Adrian Knecht: Der Anschlag ist ein Stich ins Herz der queeren Community. Wir kennen Berlin als Regenbogenhauptstadt und als queerfreundlichste Stadt Europas. Es gibt eine queere Kultur und Möglichkeiten, wie wir sie in der Schweiz nicht kennen. Berlin ist schockiert. Aus dem fröhlichen Fest für die queere Sichtbarkeit wurde ein schwarzer Tag. Es ist ein Gefühl von Taubheit, von Betroffenheit und Beklommenheit zu spüren.
Was macht der Vorfall mit Ihnen persönlich?
Über allem ist ein Gefühl der Trauer und des Mitgefühls – mit den Betroffenen und mit den Leuten, die das mitansehen mussten. Hinzu kommen Ärger und Wut. Man fragt sich: Wie kann das passieren? Ich habe es noch nicht verdaut. Mein Sicherheitsempfinden verändert sich. Gleichzeitig bin ich beeindruckt von der Solidarität, die ich erlebe. Ich habe sehr viele Nachrichten von Menschen erhalten, die sich Sorgen gemacht haben.
Was bedeutet dieser Anschlag für die queere Community?
Es ist verheerend, wenn eine so wichtige Veranstaltung, die die Sichtbarkeit, die Rechte und die Anerkennung von queeren Menschen zum Ziel hat, nicht mehr in Sicherheit stattfinden kann. Der Anschlag ist nicht nur ein Angriff auf die queere Community, sondern auf die Grundprinzipien der demokratischen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der Menschen so sein können, wie sie sind.
Sie haben das Sicherheitsempfinden angesprochen. Wie sicher fühlen Sie sich als queerer Mann allgemein in der Gesellschaft?
Die Statistiken zeigen, dass die Übergriffe massiv zunehmen. Das beginnt nicht mit solchen Gewalttaten, sondern in den Kommentarspalten. Wenn sich wichtige Aushängeschilder in der Politik nicht mehr klar positionieren und die Rechte von queeren Personen zu beschneiden beginnen, wird solchen Taten der Weg geebnet.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Wir sehen in den USA unter Präsident Trump, wie Massnahmen im Bereich Bildung und für die Gesundheit von queeren Menschen zusammengestrichen werden. Ihnen wird die Anerkennung abgesprochen. Dies verschafft Haltungen Legitimation, die in einer demokratischen Gesellschaft inakzeptabel sein müssten.
Gibt es auch in der Schweiz solche Tendenzen?
In der Schweiz ist zum Glück immer alles gemässigter. Es gibt weniger radikale Tendenzen. Das Schöne ist, dass in der Schweizer Politiklandschaft die Unterstützung von links bis weit in die Mitte und sogar rechts vorhanden ist. Wir wünschen uns aber, zum Beispiel bei Konversionstherapien, ein klareres Einstehen der Politik gegen queerfeindliches Handeln. Dort findet seit Jahren Gewalt im Versteckten statt. Hier könnte die Politik mit einem Verbot einfach und effektiv ein Zeichen setzen.
Höchstwahrscheinlich hat die Tat einen islamistischen Hintergrund. Geht von dort eine besondere Bedrohung für die queere Community aus?
Aus der Forschung wissen wir: Sobald eine religiöse Radikalisierung stattfindet, wird das Umfeld für queere Menschen sehr gefährlich, unabhängig von der Art der Religion. Der Staat muss in die Pflicht genommen werden, gegen solche Radikalisierung vorzugehen.
SVP-Nationalrätin Nina Fehr-Düsel kommentiert den Anschlag auf X folgendermassen: «Wann wachen die Linken und Queeren auf. Wir importieren Terror.» Was sagen Sie dazu?
Es ist hochproblematisch, wenn man die Tat nun für politische Forderungen instrumentalisieren will.
Indirekt sagt Fehr-Düsel: Gewisse Menschen mit Migrationshintergrund haben ein grösseres Problem mit queeren Menschen.
Ich habe am CSD Menschen gesehen, die nicht in Deutschland geboren sind. Menschen, auf deren sexuelle Orientierung im Heimatland die Todesstrafe stehen kann. Ihr Auftritt ist mutig. Wir müssen uns fragen: Wie schaffen wir die Integration, wie leben wir in einer multireligiösen Gesellschaft zusammen? Wie schaffen wir Austausch und wie können wir die Bildung fördern? Zuoberst steht ganz klar: Der Staat muss eine absolut eindeutige Haltung einnehmen. Er muss zeigen, dass es bei den Rechten und der Akzeptanz von queeren Menschen keinen Interpretationsspielraum gibt. Und noch etwas …
Bitte.
Das soll das Motto der kommenden Tage sein: Niemand soll sich alleine fühlen. Wir brauchen jetzt Solidarität und Zusammenhalt, nicht Hass.