Darum gehts
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Im Internet überschlagen sich die Abnehmtipps, in Läden stapeln sich die Proteinpulver. Je irrer der Schlankheitswahn, desto fetter die Beute für «den Wolf». Doch jetzt schlägt auch der Schweizer Konsumentenschutz Alarm, wie Blick weiss.
Der deutsche Influencer Christian Wolf (31) gründete 2017 mit Michael Weigl (44) die Marke More Nutrition. Sie vertreibt kalorien- und zuckerreduzierte Lebensmittel. Experten schätzen den Jahresumsatz auf bis zu 660 Millionen Euro. Seit einem Jahr führt auch Coop Produkte im Sortiment.
Auf Social Media präsentieren Konsumenten ihre More-Lager. «Andere haben Drogenprobleme, ich habe das hier», heisst es in einem Video. Kühlschrank, Gewürzregal, Abstellschrank – selbst das Schlafzimmer ist vollgestopft mit bunten Proteinpulver-Dosen. Hardcore-Fans prahlen damit, bereits «über 10’000 Franken» für More-Produkte ausgegeben zu haben.
Auch Wolf, spöttisch «Pulver-Klaus» genannt, geniesst unter seinen 1,8 Millionen TikTok-Followern Kultstatus. Schon bei geringster Kritik verteidigen ihn seine Fans, die sich selbst als «More-Sekte» bezeichnen.
Doch mit der Marke ist nicht nur Zuckerschlecken. Es gibt mehrere Kritikpunkte.
Vorwurf 1: Überrissene Preise
Auch der Schweizer Konsumentenschutz hat More im Visier. «More Nutrition ist uns bekannt. Bei uns sind bisher zwei Beschwerden zum Unternehmen eingegangen, beide im Jahr 2025», sagt eine Sprecherin zu Blick. Beide betrafen die Preise für Schweizer Kunden. So kostet der Protein Iced Coffee Latte Macchiato in Deutschland umgerechnet 33.25 Franken, in der Schweiz hingegen 43.90 Franken.
«Wir verstehen, dass Preisunterschiede zu Deutschland für Schweizer Kundinnen und Kunden ärgerlich sind», sagt eine Sprecherin von More Nutrition zu Blick. Jede Sendung in die Schweiz verursache zusätzliche Zoll- und Versandkosten. Und auch Personal, Logistik und Vertrieb seien hierzulande teurer.
Vorwurf 2: Künstliche Verknappung
Noch stärker als die Preise kritisiert der Konsumentenschutz die Marketingstrategie: «More setzt auf künstliche Verknappung», so die Sprecherin. Oft sind die Produkte nach wenigen Minuten ausverkauft. «Sonntags bei More zu bestellen fühlt sich an wie Tickets für Justin Bieber zu bekommen», schreibt eine Nutzerin auf TikTok. Im Shop setzt More auf sogenannte Dark Patterns: etwa Countdowns, die eine begrenzte Verfügbarkeit suggerieren.
«Limitierte Editionen sind Teil unseres Konzepts, und unsere Community schätzt sie», sagt die Sprecherin der Marke dazu. Neue Sorten bringe man «bewusst in begrenzter Menge» auf den Markt. Die Verfügbarkeitsangaben im Online-Shop orientierten sich laut More an den geplanten Warenkontingenten.
Vorwurf 3: Umstrittene Zutaten
Besonders beliebt sind Sirups mit künstlichen Süssstoffen, die More als kalorienfreie Zuckeralternative vermarktet. Influencer kippen sie in fast alles: ins Joghurt der Kinder, in Drinks an der Bar oder über einen Apfel.
Davor warnt die deutsche Organisation Foodwatch: «Süssstoff-Produkte selbst führen nicht zu einer Gewichtsreduktion – auch wenn das in der Werbung so rüberkommt.» Zudem gebe es Hinweise, dass Süssstoffe die Gewöhnung an süssen Geschmack und damit eine höhere Kalorienaufnahme fördern könnten.
More weist die Vorwürfe zurück: «Süssstoffe sind kein Abnehmmittel, und wir bewerben sie auch nicht als solches.» Sie ersetzten in den Produkten Zucker und könnten so helfen, Kalorien einzusparen. Eine sechsmonatige Studie der Universität Wageningen hat laut More keine verstärkte Vorliebe für Süsses festgestellt.
Immer mehr Essstörungen
Foodwatch gewann bereits einen Rechtsstreit gegen More Nutrition vor einem deutschen Landgericht. Dabei ging es unter anderem um Werbeversprechen für Vitamin-B6-Kapseln, die angeblich die «Hormontätigkeit regulieren».
Auf Instagram teilte More den Erfahrungsbericht einer Kundin, die nach der Einnahme wieder ihre Periode bekommen habe und später schwanger geworden sei. «Die Heilsversprechen von More Nutrition führen Konsumenten nicht nur hinters Licht – sie verstossen auch gegen geltende Gesetze», sagt Foodwatch-Sprecherin Laura Knauf zu Blick. Auch der Schweizer Konsumentenschutz kritisiert solche Aussagen.
More Nutrition reagierte: Die beanstandeten Inhalte wurden entfernt. Creatorinnen und Creator werden unterdessen zu zulässigen Werbeaussagen und zur Werbekennzeichnung geschult. Die Firma betont zudem, Wolf sei zwar Mitgründer, aber nicht operativ im Unternehmen tätig.
Solche Werbeversprechen können Folgen haben. «Jungen Menschen wird auf Social Media ein völlig falsches Bild von gesunder Ernährung vermittelt», warnt Foodwatch. Die Werbung suggeriere, es sei normal, ganze Mahlzeiten durch Shakes zu ersetzen und «jeden Abend eine Hand voll Pillen» zu schlucken.
Der Druck, den eigenen Körper ständig zu optimieren, wächst. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Mädchen mit Essstörungen verdoppelt. «Das sind alarmierende Zahlen, an denen Social Media und die Werbung von Unternehmen, die Abnehmprodukte verkaufen, nicht unschuldig sind», so Knauf.
«Unsere Produkte ergänzen eine ausgewogene Ernährung, sie ersetzen sie nicht», entgegnet More. «Essstörungen sind eine ernste Erkrankung, und wir nehmen das Thema, gerade bei Jugendlichen, sehr ernst». Extreme Diäten und unrealistische Körperideale hätten in der Kommunikation keinen Platz.
Ob Nahrungsergänzung oder krankhaftes Essverhalten: Der Schlankheitswahn ist zurück. Und More Nutrition verdient viel Geld damit.