On-Gründer David Allemann
Wer das Fenster zunagelt, verliert die Schweiz
Am 14. Juni stimmen wir nicht über eine Zahl ab. Wir stimmen darüber ab, was die Schweiz sein will. Als Mitgründer von On, mit über 1200 Arbeitsplätzen in Zürich, sage ich klar: Wer die Tür zumacht, exportiert die Innovation. Ich werde Nein stimmen. Hier ist warum.
Vom Bauernhof zum On Lab
Mein Urgrossvater Lukas war Bauer in Welschenrohr, einem Dorf im Solothurner Jura. Er heiratete eine Hugenottin aus Frankreich. Sie brachte ein Handwerk mit, das er nicht kannte: Sie wusste, wie man Uhrenschalen mit Rundschliff poliert. Auf ihr Drängen hin schlug mein Urgrossvater ein grosses Fenster in die Scheune. In den langen Wintermonaten polierte das Paar dort Uhrenschalen für die Schweizer Uhrenmanufakturen. Aus einem Bauerndorf wurde ein Zentrum der jungen Uhrenindustrie.
Diese Scheune ist heute unser On Lab in Zürich. Die Hugenottin von damals sind unsere über 400 Forscherinnen und Ingenieure aus aller Welt: Sportwissenschaftlerinnen, Designer, Robotikerinnen, Materialexperten.
Das Prinzip ist exakt dasselbe geblieben. Schweizer Mut, gepaart mit internationalem Können, schafft Schweizer Wohlstand. Wenn man das Fenster zunagelt, stirbt die Innovation.
Die Schweiz war nie ein geschlossener Club
Vor 150 Jahren war die Schweiz das ärmste Land Europas. Heute sind wir eine reiche Erfolgsnation, deren Bedeutung weit grösser ist als unsere Fläche. Warum boxt die Schweiz seit 150 Jahren über ihrem Gewicht? Nicht weil sie wie die alten europäischen Monarchien Privilegien in starren Eliten zementiert hätte. Sondern weil sie eine Leistungsdemokratie ist. Wer anpackt, gehört dazu.
Henri Nestlé kam aus Deutschland in die Schweiz. Hans Wilsdorf, der Gründer von Rolex, ebenfalls. Nicolas Hayek, der Retter der Schweizer Uhrenindustrie, kam aus dem Libanon. Auch die Vorfahren von Christoph Blocher wanderten im 19. Jahrhundert aus Württemberg ein. Das ist nichts Schlechtes. Das ist die Geschichte unseres Landes. Schweizer Geschichte ist Leistungsgeschichte. Wir haben es nicht trotz, sondern mit den Zuwanderern geschafft, die wir mit Selbstvertrauen hierher geholt und integriert haben.
Unseren Platz in der Welt behaupten
On ist diese Erfolgsformel in der Praxis. Eine globale Sportmarke aus einem Land mit weniger Einwohnern als Grosslondon zu bauen, das brauchte Mut. Vielleicht etwas Grössenwahn. Wir haben die besten Kolleginnen und Kollegen aus Europa, den USA und Asien zu unseren Schweizer Mitarbeitenden geholt. Wir führen unser globales Hauptquartier bewusst in Zürich, nicht in New York, Paris oder Singapur. Über 1200 hochqualifizierte Arbeitsplätze sind hier entstanden.
Die Kambundji-Schwestern aus Bern und Spitzenathletinnen weltweit gewinnen Medaillen in Schuhen, die in Zürich konstruiert werden. Die LightSpray-Wettkampfschuhe werden in der Schweiz im Minutentakt von Robotern gesprayt.
On erwirtschaftet Milliardenumsätze rund um die Welt und bringt das Geld zurück. Wir zahlen hier Steuern: für die Schulen unserer Kinder, für die Spitäler unserer Eltern, für die AHV.
On ist eine der ganz wenigen Konsumentenmarken aus Europa, die in den letzten Jahrzehnten globale Bedeutung erreicht haben. Wir sind der schweizerische David gegen die amerikanischen Goliaths.
Aber: Wenn man uns die Talente verwehrt, wird On nicht untergehen. Wir wären als globales Unternehmen gezwungen, unsere nächsten Innovations-Hubs anderswo zu bauen, in New York, in Paris, in Singapur. Dann wandern Innovation, Arbeitsplätze und am Ende auch das Steuergeld ab. Das ist nicht im Interesse der Schweiz.
Die wahren Zahlen heissen Anna, Pradeep, Sofia
Die Zuwanderungsdebatte verdient mehr Sachlichkeit. Laut Bundesamt für Statistik (BFS) sind nur rund 10-13 Prozent der Zuwanderung seit der Jahrtausendwende Asylsuchende. Das ist eine andere, wichtige Debatte, die wir politisch ernsthaft lösen müssen.
Aber die übrigen 87 Prozent? Die kommen, um zu arbeiten, zu studieren, beizutragen.
Das sind keine Belastungen. Das ist Anna, die Pflegefachfrau aus Portugal, die unsere Eltern im Heim pflegt. Das ist Pradeep, der an der ETH an neuen Krebsmedikamenten forscht. Das ist Sofia, die bei On den Code schreibt, mit dem unsere Roboter Schuhe sprühen.
Genau diese Fachkräfte brauchen wir wegen der Alterung unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren dringender, nicht weniger.
Shinkansen statt Schranken
Die Antwort auf das Wachstum ist nicht Abschottung, sondern Effizienz.
Alfred Escher hat als grosser Macher der Schweizer Geschichte die ETH, die Bundesbahnen und den Gotthardtunnel realisiert. Seine Familie war zuvor aus den USA in die Schweiz zurückgekehrt, die Zürcher Elite nannte sie herablassend «die Amerikaner». Gerade darum hatte Escher den Mut, die Schienen für die moderne Schweiz zu legen.
Das ist heute wieder unsere Aufgabe. Ich war kürzlich mit meiner Familie in Tokio, einer der dichtest besiedelten Metropolen der Welt. Trotzdem fahren die Züge auf die Sekunde pünktlich, sind die Bahnhöfe ruhig, funktioniert das Zusammenleben. Nicht weil Tokio sich abgeschottet hätte, sondern weil es sich klug organisiert.
Das ist auch unsere Antwort. Nicht ein Deckel in der Bundesverfassung, sondern klügerer Wohnungsbau, smartere Infrastruktur, konsequente Digitalisierung. Wenn das Zusammenleben in der Schweiz gut organisiert ist, wird Vielfalt zu unserem grössten Wettbewerbsvorteil.
Wir haben den Gotthard gebaut, als ihn niemand für möglich hielt. Die neuen Schienen der Zukunft können wir auch legen.
Lassen wir das Fenster offen
Die Welt steht an einem Wendepunkt. Geopolitik, Zölle, Technologie, Sicherheit, Demografie. Alles bewegt sich gleichzeitig. Die Schweiz ist unter Druck und braucht neue Stärke, um sich zu behaupten.
Wenn wir jetzt auf Innovation und Offenheit setzen, können wir in Zukunft mit Selbstbewusstsein aus einer Position der Stärke entscheiden.
Mein Urgrossvater hat damals ein Fenster in die Scheune geschlagen, damit Licht hereinfiel. Aus diesem Licht ist die Schweiz entstanden, die wir heute kennen. Und On. Und Hunderte andere Schweizer Erfolgsgeschichten.
Am 14. Juni können wir das Fenster offen lassen oder es zunageln. Lassen wir es offen. Stimmen Sie Nein.
* David Allemann (56) ist Mitgründer und Co-CEO der Schweizer Sportmarke On, die er 2010 gemeinsam mit Olivier Bernhard und Caspar Coppetti gegründet hat. Das Unternehmen beschäftigt heute über 1200 Mitarbeitende im Entwicklungszentrum On Labs in Zürich und gehört zu den weltweit erfolgreichsten Sportmarken. Allemann lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.
Patron Fritz Schlagenhauf
Das ist doch nicht mehr unsere Schweiz!
Ich kann nicht verstehen, dass die Probleme so wenig ernst genommen werden. Die Zuwanderung kann so nicht weitergehen. Wir können doch nicht immer noch mehr und noch mehr in die Schweiz stopfen.
Die Schweiz hat viel Positives zu bieten, und unser Land funktioniert gut. Ich bin viel gereist, aber am schönsten ist es in der Schweiz. Wir haben eine hohe Lebensqualität mit einer wunderschönen Natur, und sowohl Löhne als auch die Sozialleistungen sind attraktiv. Das sind die Hauptgründe, weshalb so viele Menschen in unser Land kommen wollen. Das empfinden nicht nur wir so. Deshalb zieht es so viele hierher.
Das hat spürbare Folgen. Wir alle merken, dass die vermeintlich perfekte Schweiz zunehmend an ihre Grenzen stösst – sei es durch verstopfte Strassen, die schwierige Wohnungssuche oder die Herausforderungen an unseren Schulen. Diese Entwicklung bereitet uns Sorgen. Das ist doch nicht mehr unsere Schweiz!
Viele Betriebe stellen fest, dass sich die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Berufsausbildung in den vergangenen Jahren deutlich verändert haben. Diese Entwicklung ist auch im Alltag der Lehrbetriebe zunehmend spürbar.
Ich bin überzeugt, dass der Bedarf an Arbeitskräften auch mit der Initiative gedeckt werden kann. Schliesslich könnten weiterhin rund 40'000 Fachkräfte pro Jahr in die Schweiz einwandern. Entscheidend ist eine gezielte Steuerung der Zuwanderung. Früher hat es dafür Kontingente und Saisonniers gegeben – Modelle, die heute oft kritisiert werden. Aus Sicht vieler Betriebe hat dieses System jedoch gut funktioniert.
Ich bin für ein gesundes Wachstum. Doch die aktuelle Entwicklung überfordert das Land. Zudem hat das Sicherheitsgefühl vieler Menschen massiv abgenommen.
Politisch fühle ich mich weiterhin der FDP verbunden und bleibe es auch. Gleichzeitig finde ich es richtig, dass die SVP das Problem Zuwanderung in Angriff nimmt. Es braucht Grenzen!
Wir müssen jetzt ein Zeichen setzen, damit endlich gehandelt wird. Deshalb unterstütze ich als Unternehmer ganz klar die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!».
* Fritz Schlagenhauf (87) ist Inhaber des Familienunternehmens Schlagenhauf, das seit 1934 im Bauhandwerk tätig ist und heute an mehreren Standorten im Grossraum Zürich, Winterthur, Baar und Baden präsent ist.