Eine warme Brise weht, die Sonne sinkt langsam hinter den Horizont. In der Ferne kreischt eine Möwe. Klingt nach Ferien am Mittelmeer, ist aber Alltag in der Schweiz. Hier hat sich die Mittelmeermöwe breitgemacht.
Weggeworfener Abfall bietet ihr reichlich Nahrung, während der Klimawandel das Überwintern erleichtert. Doch die Vögel bringen nicht nur Feriengefühl. Sie kreischen in den frühen Morgenstunden, besetzen Dächer und verdrecken Autos. Jetzt schaltet sich die Politik ein.
Wie «Zentralplus» berichtete, fordern vier Zuger Kantonsräte Antworten von der Regierung. Sie wollen wissen, wie stark die Population gewachsen ist, welche Folgen für Hygiene, Infrastruktur sowie Biodiversität drohen und welche Massnahmen – von Fütterungsverboten bis Abfallmanagement – den Gemeinden offenstehen.
Zug wollte die Meeresvögel abschiessen
2024 versuchte der Kanton Zug vergeblich, den Schutzstatus der Mittelmeermöwe auf Bundesebene aufzuheben, um der Wildhut gezielte Vergrämungsschüsse zu ermöglichen. Dabei geht es nicht um die konsequente Jagd, sondern darum, vereinzelte Tiere zu töten, damit Artgenossen lernen, die betroffenen Gebiete zu meiden. Da der Bund am Schutz festhielt, sind nun kreative Alternativen gefragt.
Auch im Kanton Uri sorgen die lärmenden Pommesdiebe für Ärger. Die dortige FDP fordert ein koordiniertes Vorgehen. «Die Schweizerische Vogelwarte dokumentiert Konkurrenzsituationen zwischen der Mittelmeermöwe und kleineren Arten wie der Lachmöwe und der Flussseeschwalbe», so die Antragstellenden. Es komme vor, dass Mittelmeermöwen Eier und Jungvögel sowie gelegentlich auch Altvögel anderer Wasser- und Möwenarten erbeuten. Die konkurrenzstärkere Mittelmeermöwe könne dadurch zusätzlichen Druck auf kleinere und teilweise gefährdete Vogelarten ausüben.
«Wir müssen lernen, mit der Möwe zusammenzuleben»
Die Schweizerische Vogelwarte bremst die Debatte deutlich ab. «Die Mittelmeermöwe ist eine einheimische Vogelart, die seit rund 60 Jahren in der Schweiz brütet», schreibt ein Sprecher auf Anfrage von Blick. Nach einem starken Bestandsanstieg sei der Bestand seit zehn Jahren stabil oder gehe sogar wieder leicht zurück. Dass sie auf Flachdächern brütet, ist seit über zwei Jahrzehnten bekannt: Die Dächer bieten geschützten Ersatz für natürliche Kiesinseln, fernab von Füchsen, Hunden und Störungen.
Zudem warnt die Vogelwarte vor einem verzerrten Bild: «Diejenigen Personen, die sich von den Möwen gestört fühlen und Massnahmen fordern, sind womöglich besonders laut.» Dabei freuen sich viele Personen über die Möwen in der Stadt und die Rufe, die an Ferien am Meer erinnern. «Massnahmen können zudem kostspielig und aufwendig sein und Emotionen auslösen. Wie bei anderen Tierarten im Siedlungsraum müssen wir früher oder später lernen, mit der Mittelmeermöwe zusammenzuleben», schreibt der Verband. Besonders für die Landwirtschaft sei der auch Meeresvogel nützlich, da er Schädlinge wie Insekten und Mäuse frisst.