Patientenüberwachung mit KI – Datenschützerin alarmiert
Big Brother im Kantonsspital

Ist Patient Nr. 003 glücklich? Ist der Teller leer gegessen, das Bett gemacht? Überwachungskameras am Spital Luzern können mehr als bisher bekannt.
Kommentieren
1/7
Am Luzerner Kantonsspital werden umstrittene Überwachungskameras eingesetzt.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
Raphael_Rauch (1).jpg
Raphael RauchBundeshausredaktor

Das Luzerner Kantonsspital (LUKS) feiert sich selbst. In TV-Beiträgen, Social-Media-Clips und Hochglanzbroschüren feiert das grösste nicht universitäre Zentrumsspital der Schweiz sein Programm «Virtual Care» als Revolution. Kameras im Krankenzimmer, Pflegende, die am Bildschirm arbeiten, und eine Zentrale, die alles im Blick hat – all das soll der Gesundheit dienen. Auf dem Papier gibt es nur Gewinner: Pflegerinnen werden entlastet, Patienten besser betreut. Kritische Fragen über die Wahrung der Privatsphäre und zum Datenschutz? Fehlanzeige.

Ganz anders klingt es in internen Unterlagen. Dort wird eine Welt beschrieben, die eher nach Big Brother als nach menschlicher Pflege aussieht. Hier ist von «erweiterter Personenwahrnehmung» die Rede und einer Technik, die keine Intimsphäre mehr wahrt. Sie soll Gesichter erkennen, den mimischen Ausdruck einzelner Patienten analysieren und daraus schliessen können, wie es ihnen geht. In einer Präsentation, die Blick vorliegt, steht: «Gesichtsausdruck erkannt – glücklich – Patient Nr. 003.» 

Ist der Teller leer gegessen?

Kameras dienen der Beobachtung der Patienten, künstliche Intelligenz optimiert die Auswertung der gesammelten Daten. Das System kann sogar registrieren, ob der Teller leer gegessen ist, ob ein Tablett fehlt, ob das Bett gemacht ist. Offiziell heisst das «Optimierung der Abläufe» und «Verbesserung der Patientenerfahrung». Faktisch entsteht eine lückenlose Kontrolle des Alltags im Spitalzimmer – inklusive Umziehen, Besuchsempfang oder Toilettengängen.

Das Luzerner Kantonsspital betont, dass es diese Möglichkeiten derzeit nicht praktisch umsetzt: «In der angesprochenen Folienpräsentation werden mögliche technologische Einsatzoptionen aufgezeigt. Das LUKS nutzt aktuell nur die Echtzeitübertragung, es gibt keine Aufzeichnungen», teilt ein Sprecher mit.

Gefahr von Cyberangriffen

Die Technik kommt aus der Überwachungsindustrie, das LUKS setzt südkoreanische Kameras und eine US-Software ein. Im täglichen Betrieb sitzen Mitarbeiter vor Bildschirmen, die mehrere Zimmer gleichzeitig überwachen und eingreifen, wenn ein Alarm ausgelöst wird.

Das Kantonsspital betont: «Die Patienten werden von der Ärzteschaft mündlich darüber aufgeklärt, dass die Mitarbeitenden in der Virtual Care Unit sie mittels Echtzeitübertragung sehen können.» Nach «erfolgter Zustimmung» werde das System freigeschaltet. «Auch in Mehrbettzimmern ist nur ein Bettenplatz sichtbar. An der Eingangstüre des Patientenzimmers befinden sich Hinweise auf die Kameras. Die Mitarbeitenden wissen selbstverständlich Bescheid.» Der Sprecher beteuert: Das Spital tue alles, um die Datensicherheit zu gewährleisten. Das ist auch nötig, denn weltweit kommt es immer wieder zu Hacks.

Was erfährt das US-Softwareunternehmen?

Der Fall Luzern zeigt, wie sich die Pflege verändert. In mehreren Schweizer Spitälern wird derzeit heftig darüber gestritten, ob Kameras – teils mit künstlicher Intelligenz – in Krankenzimmern eingesetzt werden sollen, um vor allem sturzgefährdete oder verwirrte Patientinnen und Patienten zu überwachen. Viele Häuser setzen einfache Hilfsmittel ein, etwa Druckmatten am Boden oder Sensoren im Bett. Wenn jemand aufsteht und Gefahr läuft zu stürzen, schlagen sie Alarm. 

Ob das Luzerner System direkt mit dem elektronischen Patientendossier der US-Spitalsoftware Epic verknüpft ist – einem zentralen System, in dem Namen, Diagnosen, Medikamente und Berichte gespeichert sind –, darüber gibt es widersprüchliche Angaben: Das Spital behauptet nein. Der Projektleiter erklärt jedoch auf Youtube: «Sobald die Verbindung im Klinik-Informationssystem Epic aufgebaut ist, kann die Videokonsultation starten.» 

Wer hört alles mit?

Sollten Livebilder aus dem Krankenzimmer direkt mit der Identität des Patienten verbunden sein, wäre das für Datenschützer ein Albtraum. Das Kantonsspital betont: «Die Sensibilität der Datenbearbeitung ist uns bewusst. Wir haben mit dem Start des Projekts daher, wie rechtlich vorgeschrieben, eine Risikoabschätzung hinsichtlich der geplanten Echtzeitübertragung gemacht.»

Auf kritische Fragen reagiert das Luzerner Kantonsspital ausweichend. Zu den Kosten des Virtual-Care-Projekts schweigt das LUKS ebenso wie zu datenschutzrechtlichen und ethischen Bedenken. Die Spitalzimmer sind nicht nur mit Kameras, sondern auch mit Mikrofonen ausgestattet. Offen bleibt, wie sich verhindern lässt, dass jemand mithört, was dort besprochen wird.

Die Datenschützerin weiss von nichts

Auch beim Schutz vor Cyberangriffen bleibt vieles im Dunkeln. Das Spital betont, es setze auf «bewährte Sicherheitsstandards» mit getrennten Netzwerken und Zugriffsregeln. Unklar ist, ob und wie externe Technikfirmen – die Hersteller von Kameras und Software – Zugriff haben, etwa für Wartung, Tests oder Fehlerbehebung.

Die Luzerner Datenschutzbeauftragte Natascha Ofner (43) erfuhr erst durch Blick von den Überwachungskameras im LUKS: «Ich wurde über das Projekt bisher nicht informiert.» Ofner betont: «Wir müssen beigezogen werden, wenn ein datenschutzrelevantes Vorhaben ein hohes Risiko für die Persönlichkeit oder die Grundrechte der betroffenen Personen zur Folge hat, obwohl Massnahmen vorgesehen sind oder wenn entsprechende Anzeigen eingehen.»

Bern verfolgt die Diskussion

Der Bund verfolgt die Diskussion aufmerksam. «Das Thema beschäftigt viele Spitäler in der Schweiz», sagt eine Sprecherin des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten zu Blick. «Wir tauschen uns dazu mit den kantonalen Datenschutzbeauftragten aus. Der Datenschutz für öffentliche Spitäler ist kantonal geregelt, und es ist wichtig, dass er eingehalten wird.»

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen